Nach dem Sturz des Assad-Regimes kommen tausende Rückkehrer in Syrien in der bitteren Realität an: extreme Teuerung, marode Dienste, kaum Jobs.
Nach dem Sturz des Assad-Regimes Ende 2024 wurde die Rückkehr nach Syrien für Tausende Syrerinnen und Syrer von einem aufgeschobenen Wunsch zu einer realen Option. Doch der Weg nach Hause führte nicht automatisch in ein stabiles Leben.
Für manche wirkte die Rückkehr zunächst wie eine einfache Entscheidung. Doch dann stießen sie auf eine andere Realität. Wer Jahre in der Türkei, in Jordanien, in Ägypten oder in einem europäischen Land gelebt, dort ein Zuhause aufgebaut und eine Familie gegründet hat, kehrt heute nicht an denselben Ort zurück, den er einst verlassen hat. Und auch sie selbst sind nicht mehr die Menschen, die Syrien vor Jahren verlassen haben.
Fast zwei Jahre nach dem Sturz des Assad-Regimes sind viele Geflüchtete und Binnenvertriebene zurück in ihrer Heimat. Doch die Geschichten der Rückkehrer zeigen, dass ihre Erfahrungen sehr unterschiedlich ausfallen.
"Meine Familie gibt mir Halt"
Mustafa, ein junger Friseur in Damaskus, ist nach dem Sturz des Assad-Regimes aus Ägypten zurückgekehrt. Er sagt, er fühle sich in seinem Land wohl, auch wenn die Möglichkeiten im Vergleich zu Ägypten begrenzt seien.
Mustafa – der seinen vollen Namen aus persönlichen Gründen nicht nennen möchte – erzählt Euronews, dass er sich mit der Rückkehr von der Belastung durch die hohe Miete in Kairo befreit habe. Jetzt lebt er im Haus seiner Familie in Damaskus. Außerdem arbeitet der junge Mann wieder in dem Salon, in dem ihn sein Meister zu Beginn seines Berufswegs ausgebildet hatte.
Mustafa verdient etwa 300 Dollar im Monat. Nach eigenen Angaben war sein Einkommen in Ägypten ungefähr halb so hoch, noch bevor er die Miete, Essen etc bezahlt hatte.
Das Haus der Familie und die vertraute Arbeit geben ihm nach seiner eigenen Einschätzung Halt. Bereut hat er seine Rückkehr bislang nicht.
"Ich bereue die Rückkehr"
Für Samer – auch er will seinen vollen Namen lieber nicht veröffentlicht sehen –, Mustafas Kollege im selben Friseur-Salon, wurde die Rückkehr zum Albtraum. Im Gespräch mit Euronews räumt der junge Mann ein: „Ich bereue die Rückkehr.“
In der Türkei hatte er gearbeitet und verfügte über einen vorübergehenden Schutzstatus („Kimlik“). Samer sagt: „Ich bin auf eine bittere Realität gestoßen. Friseursalons bieten hier nicht die Dienstleistungen an, die ich in der Türkei angeboten habe. Die Löhne sind so niedrig, dass sie nicht einmal die Fahrt von meinem Zuhause in Maaraba im Umland von Damaskus ins Stadtviertel Mazzah im Zentrum der Hauptstadt decken, eine Strecke von rund 20 Kilometern.“
Der Rückkehrer erklärt: „Stell dir vor, ich träume davon, mir ein Motorrad für 400 Dollar zu kaufen, nur um mir die Fahrkosten zu sparen – und kann es mir trotzdem nicht leisten.“
Und Samer sagt weiter: „In der Türkei habe ich fast 1000 Dollar verdient. Heute liegt mein Einkommen bei 250 bis 300 Dollar. Mein Leben hat sich komplett verändert. Die Lebenshaltungskosten sind hoch, die Infrastruktur ist schwach, und der Strom fällt ständig aus – dabei ist Strom für die Arbeit im Friseursalon unverzichtbar.“
Kinder sind andere Schulen gewöhnt
Am sichtbarsten zeigen sich die Folgen der Rückkehr bei Kindern, die in europäischen Ländern geboren und dort zur Schule gegangen sind.
Mawiya al-Schaer, die mit ihren drei Kindern aus Deutschland zurückgekehrt ist – der älteste ist zehn Jahre alt, der jüngste sechs –, steht vor einem komplizierten Bildungs- und Sozialdilemma.
