Die EU-Spitzendiplomatin argumentiert, dass mehr Frauen am Verhandlungstisch bei Friedensgesprächen zu besseren Ergebnissen bei globalen Konflikten, einschließlich der russischen Invasion in der Ukraine, führen werden.
Kaja Kallas, die außenpolitische Vertreterin der Europäischen Union, hat die überwiegend männlich besetzten Friedensverhandlungsteams kritisiert und dies mit der Tendenz heutiger Diplomatie zu kurzfristigen Lösungen in Verbindung gebracht.
"Das ist ein größeres Problem, das wir weltweit bei verschiedenen Friedensgesprächen beobachten. Oft wird dabei nicht wirklich auf die Fragen eines dauerhaften Friedens eingegangen", sagte sie am Sonntag auf einer Pressekonferenz in Tallinn.
Viele Waffenstillstände, die aus solchen Gesprächen hervorgingen, erklärten Feindseligkeiten zwar formal für beendet, lösten jedoch nicht die "zugrunde liegenden Probleme", die künftige Gewalt begünstigen könnten.
Ein weiteres Problem sei der geringe Anteil von Frauen an den Verhandlungen.
"Es gibt Studien, die zeigen, dass Friedensbemühungen erfolgreicher und nachhaltiger sind, wenn Frauen an den Verhandlungen beteiligt sind", sagte Kallas. Das Bild, das sich zuletzt bei Gesprächen zwischen den USA und China gezeigt habe, sei hingegen "sehr männlich geprägt" gewesen.
"Frauen haben eine Rolle zu spielen", betonte sie.
Verschiedene Studien und internationale Institutionen, darunter auch der UN-Sicherheitsrat, weisen darauf hin, dass die Beteiligung von Frauen an Konfliktlösungen die Erfolgschancen erhöht. Dennoch werden Frauen häufig nicht in Vermittlungs- und Verhandlungsteams eingebunden.
Nach Angaben des Council on Foreign Relations waren 2022 lediglich 16 Prozent der Verhandlungsführer in aktiven Friedensprozessen unter Leitung oder Mitwirkung der Vereinten Nationen Frauen.
Ein Platz am Tisch
Die Aussagen von Kallas fügen sich in die aktuelle Debatte in Brüssel ein, ob die EU bei möglichen Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine direkt vertreten sein sollte - und wer den Block in diesem Fall repräsentieren würde.
Russlands Präsident Wladimir Putin hatte zuletzt vorgeschlagen, den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder als EU-Chefunterhändler für mögliche Friedensgespräche zur Ukraine einzusetzen. Der Vorschlag wurde von europäischen Staats- und Regierungschefs weitgehend zurückgewiesen. Die Diskussion darüber, wer Europa vertreten könnte, hält jedoch an.
Aus diplomatischen Kreisen in der Ukraine hieß es, Russland würde "niemals" eine Frau als Chefunterhändlerin akzeptieren.
Eine diplomatische Quelle in Brüssel bestätigte diese Einschätzung und erklärte, es sei derzeit kaum vorstellbar, dass eine Frau Teil solcher Gespräche werde. Eine andere Quelle betonte gegenüber Euronews hingegen, dass "Gleichberechtigung ein wichtiger Faktor" sei.
Unabhängig von der Geschlechterfrage halten viele EU-Beamte die Ernennung eines Sondergesandten vor dem Europäischen Rat im Juni jedoch für unrealistisch.
Die Sprecherin der Europäischen Kommission für Außenpolitik, Anitta Hipper, erklärte am Montag auf Nachfrage von Euronews, Kallas sei "eine Feministin" und bringe durch ihre Zeit als erste estnische Ministerpräsidentin von 2021 bis 2024 viel Erfahrung mit.
Ob Russland eine Frau am Verhandlungstisch akzeptieren würde, wollte Hipper nicht kommentieren. Sie bestätigte jedoch, dass sich die europäischen Staats- und Regierungschefs in den kommenden Wochen im zyprischen Limassol treffen werden, um mögliche Formate künftiger Gespräche mit der Ukraine und Russland vor dem EU-Gipfel im Juni zu erörtern.
"Wir werden darüber sprechen, welche Position wir vertreten, welche Forderungen wir stellen und wie geschlossen wir gegenüber Russland auftreten", sagte Hipper.
"Es geht darum, das Was zu klären - nicht das Wer."