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Hantavirus-Risiko in Europa steigt durch Klima- und Lebensraumwandel

Im Hafen von Rotterdam verlassen Menschen in Schutzkleidung das Kreuzfahrtschiff MV Hondius. Sie tragen unbekannte Gegenstände, am Montag, dem achtzehnten Mai.
Menschen in Schutzkleidung tragen unbekannte Gegenstände, als sie vom Kreuzfahrtschiff MV Hondius gehen. Das Schiff kam am 18. Mai 2026 im Hafen von Rotterdam an. Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved
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Von Liam Gilliver
Zuerst veröffentlicht am
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Hantavirus in Europa schon lange vor Ausbruch auf der MV Hondius: Erhöht der Klimawandel das Risiko für die Zukunft?

In diesem Monat sind erneut Ängste vor einer weltweiten Pandemie aufgeflammt. Auslöser ist das Kreuzfahrtschiff MV Hondius, auf dem ein tödlicher Hantavirus-Ausbruch seinen Ausgang nahm.

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Im jüngsten Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu Krankheitsausbrüchen heißt es, dass bis zum 13. Mai insgesamt elf Fälle gemeldet wurden, darunter drei Todesfälle.

Fachleute rechnen mit weiteren Fällen. Auf einem Schiff kann sich ein Erreger leicht ausbreiten, zudem ist die Inkubationszeit des Virus lang. Die WHO betont jedoch, dass es bislang keine Hinweise auf einen „größeren Ausbruch“ gibt.

Hantavirus: Was ist das und wie verbreitet es sich?

Berichte über sich selbst isolierende Passagiere und Bilder von Rettungskräften in voller Schutzausrüstung wecken Erinnerungen an die COVID-Pandemie. Die WHO versucht diese Sorge immer wieder zu dämpfen und verweist darauf, dass sich beide Krankheiten sehr unterschiedlich übertragen.

„Das ist nicht das Coronavirus“, sagte Maria van Kerkhove, Direktorin für die Vorbereitung auf Epidemien und Pandemien bei der WHO, nachdem der Tod der ersten Passagierin bekannt geworden war. „Ich möchte das unmissverständlich klarstellen: Das ist nicht SARS-CoV-2 und nicht der Beginn einer COVID-Pandemie.“

Hantaviren tragen ihren Namen nach einem Fluss in Südkorea. Es handelt sich nicht um eine einzelne Krankheit, sondern um eine ganze Virusfamilie. Es sind mehr als 20 verschiedene Hantaviren bekannt, fast alle stehen im Zusammenhang mit Infektionen durch Nagetiere wie Ratten und Mäuse.

Die meisten Hantaviren werden nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Es gibt jedoch seltene Fälle mit dem Andes-Virus-Stamm, der auch hinter dem aktuellen Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff steckt.

Die Übertragung erfolgt dennoch nur bei sehr engem Kontakt. So ging etwa ein Ausbruch in Argentinien im Jahr 2018 auf eine einzige Feier zurück. Eine infizierte Person soll dort insgesamt 34 Menschen angesteckt haben; elf von ihnen starben.

Hantavirus-Ausbruch: Ist der Klimawandel schuld?

Klimawandel und Infektionskrankheiten bringen Wissenschaftler seit Langem miteinander in Verbindung.

Das Klima spielt eine wichtige Rolle für Verbreitung und Ausbreitung von Organismen. Dazu gehören Krankheitsträger wie Tiere, die Erreger beherbergen oder weitergeben können, Vektoren wie Mücken und Zecken sowie die eigentlichen Erreger wie Viren oder Bakterien.

Einer Studie aus dem Jahr 2022 (Quelle auf Englisch) in der Fachzeitschrift „Nature“ zufolge reagieren mehr als die Hälfte aller Infektionskrankheiten des Menschen auf das Klima – darunter auch Hantaviren.

„Immer wenn eine Krankheit klimasensibel ist, kann der Klimawandel ihre Epidemiologie beeinflussen – also Verbreitung, Muster und Auswirkungen auf Menschen“, sagt Kris Murray, Professor an der Medical Research Council Unit The Gambia an der London School of Hygiene & Tropical Medicine, zu Euronews Earth.

