Seit Dienstag gelten Kanadas Vergeltungszölle auf US-Waren im Wert von Milliarden Dollar und verschärfen damit einen 18-monatigen Handelsstreit zwischen den Nachbarn.
Kanadas Gegenzölle auf verschiedene US-Waren treten am Dienstag in Kraft. Sie sind eine Antwort auf US-Zölle auf kanadische Produkte, die Washington verhängt hat, nachdem die Handelsgespräche zwischen den beiden Nachbarn im vergangenen Monat gescheitert waren.
Die Gegenzölle betreffen US-Waren im Wert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar (17 Milliarden Euro).
Zölle von 15, 25 und 50 Prozent gelten für Hunderte von Produkten, darunter Stahl und Aluminium, Möbel, Kleidung, Kosmetika, Haushaltsgeräte, Elektronik, Landmaschinen sowie Milchprodukte wie Käse.
Ottawa erklärte, die Maßnahmen spiegelten die jüngsten US-Zölle „Dollar für Dollar“ und „Satz für Satz“ wider. Einige Meeresfrüchte strich die Regierung von der ursprünglichen Liste.
Den Angaben der Nachrichtenagentur AP zufolge erfassen die Gegenzölle rund sechs Prozent der Waren, die die USA im vergangenen Jahr nach Kanada exportiert haben.
Kanada reagiert nicht nur mit Zöllen. Acht der zehn Provinzen beschränken nach Angaben von AP weiterhin den Verkauf von US-Alkohol oder verbieten ihn ganz. Nach Angaben des Distilled Spirits Council of the United States sind die US-Ausfuhren von Spirituosen nach Kanada seit Einführung der Beschränkungen im Jahresvergleich um mehr als 70 Prozent eingebrochen.
Das Analysehaus RBC Economics erwartet, dass die kanadischen Maßnahmen das gesamtwirtschaftliche Wachstum der USA kaum spürbar bremsen werden. Einzelne US-Unternehmen könnten jedoch deutlich stärker unter den Zöllen leiden.
Die US-Zölle bergen für die kanadische Gesamtwirtschaft ein eher begrenztes Risiko. Analysten weisen jedoch darauf hin, dass sie die Industriebetriebe in Zentral-Kanada deutlich stärker treffen.
Die neuen Zölle folgen auf eine Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, der seit dem 22. August Strafabgaben von 50 Prozent auf kanadische Waren im gleichen Umfang erhebt. Washington begründet dies mit einer angeblich „diskriminierenden Behandlung“ der US-Alkohol-, Auto- und Milchindustrie.
Die US-Maßnahmen betreffen unter anderem Wein, Möbel, Milchprodukte, Zement, Kleidung, Angelruten und Eishockey-Ausrüstung. Insgesamt erfassen sie rund 5,5 Prozent der kanadischen Exporte in die Vereinigten Staaten.
Trump droht Bombardier
Trump drohte am Montag, den Verkauf von Flugzeugen des kanadischen Herstellers Bombardier in den USA zu stoppen, falls das Unternehmen seine Produktion nicht in die Vereinigten Staaten verlagert.
„Kein Verkauf von Bombardier mehr in den Vereinigten Staaten!“ schrieb Trump in Großbuchstaben auf seiner Plattform Truth Social. Wie ein solches Verbot umgesetzt werden könnte, ließ er offen.
Derzeit sind Tausende Bombardier-Flugzeuge in den Inlandsflotten US-amerikanischer Fluggesellschaften im Einsatz.
Bombardier erklärte in einer Mitteilung, man sichere „Zehntausende Arbeitsplätze in den gesamten Vereinigten Staaten“, darunter direkte Jobs in mehr als zwanzig Bundesstaaten. Zudem gebe das Unternehmen pro Jahr mehr als 2,5 Milliarden Dollar (2,1 Milliarden Euro) bei rund 2.800 US-Zulieferern in 47 Bundesstaaten aus.
„Bombardier schätzt die enge Partnerschaft mit amerikanischen Unternehmen und seinen US-Beschäftigten sehr“, hieß es weiter.
Handelsgespräche weiter ausgesetzt
Die Verhandlungen waren am 21. August nach mehreren Tagen Gesprächen in Washington gescheitert.
Kanadas Premierminister Mark Carney sagte, er habe die Gespräche ausgesetzt, weil die Bedingungen der Trump-Regierung inakzeptabel gewesen seien. US-Unterhändler hätten in letzter Minute Einschränkungen eingeführt, die Kanadas Möglichkeiten für Handelsabkommen mit anderen Ländern begrenzen sollten.
Der Konflikt reicht inzwischen über die eigentliche Handelspolitik hinaus. Trump unterzeichnete im August eine Anordnung, wonach die US-Behörden den Ontariosee, der an der Grenze zwischen beiden Ländern liegt, als „Lake America“ bezeichnen sollen.
Google und Apple übernahmen die Bezeichnung anschließend für Nutzerinnen und Nutzer in den USA. Kanada erkennt die Umbenennung jedoch nicht an.
Carney erklärte, die Gespräche könnten wieder aufgenommen werden, wenn die Amerikaner „aufhören, Memes zu machen, aufhören, Seitenhiebe zu verteilen, aufhören, auf hart zu machen“ und die Verhandlungen ernst nehmen.
Die aktuellen Handelsstreitigkeiten begannen, nachdem Trump ins Amt zurückgekehrt war und eine Reihe von Zöllen auf kanadische Waren verhängte – obwohl er in seiner ersten Amtszeit das nordamerikanische Handelsabkommen mitverhandelt und wiederholt gelobt hatte. Viele dieser Zölle verstoßen gegen das Abkommen.
Der Bruch wiegt besonders schwer, weil beide Länder traditionell zu den engsten Partnern weltweit zählen. Ihre Volkswirtschaften sind eng verflochten, sie kooperieren intensiv in Verteidigungs- und Sicherheitsfragen und pflegen enge kulturelle Beziehungen. Bevor das Verhältnis abkühlte, überquerten täglich rund 400.000 Menschen die gemeinsame Grenze.
Obwohl Carney in Kanada auf breite Unterstützung in der Bevölkerung stößt, bleibt das Land stark von seinem Nachbarn abhängig. Fast 60 Prozent der kanadischen Importe stammen aus den USA, etwa 70 Prozent der Exporte gehen in den US-Markt.
Zur Unterstützung betroffener Unternehmen und Beschäftigter hat die kanadische Regierung ein Hilfspaket in Höhe von 7,5 Milliarden kanadischen Dollar (4,6 Milliarden Euro) angekündigt.