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Exklusiv: Kampf gegen Billigdrohnen –NATO setzt auf Europas Industrie

Das Drohnensystem "American Merops", das von Polen und Rumänien zur Abwehr russischer Drohnen eingesetzt wird, 18. November 2025 in Polen
Das Drohnensystem "American Merops", das von Polen und Rumänien zur Abwehr russischer Drohnen eingesetzt wird, 18. November 2025 in Polen Copyright  AP Photo/Czarek Sokolowski
Copyright AP Photo/Czarek Sokolowski
Von Johanna Urbancik
Zuerst veröffentlicht am
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Euronews erhielt exklusiven Medienzugang zum AIRCOM Industry Day der NATO in Ramstein und sprach dort mit Militärvertretern, einem ukrainischen Offizier und Rüstungsunternehmen über den Wettlauf um die nächste Generation der Drohnenabwehr.

Um kostengünstigere Lösungen zur Drohnenabwehr zu finden und die Zusammenarbeit mit der Industrie zu stärken, lud das Allied Air Command (AIRCOM) der NATO zum zweiten AIRCOM Industry Day auf die US-Luftwaffenbasis Ramstein.

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Vertreter europäischer Rüstungsunternehmen und des Militärs kommen dort zusammen, um über neue Ansätze zur Abwehr unbemannter Systeme zu beraten.

Der Handlungsdruck wächst: Eine Drohne stürzte in ein Wohnhaus in Rumänien, eine weitere verletzte den litauischen Luftraum und der Flughafen München musste nach einer mutmaßlichen Drohnensichtung mehrere Stunden den Betrieb einstellen. Unbemannte Systeme – und die Frage, wie sie abgewehrt werden können – entwickeln sich für die NATO zu einer immer größeren Bedrohung.

Wird eine Drohne im NATO-Luftraum entdeckt, greift "Eastern Sentry". Dabei steigen mehrere Kampfflugzeuge auf, um die Drohne zu verfolgen oder sie – falls erforderlich – abzuschießen. Doch dieser Einsatz gilt als teuer: Drohnen sind vergleichsweise günstig und werden teilweise für weniger als 100.000 Euro produziert. Der Alarmstart von NATO-Kampfjets zur Abwehr einer einzelnen Drohne kostet hingegen mehrere Zehntausend Euro pro Stunde. Ein typischer Abfangeinsatz mit zwei Jets schlägt bereits mit mehr als 85.000 Euro zu Buche – noch bevor überhaupt eine Rakete abgefeuert wird.

In seiner Eröffnungsrede betont Generalleutnant Guillaume Thomas, stellvertretender Kommandeur des Allied Air Command, dass der Drohnenkrieg die NATO vor "gemeinsame Herausforderungen" stelle. Dabei verwies er auf den massenhaften Einsatz unbemannter Systeme durch Russland im Krieg gegen die Ukraine. Entscheidend sei es nun, bei drei Entwicklungen im Voraus zu sein: den Kosten, der Produktion und der Innovation. Dafür, so Thomas, sei eine enge Zusammenarbeit zwischen Industrie und Streitkräften unerlässlich.

Generalleutnant Guillaume Thomas, stellvertretender Kommandeur des NATO-Luftkommandos (AIRCOM)
Generalleutnant Guillaume Thomas, stellvertretender Kommandeur des NATO-Luftkommandos (AIRCOM) NATO

Zusammenarbeit mit der Ukraine eine "Voraussetzung"

Für die Sicherheitsexpertin Dr. Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations (ECFR), die zu den Hauptrednerinnen der Veranstaltung gehört, haben Drohnen "Masse auf das Gefechtsfeld gebracht". Die NATO müsse deshalb stärker in Kategorien von Stückzahlen und Kosten denken, anstatt teure Waffensysteme gegen vergleichsweise günstige Drohnen einzusetzen. Ebenso wichtig sei die Zusammenarbeit mit der Ukraine – sie sei eine "Voraussetzung", um der wachsenden Drohnenbedrohung wirksam begegnen zu können.