„Im Fall des Hantavirus kann das Klima und der Klimawandel die Präsenz oder Häufigkeit von Wirtsarten wie verschiedenen Nagetierarten direkt beeinflussen.“

Eine Veränderung der Niederschlagsmuster kann zum Beispiel Fortpflanzungszeitpunkt und Fortpflanzungserfolg der Nagetierwirte beeinflussen. Murray warnt, dass dies „Folgewirkungen“ auf die Belastung des Menschen haben kann.

Zerstörte Lebensräume begünstigen zoonotische Ausbrüche

Lebensraumverlust, -zerstörung oder -verschlechterung – oft durch vom Menschen vorangetriebene Abholzung – können die Krankheitsübertragung direkt und indirekt beeinflussen.

„In Regionen, in denen zoonotische Wirte vorkommen, können das Entfernen von Vegetation oder andere zerstörerische Eingriffe infektiöse Erreger mobilisieren“, erklärt Murray.

„Beim Hantavirus infizieren sich Menschen häufig, wenn sie Bereiche aufwühlen, in denen Nagetiere leben – sie sind das natürliche Reservoir dieser Viren. Das Hantavirus wird über Kot und Urin ausgeschieden, die in der Umwelt eine Zeit lang überdauern können.“

Werden solche Umgebungen gestört, können sich die Erreger in der Luft verteilen. Menschen in der Nähe können sie dann einatmen und sich infizieren.

„Fragmentierte Ökosysteme begünstigen oft anpassungsfähige Reservoirarten wie Nagetiere, Fledermäuse oder Zecken. Gleichzeitig schwächen sie die natürlichen ökologischen Gleichgewichte, die die Ausbreitung von Erregern regulieren“, sagt Professor Jörg Schelling, ehemaliger Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum der LMU München, gegenüber Euronews Earth.

Klimabedingte Extremereignisse wie Überschwemmungen, Dürren und Waldbrände können sowohl Ökosysteme als auch menschliche Infrastruktur stören. Dadurch entstehen Bedingungen, die die Ausbreitung von Infektionskrankheiten begünstigen und die Belastung des Menschen erhöhen.
Professor Jörg Schelling

Die WHO geht derzeit von der Hypothese aus, dass die Ansteckungen bereits vor dem Einschiffen der Passagiere stattfanden. Seit Juli vergangenen Jahres meldete Argentinien 101 Hantavirus-Fälle, davon 32 mit tödlichem Ausgang. Damit liegen die Zahlen deutlich über dem Zeitraum 2024 bis 2025, als 64 Fälle und 14 Todesfälle registriert wurden.

Fachleute warnen, der Anstieg stehe im Zusammenhang mit der schweren Dürre, die Argentinien 2023 und 2024 traf. In den Jahren danach setzte vermehrter Regen ein. Dadurch wuchs die Vegetationsdecke, es gab mehr Nahrung für Wirte wie Ratten.

Hantavirus: Wie groß ist die Gefahr für Europa?

Hantaviren gibt es in Europa schon lange, bevor sie Anfang dieses Monats Schlagzeilen machten. Der erste dokumentierte Ausbruch wurde 1934 in Schweden registriert.

Eine Studie aus dem Jahr 2009, veröffentlicht in der National Library of Medicine (Quelle auf Englisch), zeigt, dass höhere Temperaturen in West- und Mitteleuropa mit häufigeren Puumala-Hantavirus-Ausbrüchen zusammenhängen. Ursache sind hohe Samenproduktion und eine starke Vermehrung der Rötelmaus.

Andererseits haben milde Winter in Skandinavien die Bestände dieser Mäuse schrumpfen lassen, weil die schützende Schneedecke fehlt.

Das Puumala-Virus ist in Europa die häufigste Ursache für Hantavirus-Infektionen. Menschen stecken sich an, wenn sie staubige Luft einatmen, die mit Urin, Kot oder Speichel infizierter Rötelmäuse verunreinigt ist. Das Virus löst eine milde Form des hämorrhagischen Fiebers mit renalem Syndrom aus. Die Symptome reichen von plötzlichem Fieber und Kopfschmerzen bis zu Rücken- und Bauchschmerzen.

