Die Politik prägt den Ton gegenüber der Ukraine – doch bei einer neuen Fluchtbewegung würden die Menschen in Ungarn wieder genauso helfen wie vor vier Jahren, sagt eine Sprecherin der ukrainischen Minderheit im ungarischen Parlament.
Liliána Grexa wurde in Bodrogcsani nahe Iwano-Frankiwsk in der Ukraine geboren. Sie stammt aus einer ungarisch-ukrainischen Familie, lebt jedoch seit ihrem ersten Lebensjahr in Ungarn.
Bereits mit 20 Jahren arbeitete sie an Nationalitätenprogrammen des ungarischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit und übernahm redaktionelle Aufgaben.
Ab 2014 stand sie fünf Jahre lang an der Spitze der Ukrainischen Nationalitätenselbstverwaltung in Budapest. Bei den Parlamentswahlen 2022 wurde sie zur Sprecherin der ukrainischen Minderheit im ungarischen Parlament gewählt. Seither sind zahlreiche Projekte mit ihrem Namen verbunden.
2023 war sie an der Gründung der ersten von einer Selbstverwaltung getragenen ukrainischen Minderheitenschule mit Sprachschwerpunkt beteiligt, die den Namen Lesja Ukrajinka trägt. Zudem unterstützte sie die Eröffnung der ersten fünftägigen zweisprachigen Bildungseinrichtung der ukrainischen Minderheit, die nach Taras Schewtschenko benannt ist.
Seit 2024 besteht darüber hinaus unter dem Dach des Hauses der Ukrainischen Traditionen auch eine ungarisch-ukrainische zweisprachige Schule – ebenfalls auf ihre Initiative zurückgehend. Darüber hinaus organisiert sie Veranstaltungen, um die ukrainische Kultur einem breiteren Publikum in Ungarn näherzubringen.
2025 holte sie den international bekannten ukrainischen Homin-Chor nach Budapest. Im März gastierte zudem das 23-fach mit dem Grand Prix ausgezeichnete Jugendtanzensemble Svitanok in Ungarn und trat sowohl in Nyíregyháza als auch in Budapest auf.
Trotz dieser Erfolge räumte sie gegenüber Euronews ein, dass sich die Beziehungen zwischen Budapest und Kyjiw in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert haben – eine Entwicklung, die auch die ukrainische Minderheit in Ungarn belastet.
Euronews: Für Leser von Euronews ist Ihr Name noch neu. Deshalb zunächst die grundlegende Frage: Worin besteht eigentlich die Aufgabe einer Nationalitätensprecherin? Welche Befugnisse und Zuständigkeiten haben Sie?
Grexa: Als parlamentarische Sprecherin einer Minderheit vertrete ich im ungarischen Gesetzgebungsprozess die Interessen der jeweiligen Minderheit in allen sie betreffenden Fragen. Ich kann Vorschläge einbringen, Stellungnahmen abgeben und im Parlament sprechen.
Auf diese Weise bringe ich wichtige Anliegen gegenüber der Regierung und dem Parlament ein – insbesondere in den Bereichen Bildung, Kultur, Sprachgebrauch und Religionsleben. Ein Stimmrecht habe ich nicht, was ich allerdings keineswegs als Nachteil empfinde, da ich so unabhängig bleiben kann.
Die ukrainische Minderheit in Ungarn hat seit den frühen 2010er Jahren eine Phase der Stagnation erlebt. Daraus entwickelte sich ein Prozess, der aus meiner Sicht nicht förderlich war. Auch deshalb habe ich 2021 für das Amt der Sprecherin kandidiert – mit dem Ziel, diese Entwicklung umzukehren und in eine positive Richtung zu lenken. In den vergangenen vier Jahren habe ich im Parlament elf Reden vor der Tagesordnung zu Themen gehalten, die die ukrainische Minderheit betreffen.
Zudem habe ich zweimal die Position des Nationalitätenausschusses in parlamentarischen Debatten vorgestellt und mich aktiv an dessen Arbeit beteiligt. Darüber hinaus habe ich anlässlich des Jahrestages des Holodomor eine Konferenz im Parlament organisiert und mit "NovaDays" ein Dialogforum zwischen ukrainischen und ungarischen Jugendlichen ins Leben gerufen.
Kurz gesagt: Ich baue Brücken – im Parlament und darüber hinaus – zwischen dem ungarischen und dem ukrainischen Volk sowie zwischen der ukrainischen Minderheit in Ungarn und der Mehrheitsgesellschaft.
