Klimaforschende warnen: Bis Ende des Jahres könnte ein rekordstarkes El Niño-Phänomen auftreten und weitere Extremwetterlagen bringen.
Saisonale Klimamodelle deuten auf ein El‑Niño-Klimamuster hin, das zu den stärksten seit Beginn der Aufzeichnungen gehören könnte. Es dürfte weltweit für mehr extreme Wetterlagen sorgen.
„Ich gehe davon aus, dass wir Wetterereignisse erleben, wie es sie in der modernen Geschichte noch nicht gegeben hat“, warnt Jeff Berardelli, Chefmeteorologe und Klimaexperte des Senders WFLA‑TV in Tampa, Florida.
Nach Angaben der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) dürfte sich ab der Mitte dieses Jahres ein El Niño entwickeln. Es würde die globalen Temperatur- und Niederschlagsmuster deutlich verändern. Die Modelle deuten zwar auf ein starkes Ereignis hin, zugleich warnt die WMO, dass Vorhersagen im Frühjahr besonders unsicher sind.
Was ist El Niño?
El Niño (spanisch für „der Junge“) bezeichnet eine natürliche, wiederkehrende Erwärmung von Teilen des äquatorialen Pazifiks. Dadurch verändern sich die globalen Wetterabläufe. Das Gegenstück, La Niña, steht für Wasser, das kühler als der Durchschnitt ist.
Nach Berardelli sorgt ein El‑Niño-Ereignis im Kern dafür, dass Wärme auf der Erde umverteilt wird. Derzeit wandert die Wärme unter der Oberfläche des Pazifiks ostwärts und steigt aus der Tiefe an die Oberfläche auf – die Anfangsphase von El Niño.
Die aktuelle Saisonprognose der WMO zeigt, dass die Meeresoberflächentemperaturen rasant steigen. Es gebe hohe Sicherheit, dass El Niño einsetzt und sich in den folgenden Monaten weiter verstärkt, sagt Wilfran Moufouma Okia, Leiter der Klimavorhersage bei der WMO.
Nach WMO-Angaben tritt El Niño etwa alle zwei bis sieben Jahre auf und hält meist rund neun bis zwölf Monate an.
Warum macht die diesjährige El‑Niño-Prognose Forschenden Sorgen?
Die Vorhersagemodelle scheinen auf etwas Entscheidendes hinzuweisen, sagt der Klimaforscher Daniel Swain vom California Institute for Water Resources. Ausschlaggebend sei das Volumen und die Stärke der warmen Anomalien unter der Meeresoberfläche – Schübe ungewöhnlich warmen Wassers, die zentral für die Physik von El Niño sind. Beides sei so ausgeprägt wie kaum je zuvor in den historischen Aufzeichnungen.
Die stärksten Ereignisse werden oft als „Super-El‑Niño“ bezeichnet. Die US-Meeres- und Atmosphärenbehörde NOAA nutzt diesen Begriff allerdings nicht.
„Einer der zentralen Bausteine, damit sich das Phänomen voll entfaltet, ist tatsächlich bereits vorhanden“, sagte Swain vergangene Woche. „Wir wissen trotzdem noch nicht genau, was passieren wird. Ein Super-El‑Niño ist nicht garantiert. Aber das Potenzial für etwas wirklich Bemerkenswertes ist da.“
Gibt der Pazifik viel Wärme an die Atmosphäre ab, heizt das das Klimasystem zusätzlich an und kann das Wetter regelrecht aus den Fugen bringen, erläutert Berardelli. Mehr Wärme bedeutet heftigere Hitzewellen, verschärfte Dürren in manchen Regionen und zugleich mehr Feuchtigkeit in der Luft, die zu intensiveren Überschwemmungen führt.
El Niño dämpft zudem die Hurrikansaison im Atlantik, weil im Pazifik so viel Wärme steckt, dass sie den Atlantik überlagert, sagt Berardelli. Regionen wie die Karibik werden in diesem Sommer voraussichtlich besonders trocken sein und mit weniger tropischen Stürmen rechnen müssen, warnt er.
Welche Folgen hätte ein Super-El‑Niño?
El Niño wirkt sich weltweit aus. Für die Vereinigten Staaten zeichnet sich ein Sommer ab, der heißer als üblich ausfällt, mit ausgeprägten Hitzewellen. Noch lassen sich Details schwer vorhersagen, doch Berardelli rechnet im Südwesten der USA auch mit häufigeren täglichen Gewittern.
Die Degradierung der Wälder, durch Brände, Abholzung und Dürre vorangetrieben, betrifft bereits rund 40 Prozent des Amazonasgebiets. Ein starkes El‑Niño-Ereignis könnte diese Entwicklung im Jahr 2026 noch verschärfen.
Die zusätzliche Wärme, die El Niño an die Oberfläche bringt, kombiniert mit der durch den Klimawandel ohnehin steigenden Temperatur, wird nach Einschätzung von Swain zu neuer Rekordhitze weltweit führen. Er erwartet Rekordwerte bei den globalen Durchschnittstemperaturen später in diesem oder im kommenden Jahr – oder in beiden Jahren.
„Alle Anzeichen sprechen derzeit dafür, dass das kommende Jahr aus globaler Klimaperspektive sehr turbulent wird“, ergänzt Swain.
Michael Mann, Klimaforscher an der University of Pennsylvania, betont, dass El Niño die globalen Temperaturen für ein oder zwei Jahre etwas anhebt, insgesamt aber ein „Nullsummenspiel“ bleibt.
In der Regel schwenkt das System wieder zu La Niña, was die globalen Temperaturen für ein oder zwei Jahre etwas drückt, erklärt er. Anlass zur Sorge ist aus seiner Sicht der langfristige, stetige Erwärmungstrend, der so lange anhält, wie Menschen weiter fossile Brennstoffe verbrennen, sagte Mann vergangene Woche.