Frankreichs Behörden untersuchen mögliche Manipulationen an staatlichen Wettersensoren, nachdem auffällige Temperaturwerte mit Wetten auf Polymarket zusammenfielen.
Météo-France hat eine Untersuchung eingeleitet. Die Behörde will klären, ob ihre Wetterstationen zum Ziel von Personen wurden, die Vorhersagemärkte manipulieren wollten.
Auslöser sind Berichte über ungewöhnliche Temperatursprünge, die auf der blockchain-basierten Plattform Polymarket zu hohen Auszahlungen führten. Dort wetten Nutzerinnen und Nutzer auf reale Ereignisse.
Ermittler prüfen, ob das landesweite Messnetz physisch oder digital manipuliert wurde. Die ungewöhnliche Treffsicherheit der Gewinnwetten deutet darauf hin, dass die Beteiligten direkten Zugriff auf die gemeldeten Daten gehabt haben könnten.
Im Netz kursieren bislang unbestätigte Gerüchte, jemand habe mit einem Haartrockner die Temperaturmessung künstlich in die Höhe getrieben.
Nach Angaben von Polymarket werden Wetten zur Pariser Temperatur auf Grundlage eines einzigen Sensors von Météo-France abgerechnet, der in der Nähe des Flughafens Charles de Gaulle steht.
Am sechsten April sprang der Wert dieses Sensors innerhalb von zwölf Minuten um vier Grad nach oben und überschritt die Marke von zweiundzwanzig Grad, obwohl andere Messreihen deutlich niedrigere Temperaturen zeigten.
Ein Nutzer auf Polymarket setzte an genau diesem Tag massiv auf Temperaturen über einundzwanzig Grad. Der Marktkonsens lag bei achtzehn Grad. Am Ende strich der Nutzer fast 30.000 Euro Gewinn ein.
Am 19. April kam es zu einer zweiten, ähnlichen Auffälligkeit. Seitdem wächst der Verdacht, dass jemand den Sensor gezielt manipuliert hat.
Météo-France teilte mit, man habe nach Auswertung der Sensordaten bei der Gendarmerie-Brigade für Lufttransport in Roissy Anzeige erstattet – wegen 'Veränderung der Funktionsweise eines automatisierten Datenverarbeitungssystems'.
Polymarket stützt sich für Paris vorerst nicht mehr auf die mutmaßlich kompromittierte Datenquelle. Die Plattform verlegte ihre Referenz von dem Sensor am Flughafen Charles de Gaulle zu einem Messgerät am Flughafen Paris-Le Bourget.
Die bereits abgeschlossenen Verträge hob Polymarket jedoch nicht auf und erstattete auch keine Einsätze. Die Entscheidungen bleiben endgültig, obwohl die Plattform in früheren Fällen Auszahlungen gestoppt hat, bis Regeln und Umstände geklärt waren.
Dezentrale Oracles: Streit um verlässliche Daten für Wettmärkte
Der Fall befeuert erneut die Debatte über die Zuverlässigkeit der sogenannten Oracles, die Wettmärkten Daten zur Auswertung liefern.
Im Bereich der dezentralen Finanzdienste bezeichnet der Begriff Oracle einen Mechanismus. Er speist Informationen aus der realen Welt in einen Smart Contract ein und bestimmt damit das finanzielle Ergebnis.
Polymarket nutzt solche Datenquellen, um seine Verträge abzurechnen und greift dabei häufig direkt auf offizielle Regierungswebseiten zu. Wird diese primäre Quelle verfälscht, fehlt dem Wettmarkt jeder interne Mechanismus zur Überprüfung der Wahrheit.
Zugleich erschwert die dezentrale Struktur dieser Plattformen das Einfrieren von Vermögenswerten, selbst wenn Ermittlungen die Personen hinter verdächtigen Geschäften identifizieren.
Der aktuelle Fall steht exemplarisch für eine neue Form der Wirtschaftskriminalität. Täter manipulieren die physische Welt, um Schwachstellen automatisierter Vorhersagemärkte auszunutzen und Wetten auf reale Ereignisse zu gewinnen.