Ende April schlagen Aktivisten ein Protestcamp auf, begleitet vom Doku‑Film „Sal a la ferida“. Sie prangern Umweltschäden durch ICL in einem katalanischen Bergbaurevier und Verbindungen zu im Libanon militärisch genutztem weißem Phosphor an.
Bis zu eintausend Menschen haben sich zwischen dem 17. und 19. April zu einem Protestcamp im Landkreis Bages in der Provinz Barcelona versammelt. Sie demonstrierten gegen den Weiterbetrieb der dortigen Natrium- und Kaliumsalzminen. Auslöser war der Schaden, den die Eigentümerin, Israel Chemicals Ltd. (ICL), nach Ansicht der Protestierenden national und international verursacht. Die iberische Tochterfirma Iberpotash betreibt seit der Privatisierung 1998 die Minen in den Gemeinden Sallent, Balsareny, Vilafruns und Súria.
Dutzende seit Langem aktive Bürgerplattformen der Region, etwa Montasalat, prangern seit Jahren die Umweltverschmutzung im Bages an. Das Unternehmen hat über zwei Jahrzehnte hinweg Abraumhalden aufgeschüttet, deren Rückstände nach Angaben der Initiativen in den Llobregat sickern, einen der wichtigsten Flüsse der Region. Dafür nutzt die Firma zehntausende Liter Wasser in einem Gebiet, das immer wieder unter Dürre leidet.
Die Demonstrierenden richteten sich auch gegen die Produktion von weißem Phosphor durch ICL. Diese Chemikalie entzündet sich beim Kontakt mit Sauerstoff sofort und ist extrem schwer zu löschen. Sie haftet leicht an Haut und Kleidung und verursacht tiefgehende, schwere Verbrennungen, die sogar Knochen durchdringen können.
Menschenrechtsorganisationen haben den Einsatz von weißem Phosphor durch die israelische Armee am 16. Oktober 2023 im Ort Daraiya im Süden des Libanon dokumentiert und verifiziert, ebenso im Gazastreifen.
Die palästinensischen Gebiete – Gazastreifen und Westjordanland – leiden seit Langem unter dieser Verknüpfung von Kriegsgewalt und Umweltschäden. Israel greift dort ein, noch bevor sich der historische Konflikt nach den Ereignissen vom 7. Oktober weiter zuspitzte. So kommt es etwa zum Umleiten der Wasserressourcen: Nach Angaben von Amnesty International bohrt das staatliche israelische Unternehmen Mekorot seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts systematisch Brunnen zum Vorteil israelischer Siedler und Städte. Hinzu kommt die Zerstörung von landwirtschaftlichen Flächen.
Die Eskalation seit 2023 gegen die Menschen in Gaza verschärft die Lage zusätzlich. „Israel hat in den vergangenen zwei Jahren allein mit den Bombardierungen mehr Treibhausgase ausgestoßen als ganz Spanien mit seiner gesamten Wirtschaftstätigkeit“, kritisierte Mazin Qumsiyeh, Direktor des Palästinensischen Instituts für Biodiversität und Nachhaltigkeit, in einem Vortrag 2025 an der Autonomen Universität Barcelona.
Diese beiden Entwicklungen – der von einer UN-Sonderkommission anerkannte Völkermord an den Palästinensern in Gaza und die Umweltzerstörung in der Region – haben in Katalonien einen zivilen Widerstand entstehen lassen. Dessen vorläufiger Höhepunkt war die Protestversammlung im Ort Callús.
Kalibergbau im Bages: Acht Tote in zehn Jahren, zwei Regionen betroffen
Nach Angaben des Observatorio Ibérico de la Minería haben die Minen riesige Abraumhalden aus überwiegend Natriumchlorid entstehen lassen. Durch Regen und Feuchtigkeit lösen sich die Salze zu stark belasteter Salzlake auf. Diese sickert in das Grundwasser und verschmutzt Quellen, Bäche, Brunnen und Flüsse im Einzugsgebiet des Llobregat. Der Fluss versorgt einige der größten Städte der Provinz, darunter die Hauptstadt Barcelona und ihr südwestliches Umland, mit Trinkwasser.
Gewerkschaften prangern zudem schlechte Arbeitsbedingungen an und haben deshalb bereits Streiks organisiert. Die Zustände führten auch zu tödlichen Unfällen. Bis zu acht Beschäftigte, darunter Bergleute und Geologen, kamen zwischen 2011 und 2023 ums Leben. Hauptursachen waren Felsstürze, aber auch Stürze aus der Höhe und Quetschungen zwischen Eisenbahnwagen, die das Material transportieren. Zwei der Verstorbenen waren Praktikanten.