Euronews: Zu Beginn der großangelegten russischen Aggression im Jahr 2022 war die Solidarität in Ungarn gegenüber ukrainischen Geflüchteten enorm. Schulen nahmen Kinder auf, der Bahnhof Keleti und zahlreiche Unterkünfte waren voller Freiwilliger. Hat sich die Haltung der ungarischen Gesellschaft seither verändert? Und wie steht es um die Institutionen?
Grexa: Zunächst eine wichtige Klarstellung: Ungarische Schulen boten 2022 keinen regulären Unterricht auf Ukrainisch an. Sie nahmen vielmehr mit großer Offenheit ukrainische Kinder auf und stellten im besten Fall zweisprachige Lehrkräfte ein.
Offiziell begann ergänzender Unterricht auf Ukrainisch erst nach Beginn der umfassenden russischen Aggression, unter anderem in Budapest und Nyíregyháza, etwa an der Lesja-Ukrajinka-Schule sowie dank der Arbeit von Migration Aid und ukrainischen Minderheitenorganisationen.
Die erste offizielle zweisprachige Schule mit Unterricht auch auf Ukrainisch nahm schließlich 2024 ihren Betrieb auf. Gleichzeitig stimmt es, dass viele Schulen ukrainische Kinder aufgenommen haben – und weiterhin aufnehmen –, ohne Unterricht auf Ukrainisch anzubieten. Dennoch fühlen sich die Kinder dort wohl und bleiben gern, weil sie offen empfangen und beim Ankommen unterstützt werden.
Die ungarische Gesellschaft hat in den Jahren 2022 und 2023 eindrucksvoll gezeigt, was Solidarität bedeutet. Ich kann gar nicht genug Dank dafür ausdrücken, wie viel Unterstützung ukrainische Geflüchtete in dieser Zeit erfahren haben. Inzwischen ist die Zahl der Ankommenden zurückgegangen. Viele, die damals nach Ungarn kamen und bleiben wollten, haben Arbeit und Wohnraum gefunden und bemühen sich, auf eigenen Beinen zu stehen.
Sie möchten sich integrieren und hier in Frieden leben, solange die russische Aggression anhält. Einige sehen ihre Zukunft sogar langfristig in Ungarn – nicht zuletzt wegen der positiven Erfahrungen, die sie gemacht haben. Ich bin überzeugt: Sollte es erneut zu einer größeren Fluchtbewegung kommen, wären die Ungarinnen und Ungarn wieder genauso hilfsbereit. Mein Eindruck ist, dass sich die Unterstützung zuletzt weniger auf Geflüchtete, sondern stärker auf die Ukraine selbst richtet.
Ein Beispiel: Anfang dieses Jahres habe ich eine Spendenaktion für Menschen in der Ukraine organisiert, die ohne Strom und Heizung auskommen mussten. Innerhalb kurzer Zeit kamen mehr als eine Million Forint zusammen, die wir betroffenen Familien zukommen lassen konnten. Aus meiner Sicht sind die Menschen in Ungarn solidarisch. Sie sehen, welche Zerstörung die russische Aggression in der Ukraine anrichtet und was die Menschen dort Tag für Tag durchmachen müssen.
Das kann auf der Ebene des Alltagslebens sehr schädliche Entwicklungen in Gang setzen. Deshalb habe ich mich Ende Februar auch im Parlament zu diesem Thema zu Wort gemeldet. Ich würde nicht sagen, dass es bereits zu einem grundlegenden Wandel gekommen ist – aber in einzelnen Äußerungen von Politikerinnen und Politikern nehme ich durchaus eine Veränderung wahr.
Euronews: Fühlen sich die in Ungarn lebenden Ukrainerinnen und Ukrainer angesichts der ukrainfeindlichen Kampagnen der vergangenen Monate bedroht?
Grexa: "Bedrohung" ist ein sehr starkes Wort. Ich kann klar sagen, dass sich weder die in Ungarn lebenden ukrainischen Geflüchteten noch die Angehörigen der hier ansässigen ukrainischen Minderheit bedroht fühlen.