Auch Oberleutnant Oleksandr Worobjow, Kampfname "Zhan", stellvertretender Leiter der Luftverteidigung des 3. Armeekorps der Ukraine, sieht vor allem ein Problem: die zuverlässige Radarerfassung. Nach seinen Angaben verhindert die lückenhafte Zielverfolgung bislang die Entwicklung vollständig autonomer Abfangdrohnen. Bestehende Radarsysteme verlieren kleine Drohnen häufig für mehrere Sekunden aus dem Blick.

"Das ist der eine Punkt, der uns in der Ukraine bislang davon abgehalten hat, das System vollständig autonom zu machen. Die Radare, die wir überwiegend einsetzen, wurden nicht für die Erkennung dieser Drohnen entwickelt. Es handelt sich um Wetterradare, Radare für Flugzeuge – im Grunde um alle möglichen Radartypen, nur nicht um solche, die speziell für diese Drohnen ausgelegt sind. Dadurch verschwindet das Ziel manchmal vom Radarschirm. Wenn die Drohne das Ziel dann ebenfalls nicht mehr sieht und das Radar es zehn Sekunden lang verliert, muss sie in dieser Zeit manuell gesteuert werden. Das ist unsere größte Lücke: eine zuverlässige Erfassung dieser Ziele. Vielleicht verfügt Europa bereits über diese Fähigkeit, vielleicht die USA – ich weiß es nicht", sagt er im Gespräch mit Euronews.

Ein ukrainischer Soldat der Khartia-Brigade startet am 26. Juni 2026 in der Region Charkiw in der Ukraine eine Abfangdrohne.
Ein ukrainischer Soldat der Khartia-Brigade startet am 26. Juni 2026 in der Region Charkiw in der Ukraine eine Abfangdrohne. AP Photo/Andrii Marienko

Militär und Industrie suchen gemeinsam nach Antworten auf die Drohnenbedrohung

Beim diesjährigen AIRCOM Industry Day geht es vor allem darum, neue Technologien schneller in die Streitkräfte zu bringen. "Im Kern geht es um Innovation", sagt Oberstleutnant Steffen Bott, Projektleiter der Veranstaltung, im Gespräch mit Euronews. Die Rolle des Militärs bleibe dabei jedoch unverändert.

"Weder wir als Militär noch die NATO schließen Verträge mit Rüstungsunternehmen ab. Der Grund, warum Counter-UAS derzeit so stark im Fokus steht, ist vielmehr, dass das Militär konkrete operative Anforderungen identifiziert hat. Gleichzeitig entwickeln sich die Technologien zur Drohnenabwehr rasant weiter. Vor allem Start-ups, aber auch etablierte Rüstungsunternehmen treiben diese Innovationen voran. Hinzu kommt, dass sich die militärischen Anforderungen – insbesondere durch die Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine – deutlich schneller verändern als die Beschaffungsprozesse, mit denen neue Systeme eingeführt werden", erklärt Bott.

Wie groß das Interesse an neuen Lösungen zur Drohnenabwehr ist, zeigt sich auch auf der Ausstellung: Fast 40 Unternehmen präsentieren ihre neuesten Entwicklungen. Zu den Ausstellern zählen unter anderem MBDA, Alta Ares, Hensoldt und Aselsan. Gezeigt werden Radarsysteme, Abfangdrohnen und Lenkflugkörper – darunter auch die speziell zur Drohnenabwehr entwickelte Rakete von Matra BAe Dynamics Alenia (MBDA).

Ein Unternehmensvertreter erklärt gegenüber Euronews, das System sei dafür ausgelegt, Massenangriffe mit Drohnen "wie wir sie in der Ukraine und im Nahen Osten gesehen haben – typischerweise mit Shahed- oder Geran-Drohnen – kosteneffizient und wirksam abzuwehren."

Modell einer MBDA-Abfangrakete beim NATO-Industrietag, 30.06.2026
Modell einer MBDA-Abfangrakete beim NATO-Industrietag, 30.06.2026 Johanna Urbancik/ Euronews

Die Rakete soll in das Flugabwehrsystem Skyranger 30 von Rheinmetall integriert werden. Die ersten Systeme sind für die deutsche Brigade 45 in Litauen vorgesehen und sollen voraussichtlich zwischen 2027 und 2028 ausgeliefert werden.

