Irlands rechtlich zulässige Alumina-Exporte nach Russland sorgen für Empörung, kurz bevor Dublin den Vorsitz im EU-Rat übernimmt. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas reist für klärende Gespräche nach Dublin.
Rechtlich gesehen macht das irländische Unternehmen Aughinish Alumina nichts falsch, doch die Kritik an seinen Exporten wächst. Denn rund 45 Prozent der Aluminiumoxid-Exporte gehen nach Russland, dort wird der Rohstoff für Metall in der Waffenproduktion gebraucht.
Irland gerät wegen seiner anhaltenden Alumina-Exporte nach Russland weiter unter Druck. Kritiker befürchten, das Land könnte so indirekt dazu beitragen, dass Moskau seine Kriegsmaschinerie im Krieg gegen die Ukraine weiter finanziert.
Aluminiumoxid wird zur Herstellung von Aluminium benötigt. Das Leichtmetall wird sowohl in Waffen als auch Munition verwendet und als weißes Pulver verkauft.
Die Geschäftsbeziehungen wurden in einem Bericht des Organised Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) offengelegt und treffen Dublin zu einem heiklen Zeitpunkt. In wenigen Wochen übernimmt Irland den sechsmonatigen Vorsitz im Rat der Europäischen Union.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas will das Thema am Dienstag bei einem Treffen mit dem irischen Premierminister Micheál Martin in Dublin ansprechen.
Irländische Firma verkauft Metall-Rohstoff an Russland
"Wir müssen kreativer werden und Wege finden, wie wir diesen Krieg tatsächlich stoppen können", sagte Kallas am Montag bei einem Ministertreffen in Zypern.
"Wenn einige von uns weiterhin vom Handel mit Russland profitieren und es Russland damit leichter machen, diesen Krieg zu finanzieren, dann wird dieser Krieg nie enden", erklärte sie. "Kriege enden auch, wenn Aggressoren kein Geld mehr haben."
Die Empörung wächst seit März stetig. In diesem Monat hat das Organised Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) eine Recherchezu den Geschäftsbeziehungen zwischen Aughinish Alumina, der größten Alumina-Raffinerie Europas, und der russischen Wirtschaft veröffentlicht.
Demnach verkauft die weitläufige Anlage im Westen Irlands Alumina an russische Schmelzwerke ihres Mutterkonzerns United Company Rusal. Diese verarbeiten das Material zu Aluminium und verkaufen es an einen Händler, der Aluminium an sanktionierte Rüstungshersteller liefert.
Nach Angaben des OCCRP setzen diese Hersteller ihre Waffen ein, um ukrainische Zivilisten zu töten und zivile Infrastruktur zu bombardieren. Die Recherche verfolgte irisches Alumina bis zu dem russischen Händler, jedoch nicht bis zu einem konkreten Endprodukt.
Nicht sanktioniert: Unternehmen beruft sich auf rechtlichen Rahmen
Aughinish betont, das Unternehmen bewege sich vollständig im rechtlichen Rahmen. Der Rohstoff Alumina ist in den EU-Sanktionen bislang nicht erfasst. Exporte von Primäraluminium und veredelten Aluminiumprodukten nach Russland sind dagegen strikt verboten.
Das Unternehmen erklärte , Alumina-Exporte nach Russland hätten 2025 rund 45 Prozent des Gesamtumsatzes ausgemacht, ein ähnlicher Anteil werde für Ende 2026 erwartet. Eine fehlerhafte Datenerfassung habe die wesentlich höhere Quote von 83 Prozent in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres verursacht, hieß es.
Die irische Regierung hat eine Untersuchung zu den Vorwürfen eingeleitet.
Premierminister Micheál Martin bezeichnete Aughinish Alumina als wichtigen Akteur in einer "breiteren europäischen Lieferkette" mit Verbindungen zu Anlagen in Schweden und Frankreich. Sanktionen könnten seiner Ansicht nach die Inflation anheizen und rund 1.000 Arbeitsplätze direkt gefährden.
"Der Grundgedanke von Sanktionen ist, dass wir uns nicht stärker schaden als Russland oder dass sie sich nicht selbst ad absurdum führen", sagte Martin Ende Mai. "Nach meinem Eindruck fällt Aughinish derzeit in diese Kategorie."
Laut einem Bericht von RTÉ News berichtete das Werk intensiv bei der Regierung in Dublin, um Sanktionen zu verhindern. Der Sender berief sich auf vertrauliche Dokumente, in denen sogar die Möglichkeit einer Verstaatlichung angesprochen wurde.
"Ernsthafte Sorge"
Trotz dieser Argumente ebbt der Skandal nicht ab. Er eskaliert weiter, parallel zu den großangelegten, tödlichen Angriffen Moskaus auf ukrainische Städte.
Die ukrainische Botschaft in Irland äußerte "ernsthafte Besorgnis" über die fortgesetzten Alumina-Lieferungen und listete mehrere russische Waffentypen mit Aluminiumkomponenten auf, darunter ballistische Raketen, Hyperschallraketen und Shahed-Drohnen.
"Die Ukraine erkennt voll und ganz, wie wichtig der Schutz von Arbeitsplätzen, Gemeinschaften und der industriellen Wettbewerbsfähigkeit in Irland und in der gesamten Europäischen Union ist", erklärte die Botschaft vergangene Woche.
"Zugleich verlangt Russlands anhaltender Angriffskrieg ständige Wachsamkeit. Wirtschaftliche Aktivitäten dürfen nicht dazu führen, dass die militärischen Fähigkeiten eines Staates gestärkt werden, der einen brutalen und unbegründeten Krieg gegen eine souveräne europäische Nation führt – direkt oder indirekt", hieß es weiter.
In Brüssel agiert die Europäische Kommission in der Frage vorsichtig, denn Alumina-Exporte nach Russland sind nach den geltenden EU-Regeln formal zulässig.
"Mit jedem Sanktionspaket prüfen wir, wie wir Schlupflöcher schließen können", sagte ein Sprecher der Kommission am Montagnachmittag.
"Wir schätzen die Arbeit investigativer Journalistinnen und Journalisten sehr, denn sie spielt eine zentrale Rolle, wenn wir über weitere restriktive Maßnahmen nachdenken. Zum konkreten Fall kann ich derzeit jedoch nichts sagen."
Die EU-Kommission will in Kürze ihren Vorschlag für die 21. Sanktionsrunde gegen Russland vorlegen. Eine Gruppe von 39 Europaabgeordneten fordert bereits, ein Alumina-Verbot in das Paket aufzunehmen. Auch Estlands Außenminister Margus Tsahkna sprach sich dafür aus.
"Wir müssen jedes Schlupfloch schließen und Russlands Kriegsmaschinerie weiter schwächen", sagte Tsahkna.
Allerdings setzen Sanktionen Einstimmigkeit aller Mitgliedstaaten voraus, und die Kommission scheut Maßnahmen, von denen sie annimmt, dass sie im Rat keine Zustimmung finden.