Privatjets stoßen bis zu vierzehnmal so viele Emissionen aus wie Linienflieger. Jetzt nutzen Menschen sie, um vor der eskalierenden Gewalt im Nahen Osten zu fliehen.
Überteuerte Privatjet-Anbieter werden mit Anfragen überschwemmt. Die Superreichen versuchen, Dubai im Krieg gegen den Iran so schnell wie möglich zu verlassen.
Nachdem Angriffe Luxushotels und den Dubai International Airport – das wichtigste Luftverkehrsdrehkreuz der Vereinigten Arabischen Emirate – getroffen hatten, stellten die Behörden am Wochenende sämtlichen Flugverkehr ein. Nach der achtundvierzigstündigen Sperre nahm der Flughafen den Betrieb nur eingeschränkt wieder auf. Airlines wie Emirates erklärten, dass sie vorrangig Reisende mit früheren Buchungen abfertigen.
Mit Tausenden Gestrandeten, die um ihre Sicherheit fürchten, versuchten viele, aus Dubai zu fliehen und die vierstündige Fahrt nach Maskat im Oman auf sich zu nehmen. Einige machten sich sogar auf die zehnstündige Reise nach Riad, die Hauptstadt Saudi-Arabiens.
Doch die meisten Linienflüge von Maskat nach Europa waren bis später in der Woche ausgebucht. Für Gestrandete blieb damit nur die Wahl: bleiben und auf das Beste hoffen – oder einen Privatjet chartern.
Die explodierende Nachfrage ließ die Preise für Charterflüge in die Höhe schießen; Superreiche zahlen dem Vernehmen nach bis zu 200.000 Euro, um aus der Stadt oder aus der Umgebung herauszukommen.
Der Privatjet von Fußballsuperstar Cristiano Ronaldos Privatjet startete am Montagabend aus Saudi-Arabien. Italiens Verteidigungsminister Guido Crosetto reiste bereits am vergangenen Wochenende mit seiner Familie an Bord eines Militärflugzeugs aus.
„Über dem Chaos davonfliegen“ in Dubai
Tyrone Scott von War on Want (Quelle auf Englisch), einer britischen Hilfsorganisation, die Armut bekämpft und Menschenrechte verteidigt, sagt gegenüber Euronews Green, der Boom bei Privatjet-Flügen offenbare eine „krasse globale Ungleichheit“.
„Wenn Krisen ausbrechen, können die Reichsten der Welt buchstäblich über das Chaos hinwegfliegen. Millionen andere sitzen dagegen in Konfliktgebieten fest oder stehen vor verschlossenen, streng bewachten Grenzen“, sagt er.
Dubai gilt seit Langem als Spielplatz der Reichen: Glanz, Glamour und keine Einkommensteuer ziehen Vermögende an. Doch der Reiz der Stadt – verstärkt durch Social-Media-Influencer – ruht auf den Schultern von Arbeitsmigrantinnen und -migranten, die nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen systematisch ausgebeutet werden.
Im Jahr 2023 stellte die Nichtregierungsorganisation FairSquare (Quelle auf Englisch) fest, dass Bauarbeiter mit Migrationshintergrund auf dem Gelände der COP28 in Dubai bei extremer Hitze im Freien arbeiten mussten – Bedingungen, die „ihre Gesundheit ernsthaft bedrohten und tödlich sein konnten“.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 2024 warnte zudem, dass einkommensschwache Migrantinnen und Migranten in den VAE von einem langanhaltenden Dengue-Ausbruch nach verheerenden Überschwemmungen im Frühjahr besonders stark betroffen seien.
„Während sich Dengue-Fälle in der Bevölkerung ausbreiteten, traf es Arbeitsmigrantinnen und -migranten besonders hart. Sie leben in marginalisierten Vierteln und haben kaum Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung“, sagte damals James Lynch, Co-Direktor von FairSquare.
Für diese Beschäftigten, das Rückgrat der beeindruckenden Skyline Dubais und seiner riesigen Einkaufszentren, ist eine Flucht vor dem Konflikt keine Option.
„Die Ungleichheit, die im Zentrum dieser Geschichte steht, ist zugleich die Wurzel der Klimakrise“, sagt Hannah Lawrence, Sprecherin des Netzwerks Stay Grounded.
„Die Superreichen können Zehntausende Euro zahlen, um im Privatjet zu fliehen; diejenigen, die von Krieg und Klimakrise am stärksten betroffen sind, können das nicht.“
Lawrence betont, Sicherheit dürfe nicht davon abhängen, ob man sich einen Privatjet leisten kann. „Alle Menschen haben ein Recht auf Sicherheit und auf eine Zukunft, in der sie sich entfalten können“, fügt sie hinzu.
