Erstmals seit der Vereinbarung einer Waffenruhe zwischen Washington und Teheran haben wieder Schiffe die Straße von Hormus passiert. Trotz dieses ersten Signals der Beruhigung bleiben viele Fragen offen – von der Sicherheit der Route bis zu möglichen Transitgebühren.
Zwei Schiffe haben nach Angaben der Seeverkehrsüberwachung MarineTraffic als erste die Straße von Hormus durchquert, seit die Vereinigten Staaten und der Iran in der Nacht eine Waffenruhe vereinbart haben.
Der in griechischem Besitz befindliche Massengutfrachter NJ Earth passierte die Meerenge um 10:44 Uhr MEZ. Die unter liberianischer Flagge fahrende Daytona Beach hatte die Passage bereits um 8:59 Uhr MEZ geschafft, nachdem sie etwas mehr als eine Stunde zuvor, um 7:28 Uhr MEZ, den iranischen Hafen Bandar Abbas verlassen hatte.
Diese Fahrten sind die ersten bestätigten Überquerungen unter den mutmaßlich neuen Bedingungen des Waffenstillstands, der den wichtigsten Energie-Engpass der Welt betrifft.
Der iranische Außenminister Abbas Araghchi erklärte, Schiffen werde für einen Zeitraum von zwei Wochen eine sichere Durchfahrt durch die Straße von Hormus gestattet, "in Abstimmung mit den iranischen Streitkräften und unter Berücksichtigung der technischen Einschränkungen".
Die Vereinbarung kam nur wenige Stunden vor Ablauf der von US-Präsident Donald Trump gesetzten Frist zustande. Trump hatte dem Iran gedroht, "eine ganze Zivilisation heute Nacht sterben wird", falls das Land nicht zustimme, die Meerenge zu öffnen. Im Gegenzug kündigte er für die Waffenruhe eine Aussetzung der Bombardierungen an.
Nach Angaben von Lloyd's List, einer angesehenen Londoner Schifffahrtszeitschrift, sitzen derzeit schätzungsweise mehr als 800 Schiffe im Golf fest. Reeder, deren Schiffe dort blockiert sind, teilten Lloyd's mit, dass bereits Vorbereitungen getroffen wurden, um ihre Schiffe am Mittwochmorgen zu verlegen.
Viele zentrale Details sind jedoch weiterhin unklar. Während der Iran von einer zweiwöchigen sicheren Durchfahrt unter "technischen Einschränkungen" spricht, kündigte Trump eine "vollständige, sofortige und sichere Öffnung" an.
Unklar bleibt auch, ob sich beide Seiten auf die Bedingungen möglicher Transitzahlungen geeinigt haben und wann genau der Waffenstillstand in Kraft tritt.
Experten warnen vor zu frühem Optimismus
Neil Roberts, Leiter des Bereichs Schifffahrt und Luftfahrt bei der Lloyd's Market Association, sagte, der Waffenstillstand sei zwar grundsätzlich eine gute Nachricht für die Schifffahrt, dennoch müssten die Unternehmen weiter mit Verlusten rechnen. Es sei zudem unwahrscheinlich, dass der Verkehr schon bald wieder das Vorkriegsniveau erreiche.
"Schiffe, die bisher nicht auslaufen konnten, werden nun versuchen, dies zu tun, sobald Eigentümer und Kapitäne es für sicher halten", sagte Roberts. Zugleich betonte er, dass die Region weiterhin als Gebiet mit erhöhtem Risiko gelte.
"Aus versicherungstechnischer Sicht ist der Waffenstillstand natürlich zu begrüßen. Aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Handel im Golf in der Zwischenzeit einfach wieder aufgenommen wird", so Roberts.
Die Frage der Maut
Ein regionaler Beamter sagte, sowohl der Iran als auch Oman wollten für die Passage von Schiffen Gebühren erheben. Der Iran beabsichtige demnach, die Einnahmen für den Wiederaufbau zu verwenden. In mehreren bislang unbestätigten Berichten ist von einer Gebühr von rund 2 Millionen Dollar (1,7 Millionen Euro) pro Schiff die Rede.
Das iranische Parlament berät derzeit über ein Gesetz, mit dem die Mautregelung festgeschrieben werden soll.
Seit Mitte März kontrollieren das Elitekorps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) und die iranische Marine die Straße von Hormus de facto wie eine Mautstelle. Im Gegenzug für eine sichere Passage sollen Gebühren erhoben worden sein, in einigen Fällen in chinesischen Yuan und in Kryptowährungen.
In ihrer Geschichte war die Straße von Hormus als internationale Wasserstraße bislang nie gebührenpflichtig.
Über die beiden Schifffahrtsrouten der Straße von Hormus werden täglich rund 20 Millionen Barrel Öl und Erdölprodukte transportiert. Nach Angaben der US Energy Information Administration entspricht das etwa einem Fünftel des weltweiten Ölverbrauchs und mehr als einem Viertel des gesamten seegestützten Ölhandels.
Auch etwa ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels läuft über die Straße von Hormus, wobei Katar der wichtigste Exporteur ist.