Iran-Konflikt stürzt Europa in Stagflation. Produktionskosten steigen, Wachstum stockt, Vertrauen sinkt; für die EZB schließt sich das kurze Zeitfenster der Stabilität.
Der Krieg im Iran und der dadurch ausgelöste Ölpreissprung setzen der Wirtschaft im Euro-Raum bereits messbar zu. Betroffen sind Geschäftstätigkeit, Lieferketten und die Stimmung in den Unternehmen.
Die Folge: die deutlichsten Stagflationswarnungen aus europäischen Umfragen seit Jahren.
Den vorläufigen Einkaufsmanagerumfragen (PMI) von S&P Global zufolge hat die wirtschaftliche Aktivität im Euro-Raum im März an Schwung verloren. Steigende Energiepreise trieben die Vorleistungskosten auf den höchsten Stand seit mehr als drei Jahren.
Das Zusammentreffen von nachlassendem Wachstum und wieder anziehenden Preisen, ein klassisches Stagflationsmuster, gilt vielen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern als Szenario, das sie am meisten fürchten.
Euro-Raum: Stagflationsalarm
Der zusammengesetzte Eurozonen-PMI lag im März bei 50,5. Im Februar waren es noch 51,9, die Analystenerwartung lag bei 51,0. Damit verzeichnet der Index den schwächsten Wert seit zehn Monaten und bewegt sich nur knapp über der Schwelle zur Stagnation.
Gravierender als die Wachstumsflaute ist jedoch der gleichzeitige Inflationsschub.
Die Teuerung bei den Vorleistungskosten im Euro-Raum beschleunigte sich auf das höchste Tempo seit Februar 2023. Treiber sind stark steigende Energie- und Treibstoffpreise sowie Störungen im Seefrachtverkehr, die direkt mit dem Konflikt im Nahen Osten und der wachsenden Bedrohung für die Schifffahrt durch die Straße von Hormus zusammenhängen.
Die Lieferzeiten der Zulieferer erreichten den schlechtesten Stand seit August 2022, weil Industriebetriebe unter stockenden Lieferketten um dringend benötigte Vorprodukte konkurrieren.
„Der vorläufige Eurozonen-PMI schlägt Stagflationsalarm: Der Krieg im Nahen Osten treibt die Preise deutlich nach oben und würgt gleichzeitig das Wachstum ab“, erklärte Chris Williamson, Chefvolkswirt bei S&P Global Market Intelligence.
Er fügte hinzu: „Der Einbruch der Produktionserwartungen ist der stärkste seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022.“
Nach Berechnungen der Ökonominnen und Ökonomen von S&P Global deuten die Umfragewerte darauf hin, dass das Bruttoinlandsprodukt im Euro-Raum im ersten Quartal nur noch mit einer Quartalsrate von knapp unter 0,1 % wächst. Die Wirtschaft schrammt damit gefährlich nah an der Stagnation entlang.
Gleichzeitig signalisiert der Preisindex, dass die Verbraucherpreisinflation wieder in Richtung drei Prozent anziehen könnte. Das kommt für die Europäische Zentralbank zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt und erschwert ihre geldpolitischen Entscheidungen.
Euro-Raum: Dienstleistungssektor gerät ins Stocken
Die Wachstumsabkühlung geht vor allem auf den Dienstleistungssektor zurück, dessen Aktivität nahezu stagnierte.
Neue Aufträge gingen erstmals seit acht Monaten zurück, ein Zeichen für nachlassende Nachfrage und wachsende Unsicherheit.
Die Industrieproduktion zeigte sich dagegen etwas robuster. Dazu trug bei, dass Unternehmen Bestellungen vorzogen, um sich gegen mögliche Lieferausfälle abzusichern.
Die Folgen des Kriegs zeigen sich auch in der Logistik. Viele Firmen berichten von erheblichen Verzögerungen bei Zulieferungen, häufig wegen Störungen im Seeverkehr und steigender Frachtkosten.
Die Lagerbestände schrumpften weiter, weil sich Unternehmen schwer damit tun, Vorprodukte zu beschaffen. Gleichzeitig legten die Einkäufe leicht zu, da Betriebe zusätzliche Puffer gegen weitere Störungen aufbauen wollen.
Deutschland: Industrieboom verdeckt fragile Lage
Deutschland blieb mit einem zusammengesetzten PMI von 51,9 im Expansionsbereich, erreichte damit aber den niedrigsten Wert seit drei Monaten.
Hellster Lichtblick war die Industrie, deren Produktion so kräftig zulegte wie seit mehr als vier Jahren nicht.
Der Industrie-PMI für Deutschland sprang auf 51,7 und damit auf den höchsten Stand seit 45 Monaten. Die Konsenserwartung von 49,5 wurde klar übertroffen.
