Bisher galt Gold als Schutz in Kriegen und bei Inflation. Der Iran-Konflikt zeigt das Gegenteil: Brent-Öl steigt um 37%, Gold fällt um 10%. Entscheidend sind Zinsen, nicht Geopolitik.
Der Krieg im Iran stellt die Regeln zum Schutz vor Inflation auf den Kopf.
Seit dem 27. Februar, dem Tag vor Beginn der Operation Epic Fury, ist der Preis für die Nordsee-Sorte Brent um siebenunddreißig Prozent gestiegen, während Gold um zehn Prozent nachgegeben hat.
Ausgerechnet die beiden klassischen Schutzinstrumente gegen Inflation und geopolitische Schocks driften nun deutlich auseinander: Öl nach oben, Gold nach unten.
Der Höhenflug des Öls lässt sich vergleichsweise leicht erklären. Nach Berechnungen von Goldman Sachs sind rund 14,5 Millionen Barrel Rohöl aus dem Persischen Golf pro Tag vom Markt verschwunden. Dadurch schrumpften die weltweiten Lagerbestände im April auf Rekordtempo um elf bis zwölf Millionen Barrel täglich.
Die Mechanik am Ölmarkt ist simpel. Bricht das Angebot ein, steigen die Preise, bis sich die Nachfrage anpasst. Brent kletterte von 70 auf rund 100 US-Dollar je Barrel, nach einem Zwischenhoch von 126 Dollar.
Das Verhalten von Gold ist deutlich schwerer zu erklären.
Das Edelmetall legte im Jahr 2025 um 65 Prozent zu. Zentralbanken kauften drei Jahre in Folge kräftig zu, viele Strateginnen und Strategen sahen Gold als ultimativen Schutz vor Krieg. Nun hat es ausgerechnet in dem Moment, in dem der befürchtete Konflikt ausgebrochen ist, rund ein Zehntel seines Werts eingebüßt.
Warum Gold nicht mehr schützt: die Zinsmechanik
Gold wirft keine Kupons ab, keine Dividenden, keine Zinsen. Genau dieser Punkt erklärt fast alles. Der Anlagewert des Metalls hängt von den Opportunitätskosten ab – und die bestimmt vor allem das Niveau der realen Zinsen in den USA.
Steigen die Renditen, verliert eine Anlegerin, die für einen Goldbarren auf eine vierprozentige US-Staatsanleihe verzichtet, Tag für Tag an Boden. Fallen die Renditen, wird derselbe Barren attraktiver, weil die Alternative – festverzinsliche Wertpapiere – weniger abwirft.
Deshalb stieg Gold im Jahr 2025 so stark. Die Märkte rechneten bis Ende 2026 mit zwei oder drei Zinssenkungen der US-Notenbank Fed, die Realzinsen gaben nach – Rückenwind pur für das Edelmetall.
Der Krieg im Iran hat diesen Rückenwind in den vergangenen zehn Wochen zunichtegemacht.
Das CME-FedWatch-Tool sieht inzwischen als wahrscheinlichstes Szenario keine einzige Zinssenkung im gesamten Jahr.
Auffällig ist: Auf Sicht von einem Jahr preisen die Märkte inzwischen eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung als für eine Senkung ein. Der nächste Schritt der Fed, falls er kommt, dürfte also eher nach oben als nach unten gehen.
Gold hat diese veränderten Erwartungen in Echtzeit eingepreist.
Der Preis fiel seit dem 27. Februar von 5.275 auf 4.735 US-Dollar je Feinunze – ein Rückgang um 540 Dollar in nur zehn Wochen.
„Angesichts eines durch den Konflikt ausgelösten Energieschocks, der die Hoffnungen auf niedrigere US-Zinsen gedämpft hat, überrascht es nicht, dass Gold diesmal als sicherer Hafen enttäuscht“, sagt Amy Gower, Rohstoffstrategin für Metalle und Bergbau bei Morgan Stanley.
Die Einordnung von Morgan Stanley ist entscheidend, weil sie den Regimewechsel klar benennt. Gower argumentiert, dass die Zinssensitivität von Gold seine Rolle als sicherer Hafen inzwischen als wichtigsten Preistreiber verdrängt hat. Damit taugt Gold weniger als Absicherung gegen geopolitische Risiken und gegen Inflation.
Das Metall reagiere nicht auf das Ereignis selbst, betont sie, sondern auf die geldpolitische Antwort darauf.
Die Übersetzung in den Preis ist mechanisch: Längere Phasen hoher Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten des Goldhaltens.
Golds eigentliche Schutzfunktion ist eine andere
Hier liegt der Teil der Geschichte, den Lehrbücher selten korrekt beschreiben.
Gold schützt nicht einfach vor Inflation. Es schützt vor dem Versagen der Institution, die die Inflation im Zaum halten soll.
