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Trotz Sanktionen: Deutsche Firma will Brennelemente mit Putins Atomkonzern bauen

Das Umweltministerium in Niedersachsen soll prüfen, ob eine Tochtergesellschaft von Framatome in Lingen Brennstäbe für russische Reaktortypen produzieren darf.
Das Umweltministerium in Niedersachsen soll prüfen, ob eine Tochtergesellschaft von Framatome in Lingen Brennstäbe für russische Reaktortypen produzieren darf. Copyright  (c) Copyright 2022, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am
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Eine Fabrik im niedersächsischen Lingen soll künftig Brennelemente für russische Reaktortypen herstellen – in Kooperation mit Rosatom, dem staatlichen russischen Atomkonzern. Das Vorhaben ist politisch und rechtlich umstritten.

Im niedersächsischen Lingen produziert die Advanced Nuclear Fuels GmbH (ANF), eine Tochtergesellschaft des französischen Atomkonzerns Framatome, seit 1979 Brennelemente für Kernkraftwerke in Europa. Mit dem deutschen Atomausstieg am 15. April 2023 – als die letzten drei deutschen Kernkraftwerke, darunter das AKW Emsland direkt am ANF-Standort, vom Netz gingen – ist der heimische Markt für das Unternehmen weitgehend weggefallen.

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Doch bereits zuvor hatte ANF begonnen, ein neues Geschäftsfeld zu erschließen: die Produktion sechseckiger Brennelemente für Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart (WWER), die noch immer in Tschechien, der Slowakei, Bulgarien, Ungarn und Finnland in Betrieb sind. Diese 19 Reaktoren bezogen ihren Brennstoff lange Zeit ausschließlich oder überwiegend aus Russland. Laut EU-Kommission haben inzwischen zwar alle Betreiber Verträge mit alternativen Lieferanten unterzeichnet – sind aber weiterhin in erheblichem Maß auf russische Technologie angewiesen.

Der Weg aus der Abhängigkeit führt über Russland

Auf den ersten Blick wirkt das Projekt energiepolitisch sinnvoll: Wenn westliche Hersteller diese Brennelemente liefern, könnten osteuropäische Staaten ihre Abhängigkeit von Moskau verringern. Doch genau hier liegt ein Widerspruch – denn der Weg aus der russischen Abhängigkeit soll ausgerechnet über russische Technologie und russische Beteiligung führen.

Grundlage des Projekts ist ein Lizenzvertrag aus dem Jahr 2021 zwischen ANF und dem staatlichen russischen Atomenergiekonzern Rosatom sowie dessen Tochter TVEL Fuel Company. Den atomrechtlichen Genehmigungsantrag reichte ANF im März 2022 beim niedersächsischen Umweltministerium ein – wenige Wochen nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Seitdem läuft ein Verfahren, das rechtlich komplex und politisch umstritten ist.

Rosatom-Chef Alexej Lichatschow bei einem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml in Moskau am 15. Oktober 2024.
Rosatom-Chef Alexej Lichatschow bei einem Treffen mit Russlands Präsident Wladimir Putin im Kreml in Moskau am 15. Oktober 2024. Sputnik

"Kein alltäglicher Vorgang"

Formell ist Niedersachsen zuständig, tatsächlich ist der Spielraum des Landes begrenzt: das letzte Wort hat der Bund. Im Februar 2026 berichtete Politico unter Berufung auf mit dem Vorgang vertraute Personen, die Bundesregierung habe Niedersachsen eine Genehmigungsempfehlung unter Auflagen erteilt.

Das Bundesumweltministerium (BMUKN) schreibt auf Anfrage von Euronews, dass es sich während des laufenden Verfahrens nicht zu Einzelheiten äußere.

Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) macht aus seiner Skepsis keinen Hehl: "Der Antrag auf Umstellung der Produktion auf hexagonale Brennelemente in der Fabrik in Lingen mit russischer Beteiligung ist kein alltäglicher Vorgang und bereitet mir und vielen Bürgerinnen und Bürgern ernsthafte Sorgen um die innere und äußere Sicherheit."

Das Vorhaben ist hochumstritten. Mehr als 11.000 Menschen und Organisationen wandten sich schriftlich gegen das Projekt – eine ungewöhnlich hohe Zahl für ein atomrechtliches Genehmigungsverfahren.

Rosatom ist laut einer Analyse der Bundeszentrale für politische Bildung sowohl für die zivile als auch für die militärische Nutzung der Atomenergie in Russland zuständig. Seit dem 4. März 2022 kontrolliert der Konzern zudem das besetzte ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja. Auch Meyer betont, dass viele Experten aus der Ukraine und Osteuropa vor dem direkt in den Angriffskrieg verwickelten staatlichen Atomkonzern warnten.

Der Plan: Russische Technologie als Übergangslösung

ANF und Framatome bewerten das Vorhaben anders. Mario Leberig, Vizepräsident Technik bei Framatome und verantwortlich für den Ingenieursbereich in Deutschland, bezeichnete das Projekt gegenüber der FAZ als Chance für mehr Energiesicherheit in Osteuropa. Eine Eigenentwicklung der Brennelemente werde frühestens 2030 serienreif sein – bis dahin setzt ANF auf die Rosatom-Lizenz. Die nötigen Maschinen seien bereits in Lingen; laut FAZ übergaben im April 2024 rund 20 russische Fachkräfte die Geräte an ANF-Mitarbeiter.