Tödliche Verläufe sind jedoch selten. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch gibt es nicht.

„Hantaviren kommen weltweit vor, auch in Europa. Es ist denkbar, dass der Klimawandel neue oder zusätzliche Möglichkeiten schafft, wie sie auf den Menschen überspringen“, erklärt Murray. „Wir müssen jedoch noch besser verstehen, welches Risiko von den einzelnen Wirtsarten ausgeht.“

„Wichtig ist bei Hantaviren: Sie verursachen zwar immer wieder Erkrankungen beim Menschen, überall auf der Welt. Eine ausgeprägte Mensch-zu-Mensch-Übertragung zeigen sie aber in der Regel nicht“, sagt er. „Genau das unterscheidet seltene, meist isolierte Fälle von größeren Clustern Erkrankter, wie wir sie im aktuellen Ausbruch sehen.“

Schelling weist darauf hin, dass Klimaprojektionen insbesondere für Teile Nord- und Westeuropas zunehmend geeignete Bedingungen für Nagetierarten erwarten lassen, die als Hantavirus-Reservoir dienen.

„Regionen, die historisch ein kälteres Klima hatten – etwa Teile Skandinaviens, des Baltikums oder höher gelegene Gebiete in Mitteleuropa –, könnten längere Übertragungssaisons erleben und veränderte Nagetierbestände, wenn die Temperaturen steigen“, sagt er.

Zugleich räumt Schelling ein, dass die künftige räumliche Verteilung von Hantaviren noch mit Unsicherheiten behaftet ist. Er geht jedoch davon aus, dass sich die Landschaft zoonotischer Erkrankungen in Europa in den kommenden Jahrzehnten „erheblich“ verändern wird.

Hantavirus: Wie Europa gegensteuern kann

Nach dem jüngsten Hantavirus-Ausbruch drängen Fachleute die Politik, Überwachungssysteme auszubauen, die epidemiologische, ökologische und Klimadaten zusammenführen.

„Dazu gehört, Faktoren wie Temperatur, Niederschlag, Vegetationsindizes, Landnutzungsänderungen und Indikatoren für die Artenvielfalt parallel zur menschlichen Krankheitsüberwachung zu beobachten“, sagt Schelling.

„Auf nationaler Ebene nutzen einige Länder bereits klima­informierte Prognosen für vektorübertragene Krankheiten wie Dengue, Chikungunya, West-Nil-Virus oder FSME (durch Zecken übertragene Frühsommer-Meningoenzephalitis). Diese Systeme können als Modelle für eine breitere Überwachung dienen.“

Nach Ansicht Schellings brauchen die Gesundheitssysteme in Europa mehr Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur. Die Verhütung künftiger Ausbrüche hänge nicht nur von besserer Überwachung ab, sondern auch davon, die Ursachen ökologischer Zerstörung und des Klimawandels selbst anzugehen.

Die Weltnaturschutzunion (IUCN) sieht im jüngsten Hantavirus-Ausbruch zudem einen Hinweis auf eine „unerwartete Lösung“: die Wiederherstellung von Natur.

Eine Studie aus dem Jahr 2021 (Quelle auf Englisch), veröffentlicht in „Science Direct“, kommt zu dem Ergebnis, dass die Renaturierung tropischer Waldlandschaften die Bestände von zwei wichtigen Reservoir-Nagetierearten verringern könnte. Das würde das Übertragungsrisiko für nahezu 2,8 Millionen Menschen in gefährdeten Regionen senken.

„Renaturierung sollte als gesundheitspolitische Maßnahme anerkannt werden“, sagt Paula Prist von der IUCN. „Ihre Rolle bei der Abschwächung des Klimawandels und beim Wiederaufbau der Biodiversität ist gut belegt. Sie ist aber auch eine zentrale Strategie zum Schutz der menschlichen Gesundheit.“

Für die Zukunft sieht Murray großen Forschungsbedarf, um das Ausbruchsrisiko besser zu verstehen – besonders bei „neu auftretenden Infektionen, die entweder erstmals beim Menschen auftreten oder sich anders verhalten als bisher“.

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