Der Kreml baut das Verteidigungsministerium grundlegend um: Neue Posten sollen Putin mehr Kontrolle über die Armee geben und alte Schoigu-Seilschaften kappen.
Russlands Präsident Wladimir Putin treibt den Umbau des Verteidigungsministeriums weiter voran. Mit neuen Personalentscheidungen und zusätzlichen Führungsstrukturen will der Kreml die Armee auf einen langen Krieg gegen die Ukraine ausrichten. Gleichzeitig wächst Putins Einfluss auf die militärische Führung.
Die jüngsten Ernennungen zeigen: Es geht längst nicht mehr nur um einzelne Posten. Nach der Entlassung des langjährigen Verteidigungsministers Sergei Schoigu im Jahr 2024 wird die gesamte Befehlskette neu geordnet.
Putin setzt auf Logistik und Drohnen
In der offiziellen Mitteilung des Kremls (Quelle auf Russisch) setzt der Präsident zwei klare Schwerpunkte: logistische Unterstützung und Drohnen-Systeme. Genau diese Bereiche bilden den Rahmen für die folgenden Personalentscheidungen.
Putin betonte, dass die Schlagkraft der Armee heute nicht nur an der Front entschieden werde. Ebenso wichtig seien Nachschub, Versorgung und eine funktionierende Rüstungsindustrie. Damit räumt der Kreml indirekt ein, dass genau dort erhebliche Schwächen bestehen.
In einem weiteren Abschnitt hob er die Bedeutung einer „abgestimmten Zusammenarbeit zwischen Verteidigungsministerium und Rüstungsindustrie“ hervor. Das zeigt, dass der Kreml die Kontrolle über Ressourcen, Produktion und Verteilung von Waffen verschärfen will.
Ebenso aufschlussreich ist der Schwerpunkt auf unbemannten Systemen. Putin erklärte, Drohnen hätten sich „als eines der Schlüsselelemente der modernen Gefechtsführung bewährt“ und bräuchten eine eigene, zentralisierte Steuerung.
Die Ernennung von Generaloberst Denis Ljamin zum Befehlshaber der Drohnenkräfte zeigt, welche Bedeutung der Kreml unbemannten Systemen inzwischen beimisst. Drohnen gelten heute als eines der wichtigsten Elemente der modernen Kriegsführung. Der Kreml gesteht damit faktisch ein, dass Russland ohne die Massenproduktion und den gezielten Einsatz von Drohnen keinen langen Krieg führen kann.
Die Zitate aus der offiziellen Kreml-Mitteilung machen deutlich: Die Umbauten im Verteidigungsministerium sind keine kosmetischen Maßnahmen, sondern strukturelle Eingriffe. Sie sollen zwei chronische Probleme beheben: Rückstand bei Drohnentechnologie und gravierende Defizite in der Versorgung.
„Säuberung“ nach Schoigu: Kreml zerlegt altes Einflussnetz
Mit der Entlassung von Verteidigungsminister Sergei Schoigu im Mai 2024 begann eine beispiellose Umbauphase der russischen Militärführung. Seitdem wurden zahlreiche Generäle entlassen oder festgenommen. Beobachter sprechen von einer systematischen Säuberung innerhalb des Machtapparats.
Das französische Magazin Geo.fr analysiert diese Welle und betont, dass die Säuberung zu einem systematischen Steuerungsinstrument geworden ist, nicht nur zu einer Reaktion auf einzelne Fehlleistungen. Nach Angaben der Analysten, auf die sich Geo.fr stützt, spielt der Inlandsgeheimdienst FSB eine Schlüsselrolle bei der Einleitung von Verfahren gegen die Generäle. Im Visier stehen vor allem Personen, die mit der „Ära Schoigu“ verbunden sind. Damit zerlegt der Kreml ein bisheriges Einflussnetz, das als ineffizient und von Korruption durchzogen galt.
