Nach Trumps neuem Angriff auf erneuerbare Energien werden Rufe laut, die Nordsee stärker nach Öl auszubeuten – obwohl Studien keine Entlastung bei Energiekosten sehen.
Donald Trump hat erneut gegen erneuerbare Energien ausgeteilt. Er nennt das Vereinigte Königreich „verrückt“, weil es die Ölförderung in der Nordsee nicht massiv ausweitet.
Die britische Regierung hat im vergangenen Jahr neue Erkundungslizenzen beendet. Unternehmen erhalten keine Genehmigung mehr, in bislang unerschlossenen Gebieten nach neuen Öl- und Gasvorkommen zu suchen. Laufende Bohrprojekte bleiben jedoch in Betrieb.
Unterdessen hält Iran den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus weiter im Würgegriff. Durch diese Engstelle für fossile Brennstoffe fließt rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels. In Großbritannien werden deshalb die Rufe lauter, die historische Entscheidung gegen neue Bohrlizenzen rückgängig zu machen.
Finanzministerin Rachel Reeves sagt, die Regierung arbeite „mit Hochdruck“ daran, zusätzliche Bohrungen zu ermöglichen. Dafür sollen sogenannte „Tie-back-Sites“ geöffnet werden, also Flächen auf oder in der Nähe bestehender Felder. Zuvor hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert, der Krieg gegen Iran werde Großbritannien von allen hochentwickelten Volkswirtschaften am stärksten treffen, wegen seiner hohen Energieimporte.
Trump an Großbritannien: „Drill, baby, drill“
„Europa ist verzweifelt auf der Suche nach Energie, und trotzdem weigert sich das Vereinigte Königreich, das Nordsee-Öl zu öffnen, eines der größten Felder der Welt“, schrieb Trump Anfang der Woche auf seiner Plattform Truth Social.
„Aberdeen müsste boomen. Norwegen verkauft sein Nordsee-Öl an das Vereinigte Königreich zum doppelten Preis. Sie verdienen ein Vermögen.“
Trump behauptete weiter, Großbritannien sei für Bohrungen in der Nordsee „besser gelegen“. Und er legte nach: „Drill, baby, drill! Es ist absolut verrückt, dass sie [Großbritannien] das nicht tun – und keine Windräder mehr!“
Nordsee-Fakten: Das verkennt Donald Trump
Großbritannien hat seit 1975 bereits rund 4,1 Milliarden Tonnen Öl gefördert. Die North Sea Transition Authority (NSTA) geht davon aus, dass aus bestehenden Feldern bis 2050 weitere 218 Millionen Tonnen hinzukommen.
Nach Angaben der Energy and Climate Intelligence Unit (ECIU) (Quelle auf Englisch) deuten diese Prognosen darauf hin, dass neue Bohrungen nur zusätzliche 74 Millionen Tonnen bringen würden. Das entspräche eins Komma sieben Prozent der Gesamtmenge, die zwischen 1975 und 2050 gefördert werden könnte. Das heißt: Rund 93 Prozent des voraussichtlich förderbaren Nordsee-Öls und -Gases sind praktisch schon ausgeschöpft.
Eine separate Analyse der Kampagnengruppe Uplift ergab, dass selbst große neue Felder in der Nordsee die britische Abhängigkeit von Gasimporten kaum verringern würden.
Das Jackdaw-Feld, eines der größten noch unerschlossenen Gasfelder in der Nordsee, würde nur rund zwei Prozent der derzeitigen britischen Gasimporte ersetzen. Das Rosebank-Feld, das vor allem Öl enthält, käme lediglich auf etwa ein Prozent der Gasimporte.
Nach Berechnungen von Uplift bliebe Großbritannien damit fast vollständig auf Lieferungen aus Norwegen und anderen Staaten angewiesen.
Die Preise für Öl und Gas entstehen zudem auf den Weltmärkten. Britische Verbraucherinnen und Verbraucher erhalten keinen Sonderrabatt. Gas aus britischen Gewässern lässt sich an den Meistbietenden exportieren. Mehr heimische Förderung führt daher nicht automatisch zu niedrigeren Kosten.
Nordsee-Bohrungen: Sinken damit die Energierechnungen?
Parallel zum Druck, in der Nordsee mehr zu bohren, befeuert der Krieg gegen Iran auch den Ausbau heimischer erneuerbarer Energien. Diese reagieren deutlich weniger empfindlich auf geopolitische Krisen.
Großbritannien versucht hastig, sein Stromnetz auszubauen. Es soll die vielen neuen Solar- und Windparks aufnehmen, die oft in abgelegenen Regionen entstehen.
Im Jahr 2025 stammten rekordverdächtige 52,5 Prozent des britischen Stroms aus erneuerbaren Quellen. Es war das zweite Jahr in Folge, in dem ihr Anteil über fünfzig Prozent lag. Am 26. März erreichte die britische Windkraft zudem einen neuen Spitzenwert von 23.880 Megawatt – genug, um rund 23 Millionen Haushalte zu versorgen.
Eine Auswertung der Universität Oxford kommt zu dem Ergebnis: Würde Großbritannien seinen Strom vollständig aus erneuerbaren Quellen beziehen, könnten Haushalte bis zu 441 Pfund (510 Euro) pro Jahr bei den Energiekosten sparen.
Zum Vergleich: Selbst eine maximal mögliche Öl- und Gasförderung in der Nordsee brächte Haushalten nur Einsparungen von 16 bis 82 Pfund (19 bis 95 Euro) im Jahr. Und auch das nur, falls die dafür anfallenden Steuereinnahmen direkt an die Bürgerinnen und Bürger fließen, um ihre Energierechnungen zu senken.
Dr. Anupam Sen, Mitautor der Studie, nennt die Vorstellung, ein „Ausquetschen“ der Nordsee mache Großbritannien energiepolitisch sicherer und senke die Haushaltsrechnungen deutlich, „reine Fantasie“.
Zu Beginn des Jahres haben zehn europäische Länder – darunter Großbritannien – 9,5 Milliarden Euro zugesagt. Damit wollen sie bis 2050 100 Gigawatt gemeinsamer Offshore-Windprojekte in den gemeinsamen Nordseegewässern aufbauen. Das entspräche Strom für rund 134 Millionen Haushalte.