Die EU baut eine neue „Sponge Facility“. Sie soll naturbasierte Projekte voranbringen, damit Städte besser gegen Dürren und Überschwemmungen gewappnet sind.
Wetterextreme machen Wasser für Europas Städte zur doppelten Bedrohung. Bei Unwettern kommt zu viel davon auf einmal, in Dürrephasen ist es knapp.
Doch einige Fachleute sehen im Modell der „Schwammstadt“ – einem naturbasierten Ansatz der Stadtplanung, der vor rund zwei Jahrzehnten in China entwickelt wurde – eine Chance, das alte Sprichwort vom „Sparen für schlechte Zeiten“ im Wortsinn auf Wasser anzuwenden.
Das Modell sieht vor, bestehende Stadtviertel mit Grünflächen, wasserdurchlässigen Belägen und Speichersystemen nachzurüsten. Regenwasser soll versickern, gespeichert und wiederverwendet werden, statt einfach über die Kanalisation abzufließen. Das entlastet die Entwässerung und hält Wasser für Trockenperioden zurück.
„Eine der wirkungsvollsten Anpassungen besteht darin, ein Jahrhundert Stadtplanung zurückzudrehen, das Regen als Abfall und nicht als wertvolle Ressource behandelt hat“, sagt Justin Abbott, Fellow und Europa-Wasserleiter beim Ingenieurbüro Arup.
Was ist eine „Schwammstadt“?
Das Konzept der Schwammstadt entwickelte Anfang der 2000er Jahre der chinesische Landschaftsarchitekt Kongjian Yu.
Er schlug vor, Elemente wie Teiche, Feuchtgebiete und bepflanzte Entwässerungsgräben zu nutzen, um Regenwasser aufzufangen, bevor es in Kanalisation und Flüsse schießt. Wenn das Wasser langsamer abfließt, sinkt das Überschwemmungsrisiko bei Unwettern. Gleichzeitig lässt sich der Niederschlag nutzen, um Grundwasser zu erneuern oder Parks in Trockenzeiten zu bewässern.
Das zusätzliche Grün hilft außerdem, Straßen bei Hitzewellen zu kühlen. Gesunde Böden und Feuchtgebiete können mancherorts sogar vor Waldbränden schützen.
Nach den verheerenden Überschwemmungen in Peking 2012, bei denen 79 Menschen starben, fanden seine Ideen deutlich mehr Gehör.
2014 verabschiedete China landesweite Leitlinien für die Entwicklung von Schwammstädten. Ein Jahr später startete ein Pilotprogramm in 16 Städten, darunter Wuhan, Xiamen und Chongqing. 2016 kamen weitere 14 Städte hinzu, etwa Shanghai und Shenzhen.
Bis 2030 sollen nach Regierungsplänen 80 Prozent der bebauten Städteflächen als Schwammstädte funktionieren.
Können Schwammstädte Europas Städte widerstandsfähiger machen?
Europa experimentiert schon seit Jahrzehnten mit ähnlichen Wassermanagement-Projekten.
Zwischen 1998 und 2002 wandelte die südschwedische Stadt Malmö das hochwassergefährdete Viertel Augustenborg um: Sie installierte Gründächer, Feuchtgebiete, Regenrückhaltebecken und rund 6 Kilometer offener Wasserläufe. Bei heftigen Unwettern 2007 und 2014 verzeichnete das Quartier deutlich weniger Überschwemmungsschäden als andere Teile der Stadt.
In der niederländischen Stadt Rotterdam dient der Benthemplein-Wasserplatz – eröffnet 2013 – bei gutem Wetter als Basketballfeld und Freizeitfläche. Bei Starkregen fassen seine drei Becken vorübergehend bis zu 1,7 Millionen Liter Wasser.
Der 2014 eröffnete Platz Tåsinge Plads in Kopenhagen sammelt Wasser von umliegenden Dächern in unterirdischen Speichern und sogenannten Regen-Gärten – flache, bepflanzte Mulden, in denen Niederschlag im Boden versickern kann.
Die Europäische Kommission will solche Projekte europaweit ausbauen. Ihre Wasserresilienz-Strategie 2025 ruft zu mehr Schwammstädten und zur Wiederherstellung weiterer Feuchtgebiete auf, und die EU arbeitet derzeit an einer „Sponge Facility“, die ihre Entwicklung unterstützen soll.
Die Umstellung ist jedoch anspruchsvoll. Geschützte Bauten, enge Straßen und ein Gewirr an Leitungen im Untergrund erschweren es, historische Innenstädte umfassend zu modernisieren. Für Abbott ist das dennoch kein Grund, beim Denken im gewohnten Rahmen zu bleiben.
„Diese Herausforderungen sollten zu genauerem Hinsehen führen, nicht zu Untätigkeit“, sagt er. Er plädiert für kleinere Eingriffe: Innenhöfe entsiegeln, mehr Bäume pflanzen und Dächer begrünen, ganz oder teilweise.
Schwammstädte: Mächtiges Werkzeug, aber kein Allheilmittel
Doch selbst die grünste Stadt kann nur begrenzt Regen aufnehmen. Bei extremen Unwettern sind Böden rasch gesättigt und Speicher voll – überschüssiges Wasser findet keinen Weg.
Die katastrophalen Überschwemmungen rund um Valencia 2024 haben tragisch gezeigt, was passiert, wenn extreme Niederschläge die Schutzsysteme einer Stadt überfordern.
„Schwammmaßnahmen sind stark, aber sie können nicht jede Herausforderung allein lösen“, erklärt Abbott.
Städte brauchen zusätzlich klassische Kanalnetze, größere Rückhaltebecken und ausgewiesene Flutwege, über die Wasser abfließen kann, wenn Regen-Gärten und Feuchtgebiete voll sind, sagt er.
Dafür reicht Technik allein nicht aus. Abbott betont, dass Stadtverwaltungen, Wasserbetriebe, Projektentwickler und Grundstückseigentümer gemeinsam Verantwortung für Regenwasser tragen. Entscheidungen eines Akteurs können ganze Viertel beeinflussen.
„Bei der Planung und Gestaltung unserer Städte müssen wir Wasser an den Anfang stellen“, sagt er. „Wir müssen mit Wasser planen und bauen.“