„Wir müssen der rasant wachsenden Ungleichheit durch Privatjets, Luxustourismus und die Privilegien der Ultra-Reichen ein Ende setzen.“
„Zunehmender Klimakollaps“
Privatjets sind zudem für ihre Umweltbilanz berüchtigt; Studien zeigen, dass sie erheblich zum Klimawandel beitragen.
Auswertungen der Organisation Transport & Environment ergaben, dass Privatflüge pro Passagier fünf- bis vierzehnmal klimaschädlicher sind als Linienflüge und fünfzigmal klimaschädlicher als Zugreisen. Trotzdem stiegen die Emissionen von Privatjets zwischen 2019 und 2023 um 46 Prozent.
„In einer Zeit eskalierender Klimaverwerfungen und globaler Instabilität ist es unvertretbar, dass dieser Grad an kohlenstoffintensivem Luxus weitgehend weder besteuert noch reguliert wird“, sagt Scott.
„Regierungen sollten ernsthaft über Instrumente wie starke Vermögenssteuern und Abgaben auf die Nutzung von Privatjets nachdenken, um exzessive Emissionen zu begrenzen und sicherzustellen, dass die Reichsten ihren fairen Beitrag zur Bewältigung der Krisen leisten, die ihr Lebensstil mit befeuert.“
Kann eine Vermögenssteuer im Kampf gegen die Klimakrise helfen?
In den vergangenen Jahren wurden die Rufe nach schärferen Steuern auf besonders CO2-intensive Luxusgüter und auf Gewinne aus fossilen Energien lauter, weil Superreiche weiterhin das ignorieren, was Oxfam als „masslose CO2-Sorglosigkeit“ bezeichnet.
Ein im Januar veröffentlichter Bericht der Organisation ergab, dass das reichste ein Prozent sein jährliches CO2-Budget schon nach zehn Tagen im Jahr 2026 aufgebraucht hatte. Gemeint ist die Menge an Emissionen, die höchstens entstehen dürfte, damit die Erderwärmung gemäß Pariser Klimaabkommen auf 1,5 Grad begrenzt bleibt.
Die Analyse zeigte zudem, dass das reichste 0,01 Prozent sein CO2-Limit in den ersten 72 Stunden des neuen Jahres, also bis zum dritten Januar, überschritt. Fachleute fordern, dass die Superreichen ihre Emissionen bis 2030 um 97 Prozent senken müssen, um die rechtsverbindlichen Klimaziele zu erreichen.
Oxfam fordert die Regierungen nun auf, eine „Rich Polluter Profits Tax“ für reiche Verschmutzer einzuführen. Würde eine solche Abgabe auf 585 Öl-, Gas- und Kohleunternehmen erhoben, in die viele Vermögende investieren, ließen sich nach Berechnungen der Organisation im ersten Jahr mehr als 340 Milliarden Euro einnehmen.
Die Organisation dringt außerdem auf ein Verbot oder auf Strafsteuern für „kohlenstoffintensive Luxusgüter“ wie Superjachten und Privatjets. Der CO2-Fußabdruck eines superreichen Europäers, der sich in fast einer Woche mit diesen spritfressenden Verkehrsmitteln ansammelt, entspricht dem gesamten lebenslangen Fußabdruck eines Menschen aus dem ärmsten ein Prozent der Weltbevölkerung.
Wie der Klimawandel die Armen überproportional trifft
Forschende warnen seit Jahren, dass ärmere Länder die härtesten Folgen des Klimawandels tragen werden, obwohl sie häufig am wenigsten zur Erderwärmung beitragen.
Ein Bericht von World Weather Attribution aus dem Jahr 2025 untersuchte 22 klimabedingte Katastrophen des Vorjahres. Ergebnis: Weltweit tragen Frauen eine „ungleiche Last“, die ihr Risiko durch gefährlich hohe Temperaturen oft noch erhöht.
Die Ungleichheit reicht jedoch noch weiter – sie zeigt sich sogar in den wissenschaftlichen Datengrundlagen selbst. Viele WWA-Studien aus dem Jahr 2025 konzentrierten sich auf Starkregenereignisse im globalen Süden. Der Begriff fasst Länder in Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien zusammen (ausgenommen Australien und Neuseeland), die häufig als „Entwicklungs-“ oder „weniger entwickelte“ Staaten bezeichnet werden.
Im Allgemeinen sind diese Länder ärmer als Staaten in Nordamerika und Europa, die Einkommensunterschiede sind größer und die Lebenserwartung ist niedriger.
Doch Forschende stießen immer wieder auf Lücken in den Beobachtungsdaten. Sie warnen, dass die starke Abhängigkeit von Klimamodellen, die vor allem für den globalen Norden entwickelt wurden, belastbare Schlussfolgerungen erschwere.
„Diese ungleiche Grundlage der Klimaforschung spiegelt die größeren Ungerechtigkeiten der Klimakrise wider“, heißt es in dem Bericht weiter.