Der Krieg gegen Iran wirkt wie ein Katalysator für grüne Technik. In Europa suchen Politiker und Unternehmen fieberhaft nach stabileren Alternativen zu Öl und Gas.
Die Argumente für grüne Energie sind so überzeugend wie nie, denn der Krieg gegen den Iran macht deutlich, wie riskant die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen ist.
Die Sorte Brent, weltweit Referenz für Ölpreise, ist seit Beginn des Konflikts im Nahen Osten um mehr als 50 Prozent gestiegen. Im frühen Handel am heutigen 30. März kostete ein Barrel 116 Dollar (rund 100,92 Euro).
Viele Beobachter führen die starken Schwankungen auf die faktische Schließung der Straße von Hormus zurück. Die Meerenge zählt zu den wichtigsten Engpässen für fossile Brennstoffe weltweit und transportiert rund ein Fünftel des globalen Ölaufkommens. Derzeit bleiben damit jeden Tag etwa 20 Millionen Barrel blockiert.
Europa spürt die Folgen bereits deutlich. Der niederländische TTF-Index für Erdgas ist um rund 70 Prozent nach oben geschossen. Damit steuert der März 2026 auf den stärksten monatlichen Anstieg der europäischen Gaspreise seit September 2021 zu.
Steigende Energiepreise setzen viele Europäer zusätzlich unter Druck. In mehreren Ländern zeichnet sich deshalb ein spürbarer Schwenk zu grüner Technik ab.
„Genug davon, Geisel der fossilen Energien zu sein“
Im Vereinigten Königreich, das beim Ausbau lange zu den Schlusslichtern Europas zählte, sind die Verkäufe von Wärmepumpen in den ersten drei Märzwochen um 51 Prozent gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vormonat gestiegen, berichtet der Energieversorger Octopus Energy.
Auch Solaranlagen verkaufen sich deutlich besser: plus 54 Prozent. Viele Hauseigentümer vergrößern ihre Anlagen und lassen statt der üblichen zehn nun zwölf Module installieren, während die Verkäufe von Ladegeräten für Elektroautos um 20 Prozent zulegten.
„Wir erleben eine große Wende: Die Menschen stellen nicht mehr nur Fragen, sie handeln“, sagt Rebecca Dibb-Simkin von Octopus Energy. „Britische Familien haben es satt, von den globalen Preisen für fossile Brennstoffe abhängig zu sein.“
„Mit Solaranlagen und Wärmepumpen werden sie gewissermaßen zu ihrem eigenen Kraftwerk. So sichern sie sich dauerhaft niedrige Kosten und schützen ihren Geldbeutel langfristig.“
Umstieg auf E-Autos nimmt Fahrt auf
Zahlen der EU-Kommission zeigen, dass der Durchschnittspreis für Benzin in der EU zwischen dem 23. Februar und dem 16. März um zwölf Prozent auf 1,84 Euro je Liter gestiegen ist.
Das hat das Interesse an Elektroautos stark angefacht. Beim französischen Online-Gebrauchtwagenhändler Aramisauto haben sich die Verkäufe von E-Autos zwischen Mitte Februar und dem 9. März nahezu verdoppelt.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters (Quelle auf Englisch) berichtet das in Amsterdam ansässige Unternehmen Olx von sprunghaft gestiegener Nachfrage nach E-Autos auf seinen Plattformen in Frankreich, Rumänien, Portugal und Polen. Das Wachstum beschleunige sich von Woche zu Woche in allen Märkten, heißt es.
In Norwegen haben Elektroautos auf Finn.no, dem größten Gebrauchtwagenportal des Landes, Dieselmodelle inzwischen als meistverkaufte Antriebsart überholt.
Energiewende mit Rückenwind durch Solarstrom
Der deutsche Erneuerbare-Energien-Anbieter Enpal BV berichtet Bloomberg (Quelle auf Englisch), die Anfragen nach Solaranlagen und Wärmepumpen seien seit Beginn des Kriegs der USA und Israels gegen den Iran um rund 30 Prozent gestiegen. Auch der Solar-Spezialist 1KOMMA5° GmbH meldet ein Interesse an Photovoltaik, das sich nahezu verdoppelt hat.
Im Vereinigten Königreich registrierte der Energieversorger E.ON (Quelle auf Englisch) zwischen dem 23. Februar und dem 1. März ein Plus von 23 Prozent beim Interesse an Solaranlagen, und zwischen dem 2. und dem 8. März kletterte es noch einmal um 63 Prozent.
„Es ist wichtiger denn je, dass wir den Menschen helfen, ihren Energieverbrauch selbst zu steuern und ihre Rechnungen zu senken“, sagt Chris Norbury, Vorstandschef von E.ON (Quelle auf Englisch) UK.
„Verbraucherinnen und Verbraucher zeigen großes Interesse an Solar- und Speicherlösungen. Dieses Angebot erhöht die Einsparungen, die sich durch das Erzeugen und Speichern von Energie zu Hause erzielen lassen.“
Bohrungen in der Nordsee: Bringen sie wirklich niedrigere Energierechnungen?
Trotz des Booms bei grüner Technik werden die Rufe nach mehr fossilen Energieträgern lauter.
Anfang des Monats titelte das britische Boulevardblatt Daily Express auf Seite eins „Get Drilling To Stop Soaring Bills“ und forderte die Regierung auf, neue Förderlizenzen in der Nordsee zu vergeben.
Eine Analyse der Universität Oxford kommt jedoch zu dem Schluss, dass ein vollständig mit erneuerbaren Energien versorgtes Vereinigtes Königreich Haushalte um bis zu 441 Pfund, also rund 510 Euro, pro Jahr bei den Energiekosten entlasten könnte.
Zum Vergleich: Eine maximale Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen in der Nordsee brächte Haushalten laut Studie lediglich Einsparungen von 16 bis 82 Pfund pro Jahr, also 19 bis 95 Euro. Und selbst das setzt voraus, dass der Staat die entsprechenden Steuereinnahmen direkt an die Bürgerinnen und Bürger ausschüttet, um deren Energierechnungen zu mindern.
Der Mitautor der Analyse, Anupam Sen, nennt die Vorstellung, ein „Leerpumpen“ der Nordsee mache Großbritannien energiepolitisch sicherer und würde die Haushaltsrechnungen deutlich senken, „reine Fantasie“.
Mehrere Fachleute erinnern zudem daran, dass die Preise für Öl und Gas auf den Weltmärkten entstehen und nicht speziell für britische Verbraucherinnen und Verbraucher rabattiert werden. Gas, das in britischen Gewässern gefördert wird, kann an den Höchstbietenden exportiert werden. Eine höhere inländische Produktion drückt die Kosten daher kaum.
Ganz anders Spanien: Die dortige Revolution bei erneuerbaren Energien trägt dazu bei, die Strom- und Gasrechnungen niedrig zu halten, obwohl die Gaspreise rasant steigen.