Am Montag hat vor dem Pariser Schwurgericht der Prozess gegen 22 Angeklagte begonnen. Ihnen werden unter anderem Mord und Mordversuch vorgeworfen. Über ihre Freimaurerloge sollen sie die entsprechenden Aufträge gegeben haben.
Im "Athanor"-Prozess, benannt nach der Freimaurer-Loge, die zum Auftraggeber illegaler Geheimaktionen wurde, müssen sich 22 Personen dreieinhalb Monate lang vor dem Pariser Schwurgericht wegen einer Vielzahl von Taten bis hin zum Mord verantworten.
Insgesamt droht dreizehn Angeklagten lebenslange Haft, darunter Soldaten, Polizisten, ein pensionierter Geheimdienstmitarbeiter, ein Sicherheitsbeamter und zwei Unternehmensleiter, wegen Straftaten wie dem Mord an einem Rennfahrer und dem Mordversuch an einer Unternehmenscoachin und einem Gewerkschafter der "Gelbwesten"-Protestbewegung.
Die Ermittlungen begannen mit dem gescheiterten Mordversuch an Marie-Hélène Dini am 24. Juli 2020. Die beiden Soldaten, die in der Nähe ihres Hauses festgenommen wurden, sagten, sie seien manipuliert worden: Sie hätten gedacht, im Auftrag des französischen Staates einen Agenten des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad ins Visier zu nehmen.
Marie-Hélène Dini war aber keine Geheimdienstagentin, sondern hatte einen Feind in ihrem beruflichen Umfeld, dem Coaching: Jean-Luc Bagur, Waffensammler und "ehrwürdiger Meister" der Freimaurerloge "Athanor", die in Puteaux im Pariser Vorort-Departement Hauts-de-Seine angesiedelt war und inzwischen aufgelöst wurde.
Für "70.000 Euro ohne Steuern", so die Ermittlungen, beauftragte der heute 69-jährige Bagur einen anderen "Bruder" der Loge, Frédéric Vaglio, mit der Ausschaltung seiner Konkurrentin.
Ex-Agent des Inlandsgeheimdienstes unter den Angeklagten
Der 53-jährige Unternehmer Vaglio wird beschuldigt, als Mittelsmann fungiert zu haben zwischen dem Auftraggeber und dem Ausführenden, einem dritten Mitglied von "Athanor": Daniel Beaulieu, einem pensionierten Mitarbeiter des Inlandsgeheimdienstes (DCRI).
Pikant: Der heute 72-jährige Ex-Agent, der sich auf Wirtschaftsintelligenz verlegt hat, führte vor seiner Verhaftung seit zwanzig Jahren ein Doppelleben zwischen seinen beiden Lebensgefährtinnen.
Innerhalb von "Athanor" wurde er zum Auftraggeber für illegale Aktivitäten aller Art und vor allem für einen Mord. Die "Aufträge", die Beaulieu meist von Vaglio anvertraut werden, steigerten sich immer mehr: Überfall und Diebstahl eines Computers durch einen falschen Pizzalieferanten, Anzünden eines Autos, tote Ratten, die in einem Garten abgelegt werden, Angriff auf einen Abgeordneten...
Mord an Rennfahrer wegen Schulden
Bis zur Ermordung des Rennfahrers Laurent Pasquali im November 2018 wegen der Eintreibung von Schulden - dem ersten Mordauftrag. Dafür wurde Sébastien Leroy, der bewaffnete Handlanger von Daniel Beaulieu, angeheuert. Auch ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.
Der Sicherheitsbeamte, ein leidenschaftlicher Spionage-Fan, gestand in Polizeigewahrsam ein, dass er die meisten Überfälle, Diebstähle, Morde und Mordversuche ausgeführt habe. Er erklärte, er sei von Beaulieu manipuliert worden. Dieser habe ihm angeboten, Informant für den Inlandsgeheimdienst zu werden.
Der nächste Mordversuch, den Vaglio, Beaulieu und Leroy begingen, scheiterte wiederum: die Beseitigung des Gewerkschafters und "Gelbwesten"-Mitglieds Hassan Touzani, den seine Arbeitgeber als unbequem empfanden. Auch sie wurden vor das Schwurgericht verwiesen.
Daniel Beaulieu könnte jedoch Schwierigkeiten haben, die Fragen des Gerichts zu beantworten: Sein Selbstmordversuch in der Haft hat ihn laut seinem Anwalt behindert.