Jeder Skyranger 30 ist mit neun Lenkflugkörpern ausgestattet. Eine Batterie aus sechs Fahrzeugen verfügt damit über insgesamt 54 einsatzbereite Abfangraketen. Kleinere Drohnen der Klasse 1, etwa handelsübliche Quadrokopter, werden mit der 30-Millimeter-Maschinenkanone des Systems bekämpft. Die DefendAir-Rakete ist hingegen für größere Ziele vorgesehen – darunter auch Drohnen vom Typ Shahed, erklärt der Unternehmensvertreter gegenüber Euronews.

Lehren aus Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine

Beim Rundgang durch die Ausstellung fällt eines sofort auf: Ukrainische Unternehmen sind nicht vertreten. Nach Angaben gegenüber Euronews ist die Veranstaltung ausschließlich Firmen aus NATO-Mitgliedstaaten vorbehalten. Dennoch spielt die Ukraine bei nahezu allen Gesprächen eine zentrale Rolle.

Sowohl Vertreter der NATO als auch der Industrie betonen immer wieder die enge Zusammenarbeit mit ukrainischen Partnern. Der türkische Rüstungskonzern Aselsan erklärt gegenüber Euronews, die wichtigste Lehre aus Russlands Angriffskrieg sei die Zuverlässigkeit der Systeme. "Ein System muss zuverlässig funktionieren. Wenn sich ein Ziel nähert, bleiben nur wenige Sekunden, um zu entscheiden und zu reagieren. Künstliche Intelligenz sollte dabei helfen, diese Entscheidungszeit zu verkürzen."

Auch das französische Unternehmen Alta Ares, das KI-gestützte Software und Systeme für Aufklärung, Überwachung sowie Drohnenabwehr entwickelt, arbeitet eng mit der Ukraine zusammen. Das Land werde dabei jedoch nicht als "Labor" betrachtet, betont ein Vertreter des Unternehmens gegenüber Euronews. Auf dem AIRCOM Industry Day präsentierte Alta Ares zwei verschiedene Abfangdrohnen: die X-Block für Kurz- und Mittelstrecken mit einer Reichweite von bis zu 15 Kilometern sowie ein weiteres Modell für größere Distanzen von bis zu 40 Kilometern.

"Unsere beiden Mitgründer waren zu Beginn des Krieges in der Ukraine. Dort haben sie eng mit ukrainischen Einheiten zusammengearbeitet, um ihre Bedürfnisse zu verstehen und nachzuvollziehen, wie sich das Gefechtsfeld verändert. Ziel war es, Lösungen zu entwickeln, die genau auf diese Anforderungen zugeschnitten sind. Deshalb haben wir KI-Lösungen entwickelt, die direkt in Drohnen integriert werden können", erklärt der Unternehmensvertreter.

Bei mehr als 30 Ausstellern ist der Wettbewerb allgegenwärtig. Konkurrenz sehe man dennoch nicht als das größte Thema. "Wenn man die ukrainische Denkweise übernimmt, dann sind wir vor allem Partner, weil Europa solche Lösungen dringend braucht", sagt der Vertreter. "Es gibt nicht genügend Angebote – die Nachfrage wird deutlich größer sein."

Erst vor Kurzem habe Alta Ares zudem eine Absichtserklärung (Memorandum of Understanding, MoU) mit dem deutschen Drohnenhersteller Quantum Systems unterzeichnet.

Auch Oberleutnant Oleksandr Worobjow begrüßt diese Entwicklung. Es sei "gut, dass die Unternehmen vor Ort sind", sagt er. Ohne die direkte Zusammenarbeit mit der Ukraine fehle vielen Herstellern das Verständnis für das moderne Gefechtsfeld.

Ob die bisherigen Bemühungen ausreichten, könne er zwar nicht beurteilen. Dass europäische Unternehmen inzwischen in der Ukraine präsent seien und Erfahrungen direkt an der Front sammelten, sei jedoch der richtige Ansatz – auch wenn dieser aus seiner Sicht etwas spät komme.

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