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Vom Hörsaal in den Krieg: Wie Russlands Universitäten Studenten an die Front holen

Studenten der größten Universität Russlands werden aufgefordert, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterzeichnen. Foto der Demonstration
Studenten der größten Universität Russlands werden aufgefordert, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterzeichnen. Foto der Demonstration Copyright  AP Photo
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Von Alexey Kavalerov
Zuerst veröffentlicht am
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An Eliteunis wie der Moskauer Lomonossow-Universität häufen sich Berichte über gezielte Anwerbung für das Militär. Unter Druck, mit Versprechen und Propaganda sollen Studierende Verträge unterschreiben – ein Trend, der sich offenbar landesweit ausbreitet.

Die staatliche Universität in Moskau scheint sich einem wachsenden Trend anzuschließen: Studierende werden offenbar zunehmend für militärische Zwecke angeworben. Darauf weisen Berichte hin, die Menschenrechtsaktivisten von Eltern und Studierenden erhalten haben.

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Demnach sollen junge Leute gezielt dazu gedrängt werden, Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium zu unterschreiben. "Wir haben uns so auf die MSU gefreut, wir waren überglücklich wegen Leonids Immatrikulation. Und jetzt wissen wir nicht, wie es für ihn weitergehen soll."

Anastassija aus Moskau erzählt, sie habe sogar ernsthaft darüber nachgedacht, "ihren Sohn fortzuschicken", nachdem die Lomonossow-Universität ihrer Schilderung nach begonnen habe, gezielt junge Männer zu Veranstaltungen einzuladen.

Dort sei ihnen von den angeblichen Vorteilen eines Vertrags mit dem russischen Verteidigungsministerium berichtet worden. Sowohl Anastassija als auch ihr 19-jähriger Sohn hätten angenommen, dass "militaristische Tendenzen an der renommiertesten Universität des Landes keinen Platz haben würden – an einer Hochschule, an der ein Studienplatz so schwer zu bekommen ist."

Mathe? Literaturwissenschaft? Drohnen!

Vertreter des Menschenrechtsprojekts Go to the Forest-einer Initiative, die Russen dabei unterstützt, sich dem Militärdienst zu entziehen – verfügen nach eigenen Angaben über einen Screenshot aus einem internen Chat der Staatlichen Universität Moskau. Darin werden Studierende aufgefordert, mehr "über den Militärdienst auf Vertragsbasis in den Einheiten unbemannter Systeme" zu erfahren.

Das entsprechende Dokument sei von einem Studenten an die Aktivisten weitergeleitet worden. Aus dem Inhalt geht hervor, dass diese Treffen im Auftrag des MSU-Rektors Wiktor Sadownitschi organisiert werden. Kurz zuvor waren in Universitätsgebäuden Werbestände aufgetaucht, die Studierende zum Vertragsdienst bewegen sollten.

Auf den Bannern stand ein patriotisches Zitat von Wladimir Putin, wie das Medium Beware of the News berichtet. Bereits im vergangenen Herbst hatte das russische Verteidigungsministerium angekündigt, spezielle Einheiten für unbemannte Systeme aufzubauen, und parallel eine Kampagne zur Rekrutierung von Studierenden gestartet – insbesondere aus technischen Fachrichtungen. Wie das akademische Netzwerk T-invariant Media berichtet, sei den Studierenden angeboten worden, als Drohnenoperatoren zu arbeiten.

Im Gegenzug habe man ihnen Zahlungen von bis zu fünf Millionen Rubel, eine Ausbildung im Umgang mit Drohnen "außerhalb von Kampfeinsätzen" sowie die Rückkehr an die Universität nach einem Jahr in Aussicht gestellt. Nach Recherchen von Important Stories richtete sich die Kampagne vor allem an Studierende, die Prüfungen nicht bestanden hatten und sich in einer prekären Lage befanden.

Die Redaktion schätzt, dass entsprechende Rekrutierungsmaßnahmen inzwischen an mehr als 200 Hochschulen im ganzen Land laufen. Ende Februar erklärte Marina Barinowa, ehemalige Beraterin des Rektors der Fernöstlichen Föderalen Universität, in sozialen Netzwerken, die Universitätsleitung habe eine Quote eingeführt, wie viele Studierende in den Krieg gegen die Ukraine entsandt werden sollen.

Auch an der Moskauer Staatlichen Technischen Universität Bauman (MSTU) sollen Studierende unter Druck gesetzt worden sein: Sie seien gezwungen worden, ein Zentrum für unbemannte Luftfahrtsysteme zu besuchen – verbunden mit der Drohung, andernfalls kein Diplom zu erhalten, berichtet das Medium Verstka.

"Gibt es hier Männer oder nicht?"

Anfang März sorgte ein weiterer Vorfall für Aufsehen: Studierende der Staatlichen Universität für Ingenieurtechnologien in Woronesch zeichneten eine Rede von Alexej Skrypnikow auf, dem Dekan der Fakultät für Management und Informatik.

Darin greift er zu drastischen Worten, um die jungen Männer zum Vertragsabschluss zu bewegen. Er fordert sie auf, sich vorzustellen, dass ihre Angehörigen Opfer sexualisierter Gewalt werden, und stellt ihre Männlichkeit infrage: "Gibt es hier überhaupt Männer im Saal? Nein? Ich schäme mich für euch! Zieht eure Hosen aus, zieht Röcke an und hängt euch Schleifen um", sagt Skrypnikow in der Aufnahme, die dem Medium Verstka zugespielt wurde.

Auch aus Ufa werden ähnliche Berichte bekannt. Wie die Novaya Gazeta unter Berufung auf eine Studentin namens Ksenia berichtet, würden männliche Studierende an der dortigen Universität für Wissenschaft und Technik gezielt aus dem Unterricht geholt, um Gespräche mit dem Dekanat zu führen.

Dort werde ihnen von der "Pflicht, das Vaterland zu verteidigen" erzählt und zugleich eine Tätigkeit an der sogenannten Heimatfront in Aussicht gestellt – etwa im Bereich Drohneneinsatz. Nach Kseni­as Schilderung werde zwar niemand offen gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben, doch hätten sich bereits mehrere Studierende darauf eingelassen.

"Wollt ihr das auch tun?"

In Tatarstan werden Studierende inzwischen sogar über soziale Netzwerke gezielt für die Militärproduktion angeworben. Entsprechende Videos entdeckte die Publikation T-invariant, die Zugriff auf ein vollständiges Archiv der Werbekampagne des Alabuga Polytechnic hatte.

Recherchen zufolge wurde die Produktion von Geran-2-Kamikaze-Drohnen in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Jahr 2023 aufgebaut. Bereits damals berichteten Studierende, dass sie wegen ihrer Arbeit in der Produktionsstätte kaum Schlaf bekämen und diese dennoch nicht aufgeben dürften.

Die Untersuchung ergab zudem, dass unter den jungen Männern regelmäßig Paintball-Wettbewerbe organisiert werden, um – so die interne Logik – vermeintlich "Schwächere" frühzeitig auszusortieren. Zwar sind Schülerinnen und Schüler seit Beginn des Krieges in die Drohnenmontage eingebunden, doch eine derart aggressive Form der Ansprache gilt als neu.

In einem der Werbevideos sagt die 16-jährige Erstsemesterstudentin Darina: "Ich studiere am Alabuga Polytechnic und arbeite in der größten Drohnenfabrik der Welt. Meine Eltern sind stolz auf mich. Wollt ihr das auch?"

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