Beginnen die Preise aus einem niedrigen oder moderaten Niveau heraus zu steigen – etwa wenn die US-Verbraucherpreise von zwei auf 3,3 Prozent anziehen –, leidet Gold meist. Die Märkte sehen dann kein ausuferndes Risiko.
Sie sehen eine Fed, die über Instrumente, Glaubwürdigkeit und politischen Rückhalt verfügt, um die Zinsen anzuheben oder die Geldpolitik länger restriktiv zu halten.
Schon diese Erwartung treibt die Realzinsen nach oben und drückt die Nachfrage nach einem nicht verzinsten Asset. Die Entwicklung im Jahr 2026 passt fast perfekt in dieses Muster.
Inflation ist unangenehm, doch die Zentralbank genießt weiterhin das Vertrauen, sie in den Griff zu bekommen – und Gold zahlt den Preis für dieses Vertrauen.
Sein eigentlicher Moment kommt, wenn dieses Vertrauen bricht: wenn die Inflation sich vom Ziel löst, wenn die Zentralbank als unfähig oder unwillig gilt, sie zu stoppen, und wenn Anlegerinnen und Anleger daran zweifeln, dass die Währung ihre Kaufkraft bewahrt. Dann entfaltet das Metall seine volle Schutzwirkung.
Die siebziger Jahre unter Fed-Chef Arthur Burns, die Anfangsphase der Euro-Schuldenkrise und die Pandemie im Jahr 2020, als Fiskal- und Geldpolitik parallel massiv ausgeweitet wurden – all das waren Vertrauensschocks, keine reinen Inflationsschocks.
Gold legte in all diesen Phasen zu, weil die Alternative, der die Anleger den Rücken kehrten, die Währung selbst war.
Der Iran-Krieg hat keinen solchen Vertrauensschock ausgelöst. Er hat einen Angebotsschock geschaffen, den die Fed nach breiter Erwartung mit einer weiterhin restriktiven Politik abfedern soll.
Dieser Unterschied erklärt, warum der Goldpreis im Iran-Krieg um zehn Prozent gefallen ist.
Goldman bleibt für Gold optimistisch, warnt aber vor Hormus
Das Rohstoffteam von Goldman Sachs um Daan Struyven rechnet weiterhin damit, dass Gold bis Ende 2026 auf 5.400 US-Dollar je Feinunze steigt. Unterstützung erwarten die Expertinnen und Experten von anhaltenden Käufen der Zentralbanken, die ihre Reserven weg vom US-Dollar diversifizieren, und von der Annahme, dass die Fed irgendwann doch wieder mit Zinssenkungen beginnt.
Rund 70 Prozent der auf der jüngsten Notenbankkonferenz von Goldman befragten Zentralbanken erwarten, dass die weltweiten Goldreserven in den kommenden zwölf Monaten zulegen. Ein ähnlich großer Anteil rechnet damit, dass sich der Goldpreis innerhalb eines Jahres bei über 5.000 Dollar einpendelt.
Gleichzeitig warnt Goldman, dass die kurzfristigen Risiken eher in Richtung schwächerer Goldpreise zeigen. Bleiben die Störungen in der Straße von Hormus bestehen, bleibt Gold anfällig für weiteren Verkaufsdruck.
Die Bank hat ihre Brent-Prognose für das vierte Quartal 2026 von 80 auf 90 US-Dollar je Barrel angehoben. In einem Negativszenario könnten die Preise sogar auf über 100 Dollar steigen, falls sich die Ölströme durch die Straße von Hormus bis Ende Juli nicht normalisieren.
Was das für Anleger auf der Suche nach Inflationsschutz bedeutet
Ein Ölpreisschock, der das Angebot verknappt und die Rohölpreise steigen lässt, treibt die Inflation direkt nach oben.
Rohöl ist der einzige Inflationsschutz, der von genau dieser Quelle der Teuerung profitiert. Anlegerinnen und Anleger, die im Krieg Öl gekauft haben, haben die Inflation an ihrem Ursprung eingefangen.
Lehrbücher behaupten zwar, auch Gold schütze vor Inflation. In der Realität ist das Bild deutlich komplizierter.
In der Frühphase steigender Preise fällt Gold häufig, weil Zentralbanken die Zinsen anheben oder hoch halten und damit Alternativen attraktiver machen. Sein großer Auftritt kommt erst später – wenn die Inflation so stark wird, dass das Vertrauen in die Fähigkeit der Zentralbank, Preise zu kontrollieren, bröckelt.
Unter normalen Bedingungen steigt Gold eher, wenn die Zinsen fallen – nicht, wenn sie steigen.
An dem Tag, an dem die Straße von Hormus wieder vollständig offen ist, dürften die Ölpreise fallen. Dann gewinnt die Fed wieder Spielraum für Zinssenkungen. Das Muster bei Gold dürfte sich erneut drehen. Bis dahin hat der Krieg, der Gold zum Glänzen bringen sollte, das Gegenteil bewirkt.