„Es gibt große Unterschiede zwischen dem Unterricht in Syrien und in Deutschland“, sagt sie betrübt zu Euronews. „Jetzt lernen sie auf Arabisch, mit Lehrplänen, die sich komplett von dem unterscheiden, was sie kannten. Private Schulen sind hier extrem teuer, in Deutschland war die Bildung kostenlos. Die Gebühren für eine Privatschule liegen pro Kind bei mindestens 2000 Dollar im Jahr. Diese Summe kann man in Syrien kaum aufbringen. Die staatlichen Schulen wiederum sind beim Unterricht schlecht.“
Mawiya betont, sie habe „die übereilte Rückkehr bereut“. Sie hätte ihre Familie in Syrien besuchen und mit Beginn des Schuljahrs nach Deutschland zurückkehren können, wie sie sagt. Nun sucht sie staatliche Schulen, weil sie sich die Privatschulen nicht leisten kann. Parallel versucht sie, ihren Kindern Arabisch beizubringen und sie an die staatlichen Lehrpläne zu gewöhnen.
„Meine Kinder werden dadurch womöglich ängstlich, ziehen sich zurück und wollen nicht mehr zur Schule gehen. Für sie ändert sich alles: die psychische Situation, die Enge in den Klassen, und weil sie sich sprachlich nicht ausdrücken können, sind sie vielleicht Mobbing oder sozialer Ausgrenzung ausgesetzt – wegen der Sprache und der anderen Denkweise, die sie in Deutschland gelernt haben.“
Investitionshürden und gescheiterte Projekte
Neben den täglichen Lohnproblemen von Handwerkern stoßen Rückkehrer mit Ersparnissen auf eine komplizierte wirtschaftliche Lage. Amer Hassan etwa, der während seines Aufenthalts in Deutschland mehr als 45.000 Dollar zurückgelegt hat, träumte von einem eigenen Restaurant in Syrien.
Die wirtschaftliche Realität ließ diesen Traum platzen.
Amer schildert Euronews seine schmerzhafte Erfahrung: „Ich wollte in Syrien ein Restaurant eröffnen und konnte die Miete für zwei Jahre im Voraus bezahlen.“
„Aber die Bauarbeiten kamen zum Stillstand, weil das Geld nicht reichte, um das Projekt fertigzustellen. Ich war ungefähr bei der Hälfte und musste abbrechen. In Deutschland hätte ich staatliche Unterstützung in Form von Krediten erhalten. Mit der Hälfte des Betrags, den ich hier eingesetzt habe, hätte ich dort mein Projekt eröffnen können.“
Er betont: „Die Mieten sind extrem hoch, und auch die Löhne der Arbeiterinnen und Arbeiter sind teuer. Ich bin wieder bei null. Da ich die deutsche Staatsangehörigkeit habe, werde ich zurückgehen und versuchen, dort neu anzufangen. Hier sind mir alle Optionen ausgegangen, und ich habe verloren, was ich während meiner Zeit in Europa angespart hatte.“
"Alle bereuen es"
Kamal Kichia, der seit 15 Jahren in Deutschland lebt, hat dagegen eine klare Entscheidung getroffen: Er kehrt nicht zurück.
Er sagt Euronews: „Ich habe mit Freundinnen, Freunden und Verwandten gesprochen, die zurückgekehrt sind. Alle bereuen es. Einige sind in zerstörte Dörfer zurückgekommen, andere konnten nicht einmal einen kleinen Supermarkt eröffnen.“
Der 40-Jährige ergänzt: „Mein Sohn ist sechs Jahre alt. Die Schulen hier sind kostenlos, die Sicherheit ist gewährleistet. Ich kann das Risiko nicht eingehen, die Zukunft meiner Familie in einem Land aufs Spiel zu setzen, dessen Perspektiven weiterhin unklar sind.“
Verwaltungshürden und Bürokratie
Munir – ein Deckname aus Sicherheitsgründen –, ein Lehrer, der aus Jordanien zurückgekehrt ist, erlebt eine andere Hürde: die Bürokratie. „Jeden Monat klopfe ich an den Türen des Ministeriums oder der Bildungsdirektion, um zu sehen, ob meine Einstellung endlich erfolgt ist“, sagt er. „Vergeblich. Es gibt nie eine Antwort, jedes Mal eine neue Ausrede.“
Mit hörbarer Ernüchterung erzählt Munir: „Heute unterrichte ich nicht mehr. Ich arbeite auf den Feldern, in der Landwirtschaft und beim Aussäen, nur um leben zu können. Meine Erfahrung und die Studienjahre in Jordanien habe ich beiseite gelegt. Ich wünschte, ich könnte in Syrien unterrichten, statt darüber nachzudenken, ins Ausland zu gehen und eine Stelle an einer guten Schule zu suchen, die auch ein ordentliches Gehalt zahlt.“
Durchhalten trotz Widrigkeiten und Erfolgsgeschichten
Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der hohen Lebenshaltungskosten wagen manche Rückkehrer den Schritt in neue Branchen. Said Mahrez, der mit einem Masterabschluss in Informatik aus Schweden zurückgekehrt ist, steht für eine dieser Erfolgsgeschichten.
