Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Kapitalmarkt fehlt: Europas 37 Billionen Euro erreichen Unternehmen kaum

Ein Foto zeigt das Euronext-Logo an der Konzernzentrale im Geschäftsviertel La Défense in Courbevoie bei Paris, Frankreich, am ersten März 2023.
Das Logo von Euronext ist in der Zentrale im Geschäftsviertel La Défense in Courbevoie bei Paris in Frankreich am Mittwoch, dem ersten März 2023, zu sehen. Copyright  AP Photo/Aurelien Morissard
Copyright AP Photo/Aurelien Morissard
Von Eleonora Vasques
Zuerst veröffentlicht am
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen
Teilen Close Button

Trotz hoher Priorität für die EU-Spitze zögern viele Staaten, ihre Kapitalmärkte stärker zu integrieren. Eine echte Kapitalmarktunion nach US-Vorbild bleibt fern, obwohl sie als nötig für den Wettlauf in KI und Rüstungssektor gilt.

Als Klarna sich bei seinem Börsengang für New York und gegen Europa entschied, zeigte das ein Problem, an dem Brüssel seit Jahren arbeitet: Europas am schnellsten wachsende Unternehmen schauen bei der Kapitalaufnahme häufig über den Atlantik, weil dort die Finanzmärkte tiefer sind.

WERBUNG
WERBUNG

Die EU will eigene KI-Vorzeigeunternehmen aufbauen, ihre Verteidigungsindustrie stärken und mehr wachstumsstarke Firmen dazu bringen, ihr Kapital im Binnenmarkt aufzunehmen. Doch eine Frage bleibt: Warum hat ein Block mit 37 Billionen Euro an privaten Ersparnissen trotzdem Mühe, seine wachstumsstärksten Firmen selbst zu finanzieren?

Nun verstärkt die Europäische Union ihre Bemühungen, die Kapitalmärkte zu reformieren, damit Geld im gesamten Block freier fließen kann.

Die Politik setzt auf schrittweise Reformen, etwa eine engere Abstimmung der Aufsichtsbehörden. Bis ein wirklich einheitlicher Kapitalmarkt entsteht, dürfte es jedoch noch viele Jahre dauern. Die Mitgliedstaaten tun sich mit zentralen technischen Fragen schwer, das bremst den Prozess.

Wettbewerbskraft: Europas offene Baustelle

Das derzeitige Verhandlungstempo spiegelt nicht die Dringlichkeit wider, von der die politische Spitze der EU spricht: Europa braucht stärker integrierte Kapitalmärkte, um global mit Großmächten wie den USA und China mitzuhalten.

Dafür müssen Milliarden in strategische Bereiche wie KI und Verteidigung fließen – in einer Zeit großer geopolitischer Unsicherheit mit Kriegen und Handelskonflikten.

Fehlt es an strategischer industrieller und technologischer Schlagkraft, verliert Europa geopolitischen Einfluss und wirtschaftliche Widerstandskraft. Das gilt besonders in einer Welt, in der Dominanz, ja sogar das wirtschaftliche Überleben, von der Kontrolle über Ressourcen und Know-how abhängt.

Diese Erzählung treiben führende EU-Politikerinnen und -Politiker voran, darunter die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen. Ihr Ziel, Europa auf der Weltbühne wettbewerbsfähiger zu machen, ist zum Leitstern ihres Mandats geworden.

Deshalb beauftragte von der Leyen den früheren EZB-Präsidenten und italienischen Ex-Regierungschef Mario Draghi mit einem Bericht zur Wettbewerbsfähigkeit der EU. Eine der zentralen Empfehlungen darin: eine umfassende Reform der Kapitalmärkte.

Der im Herbst 2024 vorgelegte Bericht kommt zu dem Schluss: Europa braucht jedes Jahr Investitionen von 750 bis 800 Milliarden Euro, also bis zu fünf Prozent der Wirtschaftsleistung, um seine Wettbewerbsziele zu erreichen und weltweit konkurrenzfähig zu bleiben.

„Entweder wir handeln – oder Europa erlebt einen langsamen Todeskampf“, warnte Draghi in einem seiner meistzitierten Sätze. Mit dieser „Agonie“ meint er den schleichenden, sich aufaddierenden Verlust an wirtschaftlicher Stärke. Ursachen sind strukturelle Schwächen wie hohe Energiekosten und ein zersplitterter Binnenmarkt, die Investitionen und Innovationen ausbremsen.

Die EU setzt nun auf zwei Prioritäten, um das Potenzial ihrer Kapitalmärkte zu entfesseln.

Erstens soll mehr privates Geld an die Börsen fließen – schon ein kleiner Teil der geschätzten 37 Billionen Euro an Ersparnissen würde viel bewegen. Zweitens sollen die nationalen Finanzmärkte enger zusammenwachsen. Geringere Hürden im Binnenmarkt sollen es Unternehmen erleichtern, Kapital aufzunehmen, und Anlegern, ihr Geld zu investieren.

Dafür brauchen Haushalte einen besseren Zugang zu Kapitalmärkten und mehr Wissen darüber, wie sie investieren können und welche Chancen das bietet. Wer stärker am Finanzmarkt teilnimmt, kann zum Beispiel besser fürs Alter vorsorgen.

Parallel dazu muss Brüssel den Rechtsrahmen voranbringen – die sogenannte Spar- und Investitionsunion (SIU). Sie soll die nötigen Reformen ermöglichen.

Unternehmensfinanzierung: Warum die USA attraktiver sind

Kapitalmärkte sind Plattformen, auf denen Privatpersonen, Institutionen und Staaten langfristige Finanzinstrumente wie Aktien oder Anleihen kaufen und verkaufen.

Sie bieten Unternehmen die Möglichkeit, frisches Geld einzuwerben und zu wachsen. In Europa ist das Hochskalieren jedoch schwierig. Grenzüberschreitende Aktivitäten kosten viel Zeit und Geld und bringen viel Bürokratie mit sich. Die Regeln unterscheiden sich von Staat zu Staat; und selbst dort, wo sie gleich sind, werden sie oft unterschiedlich ausgelegt.

Deshalb verlassen sich Unternehmen in Europa bei der Finanzierung noch immer vor allem auf Bankkredite.

„Wir müssen die Finanzierungsquellen stärker