Die Erklärung fällt jedoch wenig beruhigend aus: Viele deutsche Industrieunternehmen melden einen Nachfrageschub aus Angst.
Viele Firmen ziehen Bestellungen vor und stocken gezielt ihre Lager auf, um sich gegen erwartete Lieferengpässe infolge des Konflikts im Nahen Osten abzusichern.
Phil Smith, Economics Associate Director bei S&P Global Market Intelligence, betonte, der Industriebeschleuniger sei „wahrscheinlich nur von kurzer Dauer“. Die sich nun aufbauenden Spannungen in den Lieferketten mit im Schnitt deutlich längeren Lieferzeiten für Vorprodukte, so stark wie seit dreieinhalb Jahren nicht, schlagen bereits direkt auf die Produktionskosten durch. Diese verzeichnen den kräftigsten Anstieg seit Ende 2022.
Die Aktivität im deutschen Dienstleistungssektor ging deutlich zurück. Dahinter stehen sinkende Neuaufträge und steigender Kostendruck.
Viele Dienstleister berichten, Kundinnen und Kunden hielten sich angesichts der großen Unsicherheit und stark steigender Kosten mit Ausgaben zurück. Diese Belastung der Konsum- und Investitionslaune könnte sich in den kommenden Monaten noch verstärken.
Frankreich: Kein Aufschwungpolster für den neuen Schock
In Frankreich fällt das Bild deutlich düsterer aus.
Der vorläufige französische Composite-PMI sank im März auf 48,3. Das ist der niedrigste Wert seit fünf Monaten, bleibt klar unter der Erwartung von 49,3 und signalisiert wieder eine spürbare Kontraktion.
Sowohl die Industrieproduktion (48,5) als auch die Dienstleistungsaktivität (48,3) schrumpften. Der Dienstleistungssektor verzeichnete dabei den stärksten Rückgang seit Oktober 2025.
Anders als Deutschland geht Frankreich in diesen externen Schock ohne das Polster einer kräftigen industriellen Erholung.
Neue Aufträge brachen so stark ein wie seit Juli 2025 nicht mehr. Unternehmen verweisen auf den Krieg im Nahen Osten, allgemein wachsende geopolitische Unsicherheit und die Zurückhaltung der Kundschaft vor Kommunalwahlen als geballten Gegenwind.
Die Auslandsnachfrage nach französischen Waren und Dienstleistungen ging so stark zurück wie seit 15 Monaten nicht.
„Frankreichs zarte Erholung liegt offenbar wieder auf Eis“, sagte Joe Hayes, Principal Economist bei S&P Global Market Intelligence.
„Diese Einschätzung stützt ein deutlicher Einbruch des Unternehmervertrauens. Die Gefahr höherer Inflation, länger anhaltender Angebotsstörungen und erhöhter Unsicherheit auf kurze Sicht zwingt viele Unternehmen dazu, ihren Ausblick neu zu bewerten“, so Hayes weiter.
Beim Inflationsbild in Frankreich fällt ein Punkt besonders auf. Die Vorleistungskosten stiegen auf den höchsten Stand seit November 2023. In der Industrie nähern sich die Preise für Vorprodukte sogar einem Höchststand seit dreieinhalb Jahren, getrieben von Öl und Ölprodukten sowie von Kupfer, Edelstahl und Aluminium.
Die Verkaufspreise legten jedoch nur leicht zu, weil die bereits vor Kriegsbeginn schwache Nachfrage den Unternehmen kaum Spielraum für Preiserhöhungen ließ.
Diese sinkenden Margen könnten sich in den kommenden Quartalen zu einem entscheidenden Belastungsfaktor für die Gewinne französischer Unternehmen entwickeln.
EZB-Dilemma verschärft sich
Die März-PMI-Daten bringen die Europäische Zentralbank in eine zunehmend schwierige Lage.
Im gesamten Euro-Raum schwächt sich das Wachstum bis an die Grenze zur Stagnation ab, während die Inflation wieder anzieht. Auslöser ist kein Nachfrageboom, sondern ein geopolitischer Angebotsschock. Mit den üblichen geldpolitischen Instrumenten lässt sich dieses Spannungsfeld nur schwer auflösen.
„Die EZB ist nicht länger in einer ,komfortablen Lage'“, warnte Williamson und fügte hinzu, das Stagflationsrisiko nehme zu, falls die Energiepreise hoch bleiben und die Lieferkettenstörungen anhalten.
Entscheidend wird sein, wie lange und wie heftig der Konflikt anhält und welche dauerhaften Folgen er für die Energiemärkte und die globalen Lieferketten hat.