Nahezu alle neun Atomwaffenstaaten haben begonnen, ihre Arsenale aufzustocken oder entsprechende Ausbaupläne angekündigt. Zu diesem Ergebnis kommen die Autoren des jährlichen "Nuclear Weapons Ban Monitor".
Beobachter warnten am Donnerstag vor einer "besorgniserregenden Entwicklung": Die Atomwaffenstaaten haben im vergangenen Jahr Produktion, Modernisierung und Einsatzbereitschaft ihrer Arsenale weiter vorangetrieben – und das in einer Zeit, in der sich bewaffnete Konflikte weltweit verschärfen.
Nahezu alle neun Atommächte – Russland, die USA, China, Frankreich, Großbritannien, Pakistan, Indien, Israel und Nordkorea – haben laut den Autoren des jährlichen "Nuclear Weapons Ban Monitor" entweder begonnen, ihre Bestände auszubauen, oder entsprechende Pläne angekündigt.
"Die Ära der nuklearen Reduzierung ist vorbei", sagte Hans Kristensen, Direktor des Nuclear Information Project bei der Federation of American Scientists (FAS) und einer der Hauptautoren des Berichts. Im Gespräch mit Reportern in Genf sprach er von "einer enormen Veränderung".
Der von der FAS und der Norwegian People's Aid (NPA) veröffentlichte Bericht schätzt, dass die Zahl der schnell einsatzbereiten Atomwaffen im vergangenen Jahr auf 9.745 gestiegen ist. Das entspricht einem Plus von 141 Sprengköpfen gegenüber 2024.
Nach Angaben des Monitors entspricht diese Sprengkraft rund 135.000 Bomben der Größe von Hiroshima. Eine einzige solche Bombe tötete 1945 etwa 140.000 Menschen.
Dem Bericht zufolge waren im vergangenen Jahr 40 Prozent dieser Sprengköpfe – insgesamt 4.012 – auf ballistischen Raketen in Silos, auf mobilen Abschussrampen, U-Booten oder Bomberbasen stationiert. Das sind 108 mehr als im Jahr 2024.
"Der anhaltende jährliche Anstieg der stationierten Sprengköpfe ist eine besorgniserregende Entwicklung", sagte Kristensen. Er warnte, dies erhöhe "das Risiko einer schnellen Eskalation, von Fehlkalkulationen und eines versehentlichen Einsatzes".
"Das macht die Welt für uns alle gefährlicher."
Neues Wettrüsten
Zwar gibt es weltweit noch immer weniger Atomwaffen als auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Zu Beginn dieses Jahres verfügten die Atommächte laut Bericht zusammen über 12.187 Sprengköpfe. Mitte der 1980er Jahre waren es noch mehr als 70.000. Im Vergleich zum Jahresbeginn 2025 sank die Gesamtzahl damit um 144 Waffen.
Umso alarmierender sei es jedoch, dass mehr Atomwaffen in höchste Einsatzbereitschaft versetzt werden – vor dem Hintergrund eskalierender Konflikte in Europa, Asien und dem Nahen Osten, an denen auch Atommächte beteiligt sind.
Der Bericht verweist zudem auf "die Erosion des seit langem bestehenden Abrüstungs-, Nichtverbreitungs- und Rüstungskontrollregimes". Genannt wird unter anderem das Auslaufen von New START, des letzten Rüstungskontrollvertrags zwischen Russland und den USA, im vergangenen Monat.
"Was wir erleben, ist mehr als ein neues Wettrüsten", erklärte NPA-Chef Raymond Johansen. "Es ist die Umkehr hart erkämpfter Beschränkungen nuklearer Gefahren."
Nuklearpolitik auf Autopilot
Der Monitor zeigt zugleich, dass sich die Welt beim Thema Atomwaffen in entgegengesetzte Richtungen bewegt. Während immer mehr Staaten ein vollständiges Verbot aller Atomwaffen unterstützen, investieren die Atommächte massiv in die Modernisierung und Erweiterung ihrer Arsenale.
Bis Ende 2025 sind 99 Staaten dem Vertrag über das Verbot von Atomwaffen (TPNW) beigetreten – entweder als Vertragsstaaten oder Unterzeichner. Der Vertrag war 2017 bei den Vereinten Nationen ausgehandelt worden.
Keines der neun Länder, die nachweislich Atomwaffen besitzen, ist dem Abkommen beigetreten.
Stattdessen bauen sie ihre Arsenale weiter aus. "Alle Atomwaffenstaaten außer Israel bauen ihre Bestände bereits aus oder haben kürzlich entsprechende Pläne angekündigt", sagte Kristensen. Zugleich kritisierte er den zunehmend aggressiven Ton in der öffentlichen Kommunikation über Atomwaffen.
"Die nukleare Aufrüstung läuft auf Autopilot."
Hinzu kommen 33 sogenannte "Schirmstaaten", die diese Politik laut Bericht "aktiv unterstützen und verstärken". Insgesamt stellten sich 47 Länder aktiv gegen den TPNW, drei Viertel davon in Europa.
Einen echten Schutz biete ein nuklearer Schirm jedoch nicht, sagte Melissa Parke, Leiterin der International Campaign to Abolish Nuclear Weapons (ICAN), die 2017 den Friedensnobelpreis für ihre Arbeit zur Förderung des Vertrags erhielt.
"Es gibt keinen Schutz unter einem nuklearen Schirm", sagte sie. "Die Staaten müssen sich der globalen Mehrheit anschließen, die eine vollständige nukleare Abrüstung unterstützt."