Die Doppelnotierung in London und Taschkent zog über 2,8 Milliarden Dollar an und brachte fast 700 Millionen ein. Nun zählt, ob Standards und Zahlen stimmen und der Deal Kapitalmarkt und künftige Börsengänge stärkt.
Internationale Investoren sind erstmals Anteilseigner bei einigen der größten staatlichen Unternehmen Usbekistans geworden. Möglich wurde das durch einen Doppel-IPO in London und Taschkent, der knapp 700 Mio. US-Dollar (615 Mio. Euro) einbrachte und Zeichnungen von mehr als 2,8 Mrd. US-Dollar (2,46 Mrd. Euro) anzog.
Die Zahlen sorgten an den Finanzmärkten für Aufmerksamkeit. Langfristig dürfte die Bedeutung der Transaktion jedoch weit über das eingesammelte Kapital hinausgehen.
Über den National Investment Fund of Uzbekistan (UzNIF) erhalten Investoren Zugang zu 13 staatlichen Unternehmen aus Bereichen wie Energie, Telekommunikation, Verkehr und Banken. Die Anleger investieren also nicht in ein einzelnes Unternehmen, sondern in ein Portfolio von Firmen, die traditionell in Staatsbesitz standen.
Julia Hoggett, Vorstandschefin der Londoner Börse, betonte, die Struktur des Fonds ermögliche es internationalen Investoren, mit einem einzigen Investmentvehikel, das Franklin Templeton verwaltet, an mehreren der größten Unternehmen des Landes beteiligt zu sein.
Saida Mirziyoyeva, Leiterin der Präsidialverwaltung, bezeichnete die Transaktion als Teil eines breiteren Ansatzes, der Institutionen stärken und die internationale Öffnung vertiefen soll.
„Dieser Börsengang dient nicht nur der Kapitalaufnahme. Es geht darum, Vertrauen in eine neue Generation usbekischer Institutionen aufzubauen“, sagte sie bei der Notierungszeremonie an der Londoner Börse.
Mehr als eine Kapitalbeschaffung
UzNIF entstand im August 2024 per Präsidialerlass. Der Fonds hält Minderheitsbeteiligungen zwischen 25% und 40% an einigen der größten staatlichen Unternehmen des Landes. Aktuell umfasst er Beteiligungen an 13 Firmen mit einem geschätzten Portfoliowert von rund 2,44 Mrd. US-Dollar (2,15 Mrd. Euro) und wird von Franklin Templeton gemanagt.
Der Börsengang brachte frisches Kapital. Er holte aber auch eine neue Gruppe von Anteilseignern in Unternehmen, die bislang vor allem gegenüber staatlichen Institutionen Rechenschaft ablegten.
Quinn Martin, Präsident der Investmentgesellschaft Bluestone, sieht darin eine zusätzliche Kontrollinstanz.
„Mehr als 150 Fonds, die UzNIF-Anteile zugeteilt bekommen haben, sind jetzt Miteigentümer an 13 führenden Staatsunternehmen Usbekistans“, sagte er gegenüber Euronews. „Sie werden sich an der Unternehmensführung beteiligen und die Aufsicht mitgestalten. Sie werden verlangen, dass diese Unternehmen wirtschaftlich tragfähig arbeiten.“
Für den Ökonomen Bekzod Khashimov, Assistant Professor an der New York University in Abu Dhabi, liegt die langfristige Bedeutung des Börsengangs weniger im eingesammelten Kapital als in den möglichen Veränderungen der Unternehmensführung.
„Das Hauptziel war nicht unbedingt das Geld“, sagte er Euronews. „Entscheidend ist, die Führung von staatlich kontrollierten Konzernen zu verbessern. Eine Börsennotierung bringt Regeln, Transparenz und klarere Governance-Strukturen mit sich, sodass der Staat nicht in das tägliche Geschäft eingreifen kann.“
Jenny Johnson, Vorstandschefin von Franklin Templeton, betonte bei der Zeremonie an der Londoner Börse: „Franklin Templeton fühlt sich geehrt, mit der Regierung Usbekistans zusammenzuarbeiten, um bei Staatsunternehmen gute Unternehmensführung zu fördern, starke und nachhaltige Unternehmen aufzubauen, die die usbekische Wirtschaft tragen, und einen lebendigen heimischen Kapitalmarkt zu entwickeln.“
Khurshed Mustafoev, stellvertretender usbekischer Wirtschafts- und Finanzminister, erklärte, der Fonds solle auch international anerkannte Governance-Standards einführen und Unternehmen auf einen größeren Auftritt an den Kapitalmärkten vorbereiten.