Das niedersächsische Umweltministerium hält dagegen: "Wie eine enge Lizenzfertigung und Produktion mit Russland – mit russischen Maschinen, Know-how und fertigen Brennelementen aus Russland – die Abhängigkeit von russischen Brennelementen reduzieren kann, erschließt sich uns nicht." Als Alternativmodell nennt es Westinghouse, das in Schweden bereits hexagonale Brennelemente für osteuropäische Reaktoren produziert.

Auch Vladimir Slivyak äußert Zweifel. Der Co-Vorsitzende der russischen Umweltorganisation Ecodefense und Träger des Right Livelihood Award lebt im deutschen Exil. Er sagt zu Euronews: "Framatome kann diesen Brennstoff nicht ohne Rosatom herstellen – die Abhängigkeit bleibt also bestehen. Was als Diversifizierung präsentiert wird, ist in Wirklichkeit eine Fortsetzung der Abhängigkeit, bei der europäische Unternehmen einen Teil des Gewinns abschöpfen."

Vladimir Slivyak bei der Verleihung des Right Livelihood Award 2021 in Stockholm, wo er für seinen Einsatz gegen die Kohle- und Atomindustrie in Russland geehrt wurde.
Vladimir Slivyak bei der Verleihung des Right Livelihood Award 2021 in Stockholm, wo er für seinen Einsatz gegen die Kohle- und Atomindustrie in Russland geehrt wurde. SOREN ANDERSSON

Ein politischer Umweg über Frankreich?

Slivyak sieht in der Konstruktion des Projekts zudem den Versuch, politischen Widerstand zu umgehen. Nach seiner Darstellung hatte die damalige Bundesregierung 2022 eine direkte Zusammenarbeit auf deutschem Boden abgelehnt. Daraufhin sei das Joint Venture in Lyon neu gegründet worden – strukturell identisch, aber als französische Rechtsperson. Slivyak sagt: "Das ist ein klarer politischer Umweg. Deutschland zögerte, Rosatom in seinen Nuklearsektor zu lassen – also verlegte Framatome das Joint Venture einfach nach Frankreich und brachte es auf einem anderen Weg zurück. Die russische Rolle ist nie verschwunden, sie wurde nur neu verpackt."

Europas Uranimporte: Verflechtung mit Russland bleibt

Nach Recherchen des NDR lieferte Russland 2024 rund 68,6 Tonnen Uran an die Lingener Fabrik – ein Plus von rund 66 Prozent gegenüber dem Vorjahr. EU-weit importierten die Mitgliedstaaten 2024 russische Uranprodukte im Wert von mehr als 700 Millionen Euro, wie aus einer gemeinsamen Studie des Kiewer Thinktanks DiXi Group und des Brüsseler Wirtschaftsinstituts Bruegel auf Basis von Eurostat-Daten hervorgeht.

Russische Lieferungen sind für den französischen Atomsektor weiterhin von großer Bedeutung.
Russische Lieferungen sind für den französischen Atomsektor weiterhin von großer Bedeutung. Copyright 2022 The Associated Press. All rights reserved

Erst das 20. Sanktionspaket greift Rosatom direkt an

Über zahlreiche Sanktionspakete hinweg blieb Rosatom unberührt, weil Staaten wie Ungarn und die Slowakei entsprechende Schritte blockierten. Erst mit dem 20. EU-Sanktionspaket, das EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am 6. Februar 2026 vorstellte, werden Rosatom und seine Tochterfirmen – darunter TVEL – ausdrücklich erfasst: Neue Verträge sind verboten, russisches Uran darf nicht mehr importiert werden. Für laufende Verträge gelten jedoch Übergangsfristen bis Mitte 2026.

Ob das bestehende ANF-TVEL-Joint-Venture darunter fällt, ist rechtlich ungeklärt. Framatome beruft sich auf den Euratom-Vertrag von 1957, der als EU-Primärrecht bestehende Nuklearkooperationen schütze.

Das Bundesumweltministerium signalisiert auf Anfrage von Euronews, die europäischen Entwicklungen im Blick zu behalten. "Die EU-Kommission hat angekündigt, im Rahmen der RePowerEU-Strategie einen spezifischen Verordnungsentwurf vorzulegen, mit dem die Importe von Nuklearmaterial und Technologie aus Russland schrittweise zurückgeführt werden sollen", heißt es in der Stellungnahme. Der Entwurf liege dem Ministerium bisher jedoch nicht vor.

Umweltaktivist und Kreml-Gegner Slivyak fordert entschlosseneres Handeln: "Die EU hat noch ein Zeitfenster – muss aber jetzt handeln: Nukleare Kooperationen mit Rosatom und seinen Töchtern müssen beendet werden, kombiniert mit klaren, zeitlich befristeten Übergangsplänen für Länder, die noch abhängig sind."

Lingen als Beispiel für ein größeres Problem

Formal fällt die Entscheidung über das umstrittene Vorhaben in Niedersachsen – doch das Land handelt dabei im Auftrag des Bundes. Atomrecht ist Bundessache: Der Bund kann die Landesbehörden in allen Fragen weisen und hat das letzte Wort. Grundlage des Verfahrens ist das sogenannte Roller-Gutachten, das der Bund zu Beginn in Auftrag gab und das empfiehlt, Fragen der inneren und äußeren Sicherheit durch das Joint Venture mit Rosatom im Genehmigungsverfahren zu berücksichtigen.

Ob von dem Joint Venture konkrete Gefahren für innere oder äußere Sicherheit ausgehen – durch Sabotage, Spionage oder russischen Einfluss – das müssen der Bund und seine Sicherheitsbehörden entscheiden.

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