Russlands stark zentralisierte Ölverarbeitung wird zum Schwachpunkt. Fallen große Raffinerien aus, geraten ganze Regionen in Versorgungsprobleme – von Zentralrussland bis zu den besetzten Gebieten.
Ukrainische Angriffe auf die russische Ölraffinerie-Infrastruktur sind bis Mitte 2026 von einem Randaspekt des Krieges zu einem Faktor geworden, der den russischen Kraftstoffmarkt systematisch erschüttert.
Kyjiw setzt konsequent auf gezielte Schläge gegen Anlagen des russischen militärisch-industriellen Komplexes und gegen strategisch wichtige Branchen der russischen Wirtschaft. Damit reagiert die Ukraine auf den umfassenden Einmarsch Russlands im Februar 2022.
Darauf verwies auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einem Beitrag nach dem massiven Angriff auf Ziele in Moskau, darunter die Raffinerie in Kapotnja.
"In dieser Nacht haben unsere weitreichenden 'Sanktionen' erneut die Region Moskau erreicht: Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche wurde die Moskauer Ölraffinerie getroffen. Ebenfalls angegriffen wurden Ziele in der Region Rostow sowie auf vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine. Das ist eine völlig gerechte Antwort auf russische Angriffe auf unsere Städte und Gemeinden und ein weiteres wichtiges Ergebnis der Arbeit unserer Soldaten gegen Anlagen, die die russische Kriegsmaschinerie versorgen", schrieb Selenskyj in dem Beitrag.
Beschädigte Schlüsselanlagen, Brände und der Stillstand von Produktionslinien haben zu erheblichen Störungen bei Verarbeitung und Logistik geführt. In der Folge herrscht bereits in 53 Regionen Russlands Treibstoffmangel – darunter in Moskau, Sankt Petersburg, der Wolgaregion, im Süden, in Sibirien sowie auf der Krim und in anderen vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine.
Das Ausmaß der Entwicklung belegen internationale Agenturen, OSINT-Analysen und russische Quellen, darunter Telegram-Kanäle regionaler Behörden und Branchenverbände.
Raffinerieeinbruch und steigende Preise
Internationale Quellen melden den größten Rückgang der Ölverarbeitung seit Kriegsbeginn. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mussten bis Ende Mai die meisten großen Raffinerien in Zentralrussland ihre Produktion deutlich drosseln oder ganz stoppen.
Bloomberg schätzt den Rückgang der Verarbeitungsmengen im Mai auf 13 Prozent – rund 700.000 Barrel pro Tag. Die Internationale Energieagentur bestätigt Verluste in der Primärverarbeitung von etwa 500.000 Barrel täglich.
Parallel dazu sind die Preise für Flugbenzin sprunghaft gestiegen – um 41 Prozent seit Jahresbeginn. Fast der gesamte Anstieg entfiel auf Mitte Mai. Flughäfen begannen, die Betankung von Flugzeugen zu rationieren. Auch das gilt als deutliches Zeichen für eine systemische Störung.
Zusammengenommen zeigen diese Daten: Die Angriffe auf Raffinerien haben nicht nur die Verarbeitung einbrechen lassen. Sie haben auch zu erheblichen Problemen bei der Versorgung wichtiger Wirtschaftsbereiche mit Treibstoff geführt.
Bundesweite Einschränkungen und Engpässe an Tankstellen
Verkaufsbeschränkungen für Kraftstoff haben inzwischen landesweites Ausmaß erreicht. In Dutzenden Regionen gelten Limits, betroffen sind mindestens 7.000 Tankstellen.
Große Ketten haben zusätzliche eigene Regeln eingeführt. Tatneft begrenzt den Verkauf auf 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel. Rosneft und Baschneft untersagen die Abgabe in Kanister und begrenzen das Tanken auf 90 Liter. Lukoil setzt ein Limit von 100 Litern.
Offiziell sollen diese Maßnahmen den Markt stabilisieren. In der Praxis machen sie vor allem das Ausmaß der Knappheit sichtbar.
Die Einschränkungen betreffen zahlreiche Regionen, darunter die größten Ballungsräume Moskau, die Region Moskau und Sankt Petersburg sowie Grenz- und Südbundesländer wie Kursk, Belgorod, Rostow und Samara.
Insgesamt gelten die Maßnahmen an mindestens 7.000 von knapp 29.000 Tankstellen im Land. Reuters berichtete, dass an einer Station im Kreis Serpuchow der Verkauf auf 20 Liter Benzin oder 40 Liter Diesel begrenzt war und Zahlungen nur bar angenommen wurden.
Die größten Tankstellennetze fürchten Hamsterkäufe und ein schnelles Abschmelzen ihrer Reserven. Viele Betreiber drosseln deshalb bewusst ihre Verkaufsvolumina und setzen eigene Limits. Das verstärkt wiederum den Eindruck eines akuten Mangels.