Die Europäische Kommission leitete 2014 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Spanien ein. Der Vorwurf: Bruch der EU-Richtlinien für Rohstoffabbau. Spanien sollte erstens die durch die Abraumhalden verursachte Verschmutzung beheben und zweitens mehrere Standorte des Unternehmens sanieren – finanziert durch eine umstrittene öffentliche Millionenspritze.
Drei Jahre später stellte die Kommission fest (Quelle auf Spanisch), dass Spanien Iberpotash rechtswidrige und mit dem Binnenmarkt unvereinbare Beihilfen gewährt hatte, und ordnete die Rückforderung der zu Unrecht erhaltenen Mittel an. Die Entscheidungen, die zu dem Verfahren führten, fielen zwischen 2006 und 2008. Grundlage war eine Vereinbarung zwischen der Generalitat de Catalunya (damals regierte die „Tripartit“-Koalition aus PSC, der katalanischen Schwesterpartei der PSOE, sowie ERC und ICV) und der sozialistischen Regierung in Madrid.
ICL und der Krieg im Nahen Osten
Organisationen wie Amnesty International verweisen auf Verbindungen von ICL zum Einsatz von Munition mit weißem Phosphor gegen Zivilisten im Libanon und im Gazastreifen Ende 2023. Aus öffentlich zugänglichen Daten der US-Regierung (Quelle auf Spanisch) geht hervor, dass ICL einen Vertrag zur Lieferung von weißem Phosphor an die US-Armee für den Zeitraum von 2020 bis Ende 2025 erhielt. Mehrere Investoren, etwa der australische Pensionsfonds Cbus, bestreiten allerdings, dass das Unternehmen diesen Stoff direkt herstellt.
Der australische Sender „ABC“ wandte sich deshalb an ICL (Quelle auf Spanisch). Die Verantwortlichen bestritten zunächst jede Verbindung, noch bevor konkret nach dem Vertrag gefragt wurde. Erst danach räumte ICL die Vereinbarung ein. Das Unternehmen erklärte gleichzeitig, es habe die Lieferungen bereits 2023 und damit vor Vertragsende eingestellt. Es war also genau das Jahr, in dem sich die Ereignisse vom 7. Oktober und die neuen Gefechte im Libanon, insbesondere im Süden des Landes, entfalteten.
„Wir wollten die Komplizenschaft der Generalitat sichtbar machen (...). Sie transportiert Kaliumsalz eines zionistischen Unternehmens, um sich zu bereichern und Israel weiter dabei zu unterstützen, diesen Völkermord zu begehen“, sagte Júlia Martí, Sprecherin der Gruppe Revoltes de la Terra, in einem Interview mit der Radioproduktion „Carne Cruda“.
Hinweise auf problematische Aktivitäten von ICL gibt es schon länger. Im Jahr 2014 versuchte der neuseeländische Labour-Abgeordnete David Shearer, damals Verteidigungssprecher und zuvor drei Jahre Oppositionschef, eine Streichung von ICL aus dem neuseeländischen Staatsfonds durchzusetzen. Grund waren Befürchtungen über eine militärische Nutzung der Produkte des Konzerns. Der Vorstoß scheiterte jedoch (Quelle auf Spanisch).
Neuer Dokumentarfilm prangert Lage in Bages und Baix Llobregat an
Die Klagen von bis zu sechs Betroffenen dieses ökologischen und humanitären Konflikts stehen im Mittelpunkt des Dokumentarfilms „Sal a la ferida“ (Salz in der Wunde), produziert von „El Salto“. Darin kommen Landwirtinnen und Landwirte der Region, Forschende und Aktivisten zu Wort. Nora Miralles, Forscherin der Plattform Observatori Drets Humans i Empreses, sagte dem Portal „elDiario.es“, dass der weiße Phosphor nicht in den USA verbleibt. Ein anderes Unternehmen in den Vereinigten Staaten verkaufe ihn demnach weiter an die israelische Armee.
Während des Protestcamps im Bages organisierten die Teilnehmenden Diskussionen und Workshops. Einige beteiligten sich zudem an direkten Aktionen: Sie stiegen auf die Abraumhalden der Chemierückstände oder nahmen Abschnitte der Bahnstrecke auseinander, über die das Material von der Mine in Súria zum Hafen von Barcelona transportiert wird.
Der 2018 verabschiedete Sanierungsplan für die stillgelegten Abbaustätten Sallent und Balsareny-Vilafruns sieht eine maximale Frist von 50 Jahren vor. In dieser Zeit sollen die Halden abgebaut und das darin enthaltene Salz verkauft werden. Erst danach ist eine umfassende Renaturierung vorgesehen. Schätzungen zufolge lagern allein in der Halde von El Cogulló mehr als 40 Millionen Tonnen Abfall. Die laufende Produktion konzentriert sich heute in Súria, in der Mine Les Cabanasses.