Der serbische Präsident und der albanische Ministerpräsident haben einen gemeinsamen Gastbeitrag für eine deutsche Zeitung verfasst. Darin plädieren sie für ein abgestuftes EU-Beitrittsverfahren, mit einem Verzicht auf das Veto-Recht.
In einem gemeinsamen Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) fordern der serbische Präsident Aleksandar Vučić und der albanische Ministerpräsident Edi Rama eine beschleunigte, stufenweise Integration der vorbereiteten Westbalkan-Kandidatenländer – insbesondere Serbien und Albanien – in die EU.
Sie fordern dies nicht in Form eines vollen, sofortigen Beitritts. Sondern einen Art Beitritt light – mit funktionaler Teilintegration als Zwischenschritt, um die EU-Erweiterung wieder in Gang zu bringen und die Region stabiler zu machen. Die Idee wird als "realistischer Weg in die EU" beschrieben.
Für eine stufenweise Integration in den EU-Binnenmarkt und Schengen-Raum würden im Gegenzug die Beitrittskandidaten auf ihr Vetorecht verzichten. Ebenfalls verzichte man dafür auf zusätzliche EU-Kommissare.
Bei einem klassischen, vollständigen EU-Beitritt hätte ein Mitglied normalerweise alle Rechte und Pflichten (inklusive Vetorecht im Rat, EU-Kommissar, Sitze im Parlament).
Der EU-Beitrittsprozess für Serbien und andere Westbalkan-Länder ist seit Jahren festgefahren, weil die Kandidatenländer bei Rechtsstaat, Korruptionsbekämpfung, Medienfreiheit und Justizreformen wenig Fortschritte machen oder einige Kandidaten auch Rückschritte zeigen. Der Prozess steht nahezu seit 2022 still.
"Im Westbalkan liegt neue Frontline für Investitionen"
"In unserem Teil Europas, dem Westbalkan – einer Region, die geografisch von der EU umgeben und historisch mit Europas Schicksal verbunden ist –, bleibt die Aussicht auf Mitgliedschaft der stärkste Motor für Reformen, Investitionen und Versöhnung", schreiben die beiden Präsidenten von Serbien und Albanien.
An die EU adressiert appellieren sie: „Höchste Zeit, dass die EU erkennt: Im Westbalkan liegt eine neue Frontlinie für Investitionen in die Stärke der EU". Gemeinsam würden nun die Kandidatenländer einen "realistischen Weg" zur Vollmitgliedschaft suchen.
Eine beschleunigte Integration der vorbereiteten Kandidatenländer in den Binnenmarkt und Schengen-Raum, könne „die wirtschaftliche und politische Position der EU stärken", heißt es weiter im Beitrag, "ohne die Entscheidungsarchitektur der EU zu belasten".
In der Bitte an die EU heißt es konkret: "Es würde weder Vetorechte noch zusätzliche Kommissare, Abgeordnete im Europaparlament oder Änderungen der Abstimmungsstrukturen bedeuten".
Der serbische Präsident Aleksandar Vučić und der albanische Präsident Edi Rama seien überzeugt, damit die vielen Bedenken der Mitgliedstaaten zu mildern.
Serbien und Albanien verteidigten im November bereits Reformwillen
Erst im November 2025 empfing Euronews bei einem Summit die Staats- und Regierungschefs Albaniens, Moldaus, Montenegros, Nordmazedoniens, Serbiens und der Ukraine sowie den Präsidenten des Europäischen Rates und die EU-Erweiterungskommissarin zu einem Gipfeltreffen.
Es fand zeitgleich mit der Veröffentlichung des jährlichen Erweiterungsberichts aus Brüssel statt. In ihrem jährlichen Erweiterungsbericht hebt die Kommission die mangelnde Unterstützung Belgrads für die EU-Sanktionen gegen Moskau hervor.
Auf dem Summit verteidigte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić den Reformwillen seines Landes. Er argumentierte, die Sanktionen seien wirkungslos und schädlich für die Bevölkerung. "Ich werde mich nicht dafür rechtfertigen, mit jemandem gesprochen zu haben", sagte Vučić gegenüber Euronews in Bezug auf seine Beziehungen zu Wladimir Putin.
Vučić wich der Frage über Proteste in seinem Land aus und hob dafür die starke Wirtschaftsleistung hervor. Demnach sei Serbiens Staatsverschuldung gesunken.
Serbien (6,6 Millionen Einwohner) steht seit 2009 – dem Jahr seiner Beitrittsbewerbung – kurz vor dem EU-Beitritt, doch die Verhandlungen gestalten sich seither schwierig. Neben der Medienfreiheit, der Wahlrechtsreform und dem Handlungsspielraum der Zivilgesellschaft bereitet auch Belgrads Außenpolitik den Europäern Kopfzerbrechen.
Albanien hatte zudem auf dem Euronews-Summit betont, spätestens bis 2030 Vollmitglied der EU werden zu wollen. "2030 ist kein Traumdatum, sondern eine Frist, die auf einer einfachen Berechnung beruht", sagte er in seiner Rede. Zudem erwarte er, die Verhandlungen in den nächsten zwei Jahren abzuschließen.
Gemeinsam mit Montenegro gilt Albanien als einer der aussichtsreichsten Kandidaten im EU-Beitrittsprozess. Eine der größten Herausforderungen Albaniens auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft ist der Kampf gegen Korruption.
"Wir nehmen Unterstützung, Partnerschaft und Hilfe an, aber wir lassen uns im Kampf gegen Korruption von niemandem belehren“, sagte Rama auf der Veranstaltung im November. Seit seiner EU-Beitrittskandidatur hat Albanien Instrumente zur Korruptionsbekämpfung eingeführt, wie die Einrichtung der "Antikorruptionsbehörde SPAK".