Polens Wirtschaft boomt und sie expandiert unter anderem nach Deutschland. Bei einem Wachstum von über drei Prozent kann sich Deutschland bei seinem Nachbarland so einiges abschauen, erklärt ein Wirtschaftsberater.
Während Deutschlands Wirtschaft seit mehreren Jahren auf der Stelle tritt, verzeichnet Polen seit zwei Jahren hohe Zuwächse. In einer Schätzung für das Jahr 2025 hat die polnische Wirtschaft ein Wachstum von etwa 3,2 Prozent zu verzeichnen.
"Die Polen können stolz sein auf die Leistungen der letzten Jahrzehnte, den Aufbau, die Veränderungen, die sich hier vollzogen haben, das was erreicht wurde, die Unternehmen, die aufgebaut wurden", sagt auch Polenexperte und Berater im deutsch-polnischen Wirtschaftsaustausch, Leo Mausbach in einer Sendung von Polskiego Radia.
Wirtschaft: Polen boomt, Deutschland stagniert
Über die vergangenen Jahre haben sowohl Deutschland als auch Polen wirtschaftlich Höhen und Tiefen erlebt. In dem wirtschaftlich eher schwierigen Setting der vergangenen Jahre hat Polen jedoch eindrückliches Wachstum gezeigt, während Deutschland wie viele andere EU-Länder im Vergleich nicht mithalten konnte.
So ist Polens Wirtschaft nach Einschätzungen der EU-Kommission im vergangenen Jahr um etwa 3,2 Prozent gewachsen, die deutsche Wirtschaft hat gerade einmal ein Wachstum von 0,2 Prozent zu verzeichnen. Zuvor befand sich die deutsche Wirtschaft in der Stagnation, während Polen auch 2024 deutlich nach oben geschossen ist.
Auch für die kommenden Jahre sagt die europäische Kommission Polen bessere Wachstumsraten voraus. Während Deutschland im laufenden Jahr und 2027 mit einem Wachstum von immerhin 1,2 Prozent wieder schwarze Zahlen schreiben könnte, legt Polen nach Einschätzungen der EU-Kommission im laufenden Jahr ganze 3,5 Prozent und im Jahr 2027 noch 2,8 Prozent an Wachstum zu.
Hat Polen also die Krisen der vergangenen Jahre besser verkraftet?
Wirtschaftsberater: Polen zum Land der Projektionen geworden
In Deutschland habe man "nicht mehr das Gefühl, dass es vorangeht. Man hat mitunter das Gefühl, dass vieles schwieriger wird im Leben", erklärt Leo Mausbach, Berater im deutsch-polnischen Wirtschaftsaustausch in einer Sendung von Polskiego Radia.
In Polen hingegen sei "dieser Ehrgeiz, der Aufstiegswille, dass es vorangeht. Und alle haben diese Überzeugung, es wird besser, es muss besser werden und wir arbeiten daran", so Mausbach. Polen sei ihm zufolge ein Aufstiegsland, in Deutschland sei dieses Lebensgefühl jedoch abhandengekommen.
Dieser grundlegende Unterscheid heißt für Mausbach jedoch nicht, dass Polen die Wirtschaftslage ganz und voll im Griff habe. Im Gegensatz zu Ländern wie etwa Spanien und Deutschland müssten "die wirtschaftliche Substanz in Polen, die Unternehmen, die heimischen Unternehmen" noch weiter wachsen. Andere europäische Länder hätten bereits länger Zeit gehabt, wirtschaftliche Substanz aufzubauen und würden somit auch über größere und solidere Unternehmen verfügen.
Er sehe in der steigenden Aufmerksamkeit für Polen eher auch eine Projektion von Ländern, die in den vergangenen Jahren mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, erklärte Mausbach in der Radiosendung. Das sei auch in der Wirtschafts- und Finanzkrise nach 2008 der Fall gewesen. Polen sei "zu einer Art Antigriechenland geworden".
Womit Polen punkten kann
Mausbach betonte jedoch die klaren Vorteile des Standorts Polen: "Genehmigungsverfahren sind schneller, oft digitaler als in Deutschland", erklärte er und bestätigte auch das vielgebrachte Argument der sauberen Städte.
"Polen hat sich damals beworben als die grüne Insel, die eben nicht mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums zu kämpfen hatte", so Mausbach. Inzwischen habe sich, beispielsweise indem Polen Spanien beim Pro-Kopf-Einkommen überholt hat, die Lebensqualität in Europa angeglichen.
Für Mausbauch gibt es derzeit insbesondere zwei Stellschrauben, um die polnische Wirtschaft weiterhin voranzubringen: Einen starken Fokus auf den polnischen Mittelstand sowie das Ausbalancieren asymmetrischer Hierachien.
