Besonders stark trifft die Hitze in Europa Bau und Landwirtschaft; auch Verkehr, Industrie und Energiebranche kämpfen durch den Klimawandel zunehmend mit Störungen.
In der Europäischen Union ist jede fünfte erwerbstätige Person bei der Arbeit hohen Temperaturen ausgesetzt. Nach Angaben der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) gehört extreme Hitze damit zu den am schnellsten wachsenden arbeitsbedingten Risiken im Zusammenhang mit dem Klimawandel.
Am stärksten gefährdet sind Menschen, die im Freien oder in ohnehin heißen Innenräumen arbeiten. Landwirtschaft, Bauwirtschaft, Verkehr, Industrie, Rettungsdienste und Tourismus gehören zu den Branchen, in denen sich Hitzewellen immer häufiger massiv auf Gesundheit und Produktivität auswirken.
Landwirtschaft und Baugewerbe besonders betroffen
Die Landwirtschaft gilt durchgängig als der Bereich, der extremen Temperaturen am stärksten ausgesetzt ist.
Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind Landarbeiterinnen und Landarbeiter über längere Zeit direkter Sonneneinstrahlung ausgesetzt und verrichten zudem körperlich schwere Arbeit, die die Körpertemperatur weiter in die Höhe treibt. Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter sind ähnlichen Risiken ausgesetzt. Sie arbeiten oft viele Stunden im Freien, verrichten schwere körperliche Arbeit und tragen Schutzkleidung, die die körpereigene Kühlung behindert.
Die Europäische Erhebung zu den Arbeitsbedingungen 2024 von Eurofound zeigt: 68 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft und 52 % der Beschäftigten im Baugewerbe sind mindestens ein Viertel ihrer Arbeitszeit hohen Temperaturen ausgesetzt. Auch in der Industrie (33 %) und im Verkehr (33 %) ist die Belastung weit verbreitet.
Die Erhebung zeigt zudem, dass der Anteil der Beschäftigten in Europa, die zwischen einem Viertel und drei Vierteln ihrer Arbeitszeit großer Hitze ausgesetzt sind, von 13 % im Jahr 1995 auf 21 % im Jahr 2024 gestiegen ist. Hitze am Arbeitsplatz ist damit in vielen Berufen zur Normalität geworden.
Welche Berufe sind am stärksten betroffen?
Entscheidend ist weniger der Wirtschaftszweig als der konkrete Beruf.
Nach Angaben von Eurofound sind qualifizierte Beschäftigte in der Landwirtschaft mit Abstand am stärksten betroffen: 72 % geben an, mindestens ein Viertel ihrer Arbeitszeit bei großer Hitze zu arbeiten.
Es folgen Handwerksberufe mit 53 %. Auch Anlagen- und Maschinenbedienerinnen und ‑bediener (42 %) sowie einfache Tätigkeiten (40 %) melden hohe Belastungen. Andere Berufsgruppen, etwa Beschäftigte im Dienstleistungs- und Verkaufsbereich, sind deutlich seltener betroffen, wie die untenstehende Grafik zeigt.
Leitende Angestellte, akademische Fachkräfte und Bürokräfte berichten von deutlich geringerer Hitzebelastung.
Männer deutlich häufiger betroffen
Die Hitzebelastung unterscheidet sich zudem stark nach Geschlecht, denn viele Hochrisikoberufe sind weiterhin männlich geprägt.
Eurofound kommt zu dem Ergebnis: 34 % der Männer sind mindestens ein Viertel ihrer Arbeitszeit hohen Temperaturen ausgesetzt, bei Frauen sind es 18 %.
Viele der besonders betroffenen Branchen beschäftigen zudem zahlreiche Saisonkräfte, Migrantinnen und Migranten sowie Selbstständige. Diese Gruppen verfügen oft über einen schwächeren arbeitsrechtlichen Schutz und sind seltener gewerkschaftlich organisiert.
Hitze entwickelt sich zum zentralen Gesundheitsrisiko am Arbeitsplatz
Extreme Hitze ist weit mehr als ein bloßes Unbehagen.
