Der französische Dschihadist Sabri Essid ist in Abwesenheit zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Es ist das erste Urteil eines Gerichts in Frankreich zum Völkermord an den Jesiden. Wahrscheinlich ist der Verurteilte, der Frauen "gekauft" und vergewaltigt hat, 2018 in Syrien gestorben.
Ein französischer Dschihadist ist wegen seiner Beteiligung an den Gräueltaten der Gruppe "Islamischer Staat" (IS) gegen die Minderheit der Jesiden in Irak zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Es handelt sich um den ersten Fall dieser Art, der in Frankreich verhandelt wurde.
Das Pariser Schwurgericht befand Sabri Essid in Abwesenheit des Völkermords, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Beihilfe zu diesen Verbrechen für schuldig, die zwischen 2014 und 2016 begangen wurden. Damals hatten die IS-Dschihadisten große Gebiete im Norden Syriens und des Iraks besetzt.
Das Gericht stellte fest, dass der IS die jesidische Minderheit aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen gezielt ins Visier genommen hatte. Die Miliz Islamischer Staat verfolgte diese Minderheit, die eine vorislamische Religion praktiziert, als Ungläubige.
Wer ist der verurteilte Sabri Essid?
Sabri Essid, ein 1984 in Toulouse geborener Franzose, schloss sich 2014 dem IS in Syrien an. Seine Frau, ihre drei gemeinsamen Kinder und ein Sohn aus einer früheren Verbindung der Ehefrau folgten ihm später dorthin.
In einem 2015 verbreiteten Propagandavideo des IS ist offenbar zu sehen, wie Sabri Essid seinen 12-jährigen Stiefsohn dazu bringt, einer palästinensischen Geisel eine Kugel in den Kopf zu schießen.
Ihm wurde auch vorgeworfen, mehrere jesidische Frauen auf Märkten gekauft und anschließend mehrfach vergewaltigt zu haben sowie ihnen Wasser und Nahrung vorenthalten zu haben.
2023 wurde auch eine IS-Heimkehrerin in München verurteilt, weil sie dabei zugesehen hatte, wie ein jesidisches Mädchen verdurstete.
Der in Syrien unter dem Namen Abu Dojanah al-Faransi bekannte Sabri Essid war der Sohn eines Lebensgefährten der Mutter von Mohammed Merah, dem Attentäter von Toulouse, der 2012 sieben Menschen getötet hatte.
Essid stand den Brüdern Fabien und Jean-Michel Clain nahe, die sich zu den Anschlägen von Paris und Saint Denis im November 2015 bekannt hatten.
Wahrscheinlich wurde der jetzt Verurteilte Sabri Essid 2018 in Syrien getötet. Sein Tod wurde jedoch nie offiziell bestätigt. Seine Frau ist seit ihrer Rückkehr nach Frankreich inhaftiert.
Der Völkermord an den Jesiden durch den IS
Im Jahr 2014 eroberte der IS große Gebiete in Syrien und im Irak und rief dort ein sogenanntes Kalifat aus.
Im August desselben Jahres ermordeten ihre Mitglieder Tausende jesidische Männer in der Provinz Sinjar (oder Sindschar) im Nordirak und verschleppten Tausende Frauen und Mädchen nach Syrien, um sie auf Märkten als Sexsklavinnen zu verkaufen.
Die Ermittler der Vereinten Nationen und 2023 auch der Bundestag stuften diese Taten als Völkermord ein.
Während des Prozesses gegen Sabri Essid beschrieben zwei jesidische Frauen, die nach ihrer Gefangennahme durch den IS als Sexsklavinnen verkauft worden waren, vor dem Gericht in Paris mit grausamer Genauigkeit die Schrecken, die sie in der Gefangenschaft der Dschihadisten in Syrien erlitten hatten.
Eine der beiden Frauen sagte aus, dass sie von ihren ersten beiden "Besitzern" - einem verheirateten Saudi und später Sabri Essid - fast täglich vergewaltigt worden sei. Anschließend wurde sie an sechs andere Männer weiterverkauft. Nach mehr als zwei Jahren des Missbrauchs konnte sie mit ihrer Tochter fliehen und erreichte einen von kurdischen Streitkräften gehaltenen Posten.
Gerichtsverfahren in ganz Europa
Es ist das erste Mal, dass einer der mutmaßlichen Täter des Völkermords an den Jesiden in Abwesenheit in Frankreich vor Gericht gestellt wurde.
Im Jahr 2021 fällte ein Gericht in Frankfurt das weltweit erste Urteil, das die Verbrechen gegen die jesidische Gemeinschaft als Völkermord anerkannte.
Es verurteilte einen Iraker zu lebenslanger Haft, weil er ein fünfjähriges jesidisches Mädchen, das er als Sklavin betrachtete, im Freien bei bis zu 50 °C Hitze als Strafe angekettet hatte und das dadurch verdurstete.
2023 wurde auch dessen Ehefrau, eine IS-Heimkehrerin, in München verurteilt, weil sie dabei zugesehen hatte, wie das jesidisches Mädchen verdurstete.
Im vergangenen Monat verurteilte ein schwedisches Gericht eine 52-jährige Frau wegen Völkermords, weil sie 2015 in Syrien jesidische Frauen und Kinder versklavt hatte.
Seit 2019 gilt der IS als weitgehend zerschlagen, doch im Norden des Irak und in Syrien leben weiterhin auch Dschihadisten aus Europa in kurdischen Straflagern.