War es in der Vergangenheit oftmals so, dass Polen Teile für deutsche Unternehmen als Zulieferer hergestellt hat, haben nach Aussage Mausbachs insbesondere Teams, in denen diese Asymmetrie abgenommen hat, bessere Erfolgschancen. "Das führt dazu, dass die Qualität der wirtschaftlichen Beziehungen besser wird, dass man auch gemeinsam wächst".
Inzwischen würden Unternehmen eher kooperieren, statt Hierarchien zwischen den Ursprungsländern, in dem einerseits die Herstellung und andererseits der Vertrieb stattfindet, aufrechtzuerhalten. "Und gerade im Bereich dieser ganzen Thematik rund um Nachfolgeproblematik, dem demografischen Wandel, ist es immer häufiger so, dass es Unternehmenseigentümer gibt, die verkaufen wollen und sich freuen, wenn der Käufer aus Polen kommt und nicht aus China zum Beispiel", so Mausbach.
Über Generationen hinweg haben sich auch viele polnische Unternehmen im Mittelstand entwickelt. Diesen sollten Polen "viel mehr Aufmerksamkeit widmen", denn oftmals würden sich nun neue Standorte im Ausland, teilweise durch Übernahmen entwickeln.
Polnische Expansionsstrategie: Deutsche Unternehmen aufkaufen
Wenn Mausbach von wirtschaftlicher Substanz spricht, bezieht er sich beispielsweise auf mittelständische polnische Unternehmen. Durch ihr jahrelanges Dasein und harte Arbeit über Generationen hinweg halten sich diese Unternehmen und entwickeln sich zwar teilweise langsamer, dadurch aber mit mehr Stabilität und Kontinuität.
In Polen sei es immer eine große Nachricht, wenn eine polnische Firma ein deutsches Unternehmen kaufe. Doch das kommt inzwischen häufiger vor und sei kein Ausnahmefall mehr. Die internationale Expansion sei inzwischen als Thema im polnischen Mittelstand angekommen. Mittlerweise gebe es auch Branchentreffen, bei denen polnische Firmen ihre Erfahrungen mit der Übernahme oder Integration deutscher Unternehmen teilen und weitergeben würden.
Mit dieser Strategie versuche man, von den eher gesättigten westeuropäischen Märkten "ein Stück vom Kuchen sozusagen zu kaufen, anstatt ganz neu zu versuchen, eine Marke zu etablieren auf einem Markt, wo es alles schon gibt". Mausbach bewertet das als den richtigen Weg für einen Einstieg in schwierige Märkte. Deutschland sei hierbei als größter einzelner Markt im europäischen Binnenmarkt besonders interessant.
Deutsches Unternehmen, polnische Übernahme
Unter anderem im Bauwesen und der Industriebranchen finden sich bereits deutsch-polnische Power-Couples. So hat beispielsweise der polnische Hersteller von LKW-Aufliegern Wielton das deutsche Unternehmen Langendorf gekauft. Gemeinsam betreiben sie ein Werk in Wielún, Polen, das durch Investitionen und Automatisierung der Fertigungsprozesse eine der modernsten Produktionsstätten der Gruppe sein soll.
Bereits seit 2017 hält Wielton 80 Prozent der Anteile an Langendorf, bis zum Jahr 2025 hat es das deutsche Traditionsunternehmen zu 100 Prozent übernommen. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben aufgrund der Handelskomplikationen durch den Bürgerkrieg im Osten der Ukraine im Jahr 2014 stärkere Positionen im westeuropäischen Markt gesucht. Inzwischen verfügt das polnische Unternehmen über Firmen in Italien, Frankreich, Deutschland und Großbritannien.
Auch das Unternehmen Nowy Styl, das im Jahr 1992 in Polen gegründet würde, besitzt inzwischen Firmen in Deutschland, Frankreich, Schweiz, Russland, Ukraine und einigen weiteren Ländern. Aus Deutschland hat Nowy Stil 2011 die Firma Sato Office und 2013 den deutschen Büromöbelhersteller Rohde und Grahl akquiriert. Das Unternehmen hat unter anderen das Stadion von VW Wolfsburg mit Sitzen ausgestattet.
Nach Angaben der Nachrichtenplattform Bloomberg sollen polnische Unternehmen im vergangenen Jahr 22 Übernahmen in Westeuropa angekündigt haben. Dabei handele es sich um die höchste Zahl, die jemals verzeichnet worden war.
Ministerpräsident Donald Tusk zitierte Mitte Februar deutsche Medien mit der Aussage: "Die Polen kommen." Er schrieb weiter auf der Plattform X: "Sehen Sie, wie sich diese Formulierung in den letzten 30 Jahren verändert hat". Inzwischen würden polnische Unternehmen etablierte westliche Marken übernehmen, nicht umgekehrt.