„Die ersten acht Monate waren die Hölle“, sagt Said zu Euronews. „Ich habe den Schmuck meiner Mutter verkauft, um Startkapital zu haben, und unzählige Nächte mit Genehmigungen, Registrierungen und Vorbereitungen verbracht.“
Heute führt Said gemeinsam mit Freunden ein kleines Unternehmen für Programmierung und Netzwerktechnik. „Der syrische Markt braucht viel“, erklärt er. „Aber man muss ihn zuerst verstehen. Am Anfang habe ich mit dem Gedanken gespielt, wieder nach Schweden zurück zu gehen. Dann stabilisierte sich das Geschäft. Heute denke ich nur noch daran zu reisen, um dazu zu lernen oder internationale Messen zu besuchen, die mein Unternehmen weiterbringen.“
Verluste und gescheiterte Vorhaben
Eine andere Geschichte mit harten wirtschaftlichen Folgen erzählen Faris und seine Frau Lida. Sie kehrten aus Schweden zurück, in der Hoffnung, sich in Syrien niederzulassen und in Damaskus im Viertel Schaalan eine Schneiderei zu eröffnen. Nach nur sechs Monaten mussten sie den Laden schließen.
„Wir haben das Geschäft angemietet und die Maschinen von unserem Ersparten in Schweden gekauft“, berichtet Faris Ibrahim Euronews. „Wir zahlten eine Jahresmiete von rund zehntausend Dollar. Die Ausstattung kostete etwa fünftausend Dollar. Nach sechs Monaten hatten wir keinen Gewinn von mehr als tausend Dollar erzielt, also mussten wir schließen.“
Er sagt: „Jetzt suchen wir einen Laden in einer ländlichen Gegend, wo die Miete niedriger ist, damit wir wieder auf die Beine kommen.“
In Zahlen: Hürden beim Wiederaufbau und bei der Rückkehr
Diese sehr unterschiedlichen Alltagserfahrungen der Rückkehrer fügen sich zu einem neuen demografischen Bild.
Bis Ende Mai 2025 schätzte das Hohe Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen, dass rund 1,67 Millionen Syrerinnen und Syrer aus Nachbarstaaten zurückgekehrt sind. Parallel kehrten etwa 1,92 Millionen Binnenvertriebene in ihre Herkunftsregionen zurück. Insgesamt nähert sich die Zahl der Rückkehrenden damit der Zahl von 3,6 Millionen Menschen.
Nach Angaben der UN-Behörde stellen Frauen und Mädchen etwa 52 Prozent der zurückgekehrten Flüchtlinge. Die Rückkehr konzentriert sich vor allem auf Regionen und Provinzen wie Aleppo, Idlib, den ländlichen Raum von Damaskus und die Hauptstadt selbst. Hinter diesen großen Zahlen stehen jedoch enorme Herausforderungen in einem Land, dessen humanitärer und infrastruktureller Bedarf weiterhin sehr hoch ist.
Auch mit der Rückkehr von Millionen Geflüchteten kämpft Syrien noch immer mit den Folgen von mehr als einem Jahrzehnt Krieg: zerstörte Wohnungen und Infrastruktur, eine schwache Basisversorgung, begrenzte Arbeitsmöglichkeiten sowie Probleme bei Wohnraum und zivilen Dokumenten.
Die Weltbank schätzt die direkten Sachschäden an syrischen Vermögenswerten auf rund 108 Milliarden Dollar. Der Bedarf für den Wiederaufbau liegt bei etwa 216 Milliarden Dollar – fast dem Zehnfachen der syrischen Wirtschaftsleistung des Jahres 2024.