Es steht jedoch außer Frage, dass wir all diese Kampagnen, Botschaften, Plakate und politischen Aussagen mit einem bitteren Beigeschmack und großem Schmerz wahrnehmen. Ganz zu schweigen davon, dass meine ukrainischen Gäste – darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Öffentlichkeit, aber auch Künstlerinnen, Künstler und Kinder – oft schockiert sind, wenn sie sehen, dass es in Ungarn mehr Plakate von Präsident Selenskyj gibt als in der Ukraine selbst.
Bedroht fühlt sich also niemand. Zudem verfügen die anerkannten Minderheiten in Ungarn auch im europäischen Vergleich über weitreichende Rechte, die sie frei wahrnehmen können.
Ich hoffe allerdings, dass diese Plakate endlich verschwinden, sobald der Wahlkampf vorbei ist – und nicht durch neue ersetzt werden. Denn ich halte das nicht für den richtigen Weg im Umgang zwischen Politikern zweier Nachbarländer. Was es braucht, ist Dialog am Verhandlungstisch – nicht ein enthemmter Schlagabtausch über soziale Medien oder über öffentliche Statements in den Medien.
Euronews: Gab es konkrete Übergriffe gegen die ukrainische Minderheit?
Grexa: Gegen die ukrainische Minderheit in Ungarn nicht – und auch von körperlichen Angriffen auf Geflüchtete ist mir nichts bekannt. Die negativen politischen Botschaften nehmen wir natürlich wahr, und angenehm ist das keineswegs.
Da viele von uns Angehörige und enge Verbindungen in der Ukraine haben, ist es besonders schmerzhaft, solche Aussagen zu sehen. Für Geflüchtete ist es noch belastender, täglich damit konfrontiert zu werden – schließlich ist das Land hier mit Plakaten ihres Präsidenten übersät.
Gleichzeitig sollten wir objektiv bleiben: Auch von ukrainischen Politikern hat es im vergangenen Jahr Aussagen gegeben, die irritierend oder empörend waren. Deshalb würde ich das Verhältnis zwischen Ungarn und der Ukraine nicht als schwarz-weiß beschreiben.
Man darf zudem nicht außer Acht lassen, unter welchen Bedingungen ukrainische Politiker arbeiten. Seit Jahren steht ihr Land unter dem Druck der russischen Aggression. Sie verbringen Nächte in Schutzräumen, wenn Drohnen und Raketen angreifen, sorgen sich um ihre Kinder und Eltern.
Und am nächsten Morgen, wenn sie Glück hatten und ihr Zuhause verschont blieb, gehen sie wieder zur Arbeit, um für ihr Land und ihre Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Ich finde, das sollte auch von ungarischen Politikerinnen und Politikern bedacht werden, bevor sie sich äußern – ganz gleich, wie groß die Empörung im Einzelfall ist.
Abgesehen davon höre ich gelegentlich von Geflüchteten, dass es Ärzte gibt, die sie nicht behandeln wollen, weil ihnen eine Sozialversicherungsnummer fehlt. Auch kommt es vor, dass geflüchtete Kinder an einzelnen Schulen schikaniert werden – solche Fälle werden jedoch in der Regel von den Schulbehörden geklärt.
Bei persönlichen verbalen Angriffen handelt es sich zum Glück um vereinzelte Vorfälle, mit denen meist angemessen umgegangen wird. Dennoch habe ich den Eindruck, dass wir einen Punkt erreicht haben, an dem die negative Rhetorik gegenüber Ukrainerinnen und Ukrainern weiter zunehmen könnte – und das wäre eine sehr besorgniserregende Entwicklung.
Was uns in den sozialen Medien begegnet, ist oft deutlich härter als das, was wir im direkten Austausch mit Menschen aus der ukrainischen Minderheit hören. Deshalb finde ich, dass alle, die sich bislang keine Gedanken darüber gemacht haben, welchen Schaden ihre Worte anrichten können, an diesem Punkt innehalten sollten.
Euronews: Während die Regierung die Führung um Präsident Selenskyj offen kritisiert: Wie verhält sie sich tatsächlich gegenüber Ukrainern, die seit Jahren in Ungarn leben?
Grexa: Derzeit nehme ich die negative politische Rhetorik gegenüber der Ukraine und den Ukrainerinnen und Ukrainern vor allem in der öffentlichen Kommunikation wahr. Gleichzeitig verfolgt die ungarische Regierung – neben ihrer ausgeprägten Nationalpolitik – auch eine sehr starke und man kann sagen beispielhafte Förderung von Minderheiten.