Nach Angaben von EU-OSHA kann längere Hitzebelastung zu Dehydrierung, Erschöpfung und Hitzschlag führen und Herz‑Kreislauf- sowie Atemwegserkrankungen verschlimmern. Hohe Temperaturen mindern zudem Konzentration und Reaktionsfähigkeit und erhöhen damit das Unfallrisiko.
Die konkreten Risiken unterscheiden sich je nach Berufsgruppe.
Landwirtinnen, Landwirte und Beschäftigte in der Forstwirtschaft sind zunehmend Zeckenkrankheiten, Allergenen und Luftverschmutzung ausgesetzt. Im Baugewerbe verstärken städtische Wärmeinseln die Belastung und treiben die Temperaturen deutlich über das Umland hinaus. Einsatzkräfte wie Feuerwehrleute, Polizistinnen, Polizisten und Notfallsanitäterinnen und ‑sanitäter arbeiten oft unter besonders gefährlichen Bedingungen, wenn sie auf hitzebedingte Notfälle reagieren.
Einbußen bei der Produktivität
Ein aktueller Bericht von Allianz Trade kommt zu dem Schluss: Steigen die Temperaturen über etwa 30 °C, nehmen Produktivitätsverluste sprunghaft zu und bremsen das Wirtschaftswachstum dauerhaft, statt nur vorübergehend wetterbedingt zu stören.
Besonders betroffen sind Bauwirtschaft und Landwirtschaft, da die Arbeit in den heißesten Stunden des Tages häufig gedrosselt oder ganz unterbrochen werden muss.
Hitze sorgt zudem für Störungen in der gesamten Wirtschaft. Die Industrie kämpft mit höheren Kühlkosten und sinkender Produktivität der Beschäftigten. Verkehrsnetze geraten ins Stocken, weil Straßen weich werden und sich Schienen ausdehnen oder verformen. Die Stromversorgung steht unter wachsendem Druck: Der Bedarf an Kühlung steigt, zugleich arbeiten Gas‑, Kohle‑ und Atomkraftwerke weniger effizient, weil wärmere Flüsse ihre Kühlleistung mindern.
Die Landwirtschaft bleibt besonders verwundbar. Felder und Viehbestände sind direkter, anhaltender Hitze und Dürre ausgesetzt, das erhöht das Risiko schlechterer Ernten und steigender Lebensmittelpreise.
Laut Eurostat stand die Landwirtschaft 2024 für 1,2 % des Bruttoinlandsprodukts der EU. Ihre Bedeutung unterscheidet sich jedoch stark zwischen den Mitgliedstaaten: In Griechenland liegt ihr Anteil bei mehr als 3 % des BIP, in Rumänien bei 2,5 %.
Das Baugewerbe trägt dagegen laut Europäischer Kommission rund neun Prozent zum BIP der EU bei und beschäftigt etwa 18 Millionen Menschen. Es zählt damit zu den größten Branchen Europas – und zu den Bereichen, die durch steigende Temperaturen am stärksten aus dem Takt geraten.
Wie lassen sich Beschäftigte schützen?
Die jüngste Hitzewelle erhöht auch den Druck, den Arbeitsschutz in Europa zu verschärfen.
In mehreren Ländern wurden Maßnahmen gegen Hitze am Arbeitsplatz verschärft oder reaktiviert. Dazu gehören Beschränkungen für Arbeiten im Freien in den heißesten Stunden, kürzere Schichten und Vorgaben, dass Arbeitgeber Wasser, Schatten und zusätzliche Pausen bereitstellen müssen.
Der Europäische Gewerkschaftsbund (EGB/ETUC) forderte die Europäische Kommission in dieser Woche zudem auf, verbindliche EU-weit geltende Regeln zum Schutz vor Hitze am Arbeitsplatz einzuführen. Gefordert werden unter anderem eine maximale Arbeitstemperatur, bezahlte Pflichtpausen zur Abkühlung und ein gesicherter Zugang zu Trinkwasser. Nach Ansicht der Gewerkschaften lässt das bisherige Flickwerk nationaler Vorschriften viele Beschäftigte unzureichend geschützt.