Besonders deutlich wird dies bei den Marktführern. Tatneft, mit mehr als 850 Tankstellen, führte landesweit einheitliche Beschränkungen ein: höchstens 30 Liter Benzin oder 60 Liter Diesel pro Tankvorgang, vielerorts nur gegen Barzahlung.
Rosneft, Baschneft und TNK, die zusammen rund 3.000 Stationen kontrollieren, untersagen vollständig den Verkauf von Kraftstoff in Kanister und begrenzen die Füllmenge im Fahrzeugtank auf höchstens 90 Liter.
Lukoil und Teboil setzten ein Limit von 100 Litern pro Rechnung. Das Netz Neftemagistral erlaubt in Kanistern nicht mehr als 20 Liter.
Formal dienen diese Maßnahmen der Stabilisierung des Marktes. Tatsächlich unterstreichen sie vor allem die Dimension des strukturellen Defizits.
Krim besonders verwundbar
Besonders anfällig zeigt sich in dieser Krise die Krim. Die Halbinsel ist logistisch isoliert und von Lieferungen vom russischen Festland abhängig. Dadurch verschärft sich die Lage zusätzlich.
Nach Angaben von Agentstwo gibt es dort faktisch keinen freien Verkauf von Benzin mehr. An den meisten Tankstellen ist hochoktaniger Kraftstoff nur noch gegen spezielle Gutscheine und QR-Codes erhältlich. Die Warteschlangen reichen teils kilometerweit. Armee und kommunale Dienste werden bei der Versorgung priorisiert.
OSINT-Kanäle melden regelmäßig Verzögerungen von Tankwagenkolonnen auf der Krimbrücke sowie Unterbrechungen bei der Lieferung von Flugbenzin an die Flughäfen von Simferopol und Dschankoj. Das führt zu Flugverspätungen und zwingt Betreiber, Bestände zwischen den Flughäfen umzuschichten.
Lage in besetzten Gebieten
Auch in den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine ist der Treibstoffmangel inzwischen zum Dauerzustand geworden.
Im besetzten Teil der Region Donezk arbeiten viele Tankstellen nur wenige Stunden am Tag. In manchen Orten fehlt Treibstoff vollständig. Das zeigt die Tiefe der Krise und die Unfähigkeit des russischen Logistiksystems, eine stabile Versorgung der besetzten Gebiete sicherzustellen.
In den Regionen Luhansk, Saporischschja und Cherson gilt ein strenges Limit von höchstens 20 Litern pro Person. Ein normaler Betrieb von Verkehr, Landwirtschaft und kommunalen Diensten wird dadurch erheblich erschwert.
Wirtschaftsfolgen: Preisschub und Störungen in Schlüsselsektoren
Die wirtschaftlichen Folgen des Mangels sind im ganzen Land spürbar. In einigen Regionen stiegen die Großhandelspreise um zehn bis 30 Prozent. Das schlug unmittelbar auf Transportkosten, Lebensmittelpreise und Dienstleistungen durch. Logistikunternehmen melden steigende Ausgaben, der Einzelhandel höhere Lieferkosten.
Auch die Landwirtschaft leidet mitten in der Aussaat unter Dieselmangel. Feldarbeiten verzögern sich, Ernteausfälle werden wahrscheinlicher.
Kommunale Verkehrsbetriebe reduzieren wegen der gestiegenen Treibstoffkosten ihre Fahrpläne. Regionale Haushalte müssen zusätzliche Subventionen bereitstellen.
Industriebetriebe an der Wolga und im Ural berichten von höheren Produktionskosten, Dieselengpässen und Verzögerungen bei der Anlieferung von Rohstoffen. Das führt zu Stillständen und Unterbrechungen in den Produktionsabläufen.
Warum die Angriffe so stark wirken
Die russische Ölverarbeitung ist stark zentralisiert. Einige wenige große Raffinerien versorgen riesige Gebiete. Werden Anlagen der Primärverarbeitung getroffen – der verwundbarste Teil der Infrastruktur –, fallen Kapazitäten für Monate aus.
Zugleich läuft die Logistik bereits am Limit und kann die ausfallenden Mengen nicht flexibel umverteilen. Exportverpflichtungen schränken zusätzlich die Möglichkeit ein, mehr Treibstoff auf den Inlandsmarkt umzulenken.
Auch die Sommersaison erhöht den Druck, weil die Nachfrage in dieser Zeit steigt.
Lokale Angriffe, landesweite Folgen
Die aktuelle Lage offenbart die strukturelle Verwundbarkeit des russischen Kraftstoffsystems. Angriffe auf einzelne Raffinerien haben nicht nur lokale, sondern landesweite Folgen.
Die Logistik kann ausfallende Mengen nicht ausgleichen, die Reparatur von Primäranlagen dauert Monate, und abgelegene Regionen geraten zuerst in die Gefahrenzone. Eine schnelle Lösung für die Krise ist nicht absehbar. Zugleich treten die regionalen Unterschiede immer deutlicher hervor und machen die tiefen Ungleichgewichte im Land sichtbar.