Man muss sich nur anschauen: Gerade in einer Phase, in der die Beziehungen zwischen den politischen Führungen beider Länder besonders angespannt sind, werden zwei ukrainische Minderheitenschulen sowie eine ungarisch-ukrainische zweisprachige Schule eröffnet. Ich gehe sogar noch weiter: Ohne die Unterstützung der ungarischen Regierung in letzter Minute – auf meine Bitte hin – hätte die Taras-Schewtschenko-Ukrainische Minderheitenschule mit zweisprachigem Unterricht gar nicht starten können.
Interessant ist auch, dass im Jahr 2025 von allen europäischen Ländern die meisten Kinder aus der Ukraine kostenlos in Ungarn an Ferienlagern teilnehmen konnten, um zumindest für kurze Zeit dem Druck der russischen Aggression zu entkommen. Möglich wurde das vor allem durch die Unterstützung der ungarischen Regierung sowie durch die Finanzierung von Ministerien, Behörden, Kommunen und privaten Unternehmen.
Ich denke daher, man kann mit Recht sagen, dass die in Ungarn lebende ukrainische Minderheit keine Nachteile erfährt, auch wenn die Beziehungen zur Ukraine derzeit auf einem Tiefpunkt sind. Im Gegenteil: Sowohl die ungarische als auch die ukrainische Regierung sehen in uns eine Art Brücke und eine Chance für den Ausbau von Beziehungen. Und wir tun alles dafür, diese Verbindungen dort zu stärken, wo es möglich ist.
Euronews: Ist es für ukrainische Geflüchtete heute schwieriger, in Ungarn Fuß zu fassen als noch vor vier Jahren?
Grexa: Die Geflüchteten, mit denen ich in Kontakt stehe – und das sind viele –, haben alle Arbeit gefunden und fühlen sich hier wohl. Deshalb bleiben sie auch. Auch für den ungarischen Arbeitsmarkt ist es von Vorteil, dass fleißige und engagierte Ukrainerinnen und Ukrainer hier tätig sind.
Euronews: Gibt es Menschen, die Ungarn verlassen haben, weil sie sich in diesem Umfeld nicht wohlgefühlt oder unsicher gefühlt haben?
Grexa: Ja, auch in meinem Umfeld gab es solche Fälle. Einige hatten das Gefühl, dass dieses Umfeld nicht zu ihnen passt, und sind weiter nach Westen oder sogar nach Übersee gezogen. Soweit ich weiß, lag das aber nicht daran, dass sie sich bedroht fühlten, sondern eher an fehlenden Sprachkenntnissen und an Unterschieden in der Mentalität.
Euronews: Die ungarische Regierung blockiert regelmäßig finanzielle Hilfen sowie den EU-Beitritt der Ukraine. Wie wird das von den in Ungarn lebenden Ukrainerinnen und Ukrainern wahrgenommen?
Grexa: Die Ukraine verteidigt sich seit mittlerweile fast 1500 Tagen gegen die ungebremste russische Aggression. 1500 Tage – das ist eine sehr lange Zeit. 1500 Tage, in denen die Menschen eigentlich in Frieden leben könnten, es aber nicht können, weil tödliche Raketen und Drohnen aus Russland kommen.
Jeden Tag sterben Menschen in der Ukraine infolge dieser Angriffe – nicht nur Soldaten, sondern auch unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten, Erwachsene ebenso wie Kinder. Jeder einzelne Tag, an dem die Angriffe andauern, und jeder Tag, an dem aus irgendeinem Grund Hilfen die Ukraine nicht erreichen, kostet Menschenleben. Das erfüllt uns mit Trauer und einem Gefühl der Ohnmacht.
Denn für uns sind die Ukrainerinnen und Ukrainer nicht abstrakt – es sind unsere Verwandten, unsere Geschwister, unsere Freundinnen und Freunde, unsere Bekannten und deren Angehörige.
Und jeden Tag sehen wir in unseren Social-Media-Feeds mehr als nur einen Nachruf – auf den Seiten unserer Freunde. Tatsächlich kämpfen viele Verwandte, Bekannte und enge Freunde ukrainischstämmiger Familien in Ungarn an der Front gegen die russische Aggression.
Für uns ist die Frage der Unterstützung für die Menschen in der Ukraine keine abstrakte Zahl in einer Excel-Tabelle und keine Nachricht unter vielen. Sie ist die einzige Möglichkeit für unsere Angehörigen, sich zu schützen.