Finden Sie uns
Werbung

Syrien nach Assads Sturz: Woher bezieht Damaskus heute seine Treibstoffe?

Öltanker liegen vor Baniyas vor Anker, Syrien, Dienstag, 29. September 2026.
Öltanker liegen vor Baniyas in Syrien, Dienstag, 29. September 2026. -  Copyright  AP Photo
Copyright AP Photo
Von Wessam Al Jurdi & يورونيوز
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Nach dem Sturz des Assad-Regimes hat Syrien seine Ölversorgung umgestellt. Trotz neuer Importwege und Förderversuche bleiben zerstörte Raffinerien und Devisenmangel ein Bremsklotz, die Versorgungslücke wächst und die Bevölkerung leidet.

Über viele Jahre stützte sich Syrien auf Öllieferungen aus Iran. Sie bildeten unter dem gestürzten Präsidenten Baschar al-Assad die wichtigste Lebensader des Energiesektors. Nach dem Sturz des Regimes im Dezember 2024 hat sich die Lieferlandschaft jedoch grundlegend verändert. Die neue Führung steht vor einem ausgezehrten Sektor und einer Infrastruktur, die eine umfassende Sanierung braucht. Gleichzeitig muss das Land weiterhin Rohöl und Ölprodukte importieren, um den Bedarf des Binnenmarkts zu decken.

WERBUNG
WERBUNG

Zwar hat der Staat einige Felder in Deir ez-Zor und al-Hasaka zurück unter seine Kontrolle gebracht. Doch diese Rückeroberung reicht nicht aus, um die Nachfrage im Inland zu decken. Die Förderung bleibt begrenzt, Raffinerien stehen teilweise still, Pipelines und Leitungen sind beschädigt, und die Finanzierung von Einkäufen ist schwierig.

In einem Gespräch mit „Euronews“ sagt der Forscher und Wirtschaftsberater Mohammad Alabi: „Syrien stützt sich derzeit auf eine Mischung aus heimischer Produktion und Importen, dazu kommen schwer zu erfassende Lieferungen über Land. Russland ist nach dem Ausfall der iranischen Lieferungen zum wichtigsten externen Rohöllieferanten geworden und beliefert Syrien zudem mit Produkten, darunter Diesel.“

Russisches Öl dominiert Syriens Rohölimporte

Diese Verschiebungen spiegeln eine komplizierte politische Lage wider. Der vollständige Bruch zwischen der neuen Führung und Teheran beendete den Einfluss Irans, das bis 2024 der wichtigste Lieferant von seeseitig transportiertem Öl war.

Der Bruch zwang Damaskus zu einer pragmatischen Hinwendung nach Moskau, um Treibstoffe zu sichern, und überdeckte frühere Feindseligkeiten wegen der Unterstützung Russlands für Assad.

Der akute Bedarf an Rohöl eröffnete Russland eine goldene Gelegenheit. Moskau fand in Damaskus einen Absatzmarkt für sein Öl und einen Weg, westliche Sanktionen zu umgehen. So wurde Russland 2025 zum Hauptlieferanten, ergänzt durch kleinere Lieferungen aus Georgien, Griechenland und der Türkei. Darauf weisen Daten der „Energy Research Unit“ hin, die auch zeigen, dass sich die Importe inzwischen stärker auf verarbeitete Produkte ausdehnen und nicht mehr fast nur auf Rohöl.

Alabi sagt gegenüber „Euronews“: „Belegt ist, dass Russland 2025 insgesamt 19 Lieferungen mit rund 17 Millionen Barrel geschickt hat, hinzu kommen zwei saudische Hilfslieferungen.“

Der Ökonom betont jedoch, dass diese Mengen den langfristigen Bedarf nicht decken: „Die saudische Unterstützung ist aufgebraucht. Ukrainische Angriffe setzen die russischen Raffinerien unter Druck, Moskau musste Ausfuhren einschränken und teilweise sogar Treibstoff importieren. Für Syrien erhöht das die Risiken, vor allem beim Bezug fertiger Produkte.“

Laut der „Energy Research Unit“ lagen die seeseitigen Rohölimporte im März 2025 bei etwa 55.000 Barrel pro Tag und stiegen im April auf rund 61.000 Barrel. Die Einfuhren von Ölprodukten erreichten im selben Zeitraum rund achttausend Barrel täglich.

Die Importe von Ölprodukten waren im Februar 2025 mit rund 14.000 Barrel pro Tag wieder angelaufen und stiegen im März auf 33.000 Barrel. Für April desselben Jahres verzeichnen die Daten hingegen keine Einfuhren verarbeiteter Produkte.

Die Daten zeigen zudem deutliche Wochenschwankungen bei Rohöl und Produkten. In der Woche bis zum 24. März 2025 lagen die Importe bei rund 164.000 Barrel pro Tag, in der Woche bis zum 31. März fielen sie auf 50.000 Barrel. Bis zum 7. April stiegen sie wieder auf 153.000 Barrel, sanken dann in der Woche bis zum 14. April auf 108.000 Barrel und rutschten bis zum 28. April auf 33.000 Barrel ab, bevor sie in der Woche bis zum 5. Mai wieder auf etwa 146.000 Barrel anzogen.