Schoigus Abgang ebnete so den Weg für eine Erneuerung der Führungsebene. Diese Erneuerung ist aber nicht nur fachlich, sondern deutlich politisch motiviert: Der Kreml will eine neue Befehlskette schaffen, die enger an den Präsidenten und die Sicherheitsdienste angebunden ist.
Mehr als eine Reform: Putin sichert seine Macht
Das Analysezentrum CEPA beschreibt in dem Beitrag „Russia’s Military Shaken as Top‑Level Purge Unfolds“ die Vorgänge als „tiefe Erschütterung“ der militärischen Führung Russlands. Nach seiner Einschätzung verfolgt die Säuberung ein doppeltes Ziel: Die Armee soll an einen langen Krieg angepasst werden, zugleich stärkt Putin seinen persönlichen Zugriff auf die militärische Befehlskette. CEPA hebt hervor, dass sich die Festnahmen auf die oberste Führungsebene richten und auf zentrale Posten zunehmend Technokraten und Manager rücken, die Ressourcen und die Zusammenarbeit mit der Industrie kontrollieren können.
Newsweek sieht in seinem Artikel „Russia’s Military Purge: Sergei Shoigu, Vladimir Putin“ die Umbauten ebenfalls als Versuch des Kremls, eine Antwort auf die Fehlschläge im Krieg zu demonstrieren und zugleich neue autonome Machtzentren innerhalb der Armee zu verhindern – insbesondere nach dem Aufstand von Jewgeni Prigoschin. Nach Einschätzung des Magazins dient die Säuberung gleichzeitig als politisches Signal an die Eliten und als Versuch, die Führung der Streitkräfte an die Anforderungen eines langen Konflikts anzupassen.
Diese Einschätzungen passen zu Putins Schwerpunkten: Drohnen und Versorgung stehen für die technologische Seite des Umbaus, die Säuberung in der Generalität bildet seine politische Komponente.
Beloussow: Putins Manager für den Krieg
Die Ernennung von Andrei Beloussow zum Verteidigungsminister ist ein zentrales Element des Umbaus. Beloussow ist Ökonom und Technokrat, kein Militär. Sein Wechsel steht für einen Strategiewechsel: Weg vom klassischen "Kriegsminister", hin zu einem Manager, der den Krieg wirtschaftlich und organisatorisch steuern soll.
Analysten von CEPA und Newsweek gehen davon aus, dass Beloussow vor allem Ausgaben, Logistik und die Zusammenarbeit mit der Rüstungsindustrie effizienter organisieren soll. Seine Aufgabe ist es, die Versorgung der Streitkräfte langfristig sicherzustellen. Deshalb stellt Putin in seinen öffentlichen Äußerungen immer wieder Nachschub, Industrie und Drohnen in den Mittelpunkt.
Warum Putin seine Armee jetzt umbaut
Nach Einschätzung von Experten verfolgt der Kreml mit der Neuordnung mehrere Ziele.
Zum einen soll die Armee besser auf einen langen Abnutzungskrieg vorbereitet werden. Versorgung, Rüstungsproduktion und Drohnentechnologie gelten inzwischen als entscheidende Faktoren für den weiteren Kriegsverlauf.
Zum anderen will Putin seinen Einfluss auf die Streitkräfte ausbauen. Mit der Entlassung zahlreicher Generäle und der stärkeren Rolle von Technokraten und Sicherheitsdiensten sollen eigenständige Machtzentren innerhalb der Armee verhindert werden – eine Lehre aus dem Wagner-Aufstand unter Jewgeni Prigoschin.
Die Ernennung neuer Führungskräfte, darunter Drohnen-Kommandeur Denis Ljamin, passt in diese Strategie.
Die aktuelle Welle von Umbesetzungen ist deshalb weit mehr als eine gewöhnliche Personalrochade. Sie zeigt, wie der Kreml Russlands Armee auf einen langen Krieg ausrichtet – mit mehr zentraler Kontrolle, einer stärkeren Rüstungsindustrie und einem besonderen Fokus auf Logistik und Drohnentechnologie.