„Der Fonds ist darauf ausgelegt, erstklassige internationale Standards der Unternehmensführung in staatsnahen Unternehmen zu verankern und so den Weg für künftige Beteiligungen aus dem Privatsektor und weitere Börsengänge zu ebnen“, sagte er.
Kapitalmarkt vertiefen
Die Transaktion gilt zudem als wichtiger Schritt für die Entwicklung der Kapitalmärkte in Usbekistan.
Viele Unternehmen stützten sich bislang vor allem auf staatliche Finanzierung oder Bankkredite. Der Aktienmarkt spielte bei der Kapitalbeschaffung eine deutlich kleinere Rolle als in entwickelten Finanzzentren.
Fayzulla Tashov, Vorstandschef der Republikanischen Börse „Toshkent“, erklärte, die Doppelnotierung in London und Taschkent solle zeigen, dass der heimische Kapitalmarkt zunehmend bereit ist, sich in internationale Finanzzentren zu integrieren.
Als Beleg für die wachsende internationale Vernetzung verwies er auf den intensiveren Austausch mit anderen Börsen, etwa in Hongkong.
„Was bedeutet das? Es bedeutet, dass der Kapitalmarkt ein Reifestadium erreicht hat, das die Integration in die globalen Märkte ermöglicht“, sagte er im Gespräch mit Euronews.
Erfolgreiche Börsengänge können Unternehmen mehr Finanzierungsmöglichkeiten eröffnen und zugleich neue Chancen für in- und ausländische Anleger schaffen.
Bürger an den Markt heranführen
Auffällig an der Transaktion war auch die Beteiligung von Kleinanlegern.
Nach offiziellen Angaben stellten rund 4.700 inländische Investoren während des heimischen Angebots Zeichnungsanträge. Viele Bürgerinnen und Bürger erhielten so erstmals die Möglichkeit, direkt in Unternehmen aus Bereichen wie Energie, Banken, Telekommunikation und Transport zu investieren.
Khashimov erwartet, dass eine breitere öffentliche Beteiligung an den Kapitalmärkten den Druck auf das Management der Unternehmen erhöhen kann, Leistung und Rechenschaftspflicht zu verbessern.
„Wenn der Anteil der Bevölkerung an staatlichen Konzernen steigt, erhöht das den Druck auf Aufsichtsräte und Geschäftsführungen, die Unternehmen gut zu führen“, sagte er.
Nach Angaben der Weltbank (Quelle auf Englisch) wuchs die usbekische Wirtschaft im Jahr 2025 um 7,7%. Zusammen mit einer Bevölkerung von knapp 40 Millionen Menschen hat das das Interesse von Frontier-Market-Investoren weiter gesteigert.
Dmitriy Abbasov, Leiter des Investmentbankings bei Avesta Investment Group, sieht in der hohen Nachfrage einen Ausdruck des wachsenden internationalen Interesses an der usbekischen Wirtschaft.
„Investoren aus aller Welt haben sich entschieden, an Usbekistans Zukunft zu glauben“, sagte er Euronews.
Martin geht davon aus, dass die Notierung weitere Transaktionen anstoßen kann.
„Usbekistan steht bei Aktieninvestoren weltweit auf dem Radar. Unter den Frontier-Märkten liegen wir ganz oben auf der Liste“, sagte er. „Das wird ein Auslöser für mehr sein. In den nächsten Jahren steht eine Pipeline von sechs oder sieben weiteren Börsengängen an.“
Der nächste Test
Die Regierung plant bereits weitere öffentliche Angebote großer Staatsunternehmen aus Bereichen wie Luftfahrt, Telekommunikation und Energie.
Die aktuelle Notierung markiert den Beginn einer neuen Phase für die im Fonds gebündelten Unternehmen. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, ob neue Anteilseigner, strengere Governance-Standards und zusätzliche Börsengänge tatsächlich zu einem tieferen und aktiveren Kapitalmarkt führen.