Diese starken Ausschläge zeigen, wie ungleichmäßig die Lieferströme von Woche zu Woche ausfallen. Von einer stabilen Versorgung über das ganze Jahr kann keine Rede sein.

Befüllen von Tanklastern mit von Schiffen entladenem Benzin im Ölhafen Banias bei Tartus in Syrien, 29. September 2026.
Befüllen von Tanklastern mit von Schiffen entladenem Benzin im Ölhafen Banias bei Tartus in Syrien, 29. September 2026. AP Photo

Erstes Halbjahr 2026: 110 Tanker laufen Syrien an

Im ersten Halbjahr 2026 meldete das Energieministerium die Ankunft von 110 Tankschiffen. Insgesamt importierte Syrien demnach rund 2,6 Millionen Tonnen Rohöl, Ölprodukte und Flüssiggas für Haushalte, ohne die Herkunft der Ladungen offen zu legen.

Nach Berechnungen der „Energy Research Unit“ entfallen davon etwa 1,5 Millionen Tonnen auf Rohöl, 598.000 Tonnen auf Diesel, 283.000 Tonnen auf Benzin, 32.000 Tonnen auf Schweröl und 196.000 Tonnen auf verflüssigtes Petroleumgas für den Haushaltsverbrauch. Hinzu kommen rund 1,016 Milliarden Kubikmeter Erdgas.

Diese Zahlen bilden jedoch nicht die Gesamtheit aller Importe seit dem Sturz des Assad-Regimes ab. „Es gibt für diesen Zeitraum kein vollständiges öffentliches Register“, betont Alabi.

Hinzu kommt, dass sich die angegebenen Mengen auf unterschiedliche Stoffe mit verschiedenen Maßeinheiten beziehen. Sie lassen sich daher nur getrennt nach Produktgruppen auswerten; Tonnen von Öl und Produkten können nicht einfach mit Gasvolumina zusammengerechnet werden.

Alabi erklärt: „Um die Versorgungslage zu beurteilen, braucht man eine monatliche Bilanz von Produktion, Importen, Exporten, Lagerbeständen und Verteilung. Die Zahl der Schiffe sagt noch nichts darüber, ob der Markt ausreichend versorgt ist, und irakisches Transitöl zur Wiederausfuhr zählt nicht zu den syrischen Lieferungen.“

Luftaufnahme der Tanks des Ölhafens Banias nahe der Raffinerie bei Tartus, über die von Schiffen entladenes Benzin auf Tanklaster umgeschlagen wird, 29. September 2026.
Luftaufnahme der Tanks des Ölhafens Banias nahe der Raffinerie bei Tartus, über die von Schiffen entladenes Benzin auf Tanklaster umgeschlagen wird, 29. September 2026. AP Photo

Wie lange reichen die Öllieferungen für den Markt?

Der Wirtschaftsberater erläutert gegenüber „Euronews“: „Eine Ladung von einer Million Barrel Rohöl entspricht rechnerisch etwa fünf Tagen einer Versorgungslücke von 200.000 Barrel täglich, noch ohne die Verluste durch Raffination einzubeziehen.“

Er ergänzt: „Die beiden im Juli eingetroffenen Lieferungen von Benzin und Diesel mit 37.000 und 64.000 Tonnen decken den Bedarf jeder Sorte nur für rund sechs Tage. Grundlage ist der vom Energieminister Mohammad al-Bashir genannte Bedarf von acht Millionen Litern Benzin und zwölf Millionen Litern Diesel pro Tag.“

Politischer Kurswechsel: Gekürzte Importe treiben Preise in die Höhe

Im vergangenen August berichteten informierte Kreise der Agentur „Reuters“, Damaskus habe einer drastischen Kürzung seiner Importe von russischem Öl zugestimmt. Die Zusage sei Teil von Verhandlungen mit Washington, um Syrien von der Liste der „Terrorunterstützer“ streichen zu lassen.

Mit diesem Schritt versucht die neue Regierung, ihre Beziehungen zum Westen wieder aufzubauen. Die starke Abhängigkeit von russischem Rohöl bleibt jedoch das größte Hindernis für einen strategischen Kurswechsel in der Energiepolitik.

Nach Angaben der Quellen hat die US-Regierung keinen formalen Boykott russischer Lieferungen verlangt. Sie habe Damaskus aber signalisiert, dass ein Stopp der Käufe von russischem Öl die Streichung von der Liste beschleunigen und das Verfahren vereinfachen würde. Die syrische Führung sieht darin eine Chance, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren und sich aus der russischen Dominanz zu lösen.

Die politischen Verständigungen wirkten sich sofort auf den Alltag der Menschen aus. Ökonomen sehen einen klaren Zusammenhang zwischen der aktuellen, extrem angespannten Treibstoffkrise und der bewusst herbeigeführten Reduzierung der russischen Importe.

Die Entscheidung ließ das verfügbare Ölangebot auf den Binnenmärkten stark schrumpfen. Die Folge waren beispiellose Preissprünge bei Kraftstoffen und eine wachsende Verbreitung von minderwertigem, nicht eindeutig zuordenbarem Benzin, das für massiven Unmut sorgte.

Die gefälschten Lieferungen überschwemmten Tankstellen im ganzen Land und führten zu schweren Motorschäden bei Tausenden Fahrzeugen.

Warum Syrien nicht stärker aus dem Golf importiert

Syriens Nähe zu den Golfstaaten und deren große Kapazitäten bei Förderung und Export von Öl reichen allein nicht aus, um die Importe von dort deutlich zu erhöhen. Entscheidend sind nicht nur verfügbare Mengen oder Entfernungen.

Alabi erklärt die begrenzte Rolle der Golfstaaten so: „Mehr Einfuhren von dort setzen belastbare Zahlungsgarantien, verlässliche Bankkanäle und die Fähigkeit zu langfristigen Verträgen voraus. Gerade diese Punkte werden durch die schwache Finanzierungslage und den angeschlagenen syrischen Bankensektor zusätzlich erschwert.“

„Steigen die Weltmarktpreise“, so Alabi weiter, „verlieren fragile Volkswirtschaften an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber finanzstarken Käufern aus dem globalen Norden. Ihre Optionen verengen sich auf Lieferanten und Vertragsmodelle mit deutlich höheren Risiken.“

Für Syrien erklärt Alabi: „Das erklärt die starke Ausrichtung auf Russland. Die europäischen Beschränkungen zwingen Moskau, nach alternativen Märkten zu suchen und Rabatte anzubieten, während Damaskus nach Lieferungen Ausschau hält, die es finanzieren kann. Transport, Zwischenhändler, Versicherungen und komplizierte Zahlungswege verschlingen dabei jedoch zusätzlich Zeit, Aufwand und Geld.“

Geografische Nähe garantiert daher keinen günstigen Preis. Konditionen der Finanzierung und die Eignung des Rohöls für die vorhandenen Raffinerien spielen eine ebenso große Rolle.

Sanktionen und Finanzierung bremsen Ankunft der Tanker

Die Aufhebung vieler Sanktionen gegen Syrien hat die Probleme beim Import von Treibstoffen nicht vollständig beseitigt. Mohammad Alabi erläutert: „Die Lockerung erlaubt zwar wieder Geschäfte, sie schafft aber nicht automatisch Kreditlinien, Devisen oder eine intakte Infrastruktur.“

Er verweist darauf, dass der syrische Energieminister eingeräumt hat, fehlende Dollarbestände hätten die Ankunft von Lieferungen verzögert. Hinzu kommen Defekte in Raffinerien, Leitungen und Tanks sowie hohe Transportkosten und teure Notkäufe. All dies erschwert die Sicherung der Versorgung zusätzlich.

Alabi warnt zudem: „Das Risiko beim Handel mit Lieferanten oder Schiffen, die eigenen Sanktionen unterliegen – insbesondere russischen –, schlägt unmittelbar auf Finanzierung und Versicherung durch.“ Die Krise beschränkt sich daher nicht auf den Kauf von Öl und dessen Verfügbarkeit. Sie erfasst die gesamte Lieferkette, von Überweisungen und Vertragsabschluss über Transport, Versicherung und Raffination bis zur Verteilung.

Saudi-Arabien steigt in Sicherung syrischer Treibstoffimporte ein

Auf der Suche nach verlässlicheren Bezugswegen baut Syrien seine Ölkooperation mit Saudi-Arabien aus und entwickelt neue Finanzierungsmodelle. Am elften Oktober 2026 eröffnete die Syrian Petroleum Company erstmals ein Akkreditiv über die Zentralbank Syriens. In Zusammenarbeit mit einer großen US-Bank finanzierte sie damit den Import von Ölprodukten des Konzerns Aramco.

Gleichzeitig meldete das staatliche Unternehmen, dass vor der syrischen Küste 15 Tankschiffe mit Treibstoff auf Reede liegen, darunter sechs Diesellieferungen und neun Benzinladungen, die auf die Einlauf- und Löschgenehmigung warten.

Diese Schritte sind Teil umfassenderer Bemühungen, die saudi-arabische‑syrische Zusammenarbeit in den Bereichen Öl, Gas, Petrochemie, Stromversorgung und erneuerbare Energien auszubauen.

Weitere Quellen • يورونيوز+ وكالات

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Syrien nimmt "Schlächter von Baniyas“ wegen Küstenmassakern 2013 fest

Mutmaßliche Sabotage durch IS in Syrien: Explosion an Gasleitung

Erste Polizistinnen bestehen Ausbildung an neuer Akademie in Syrien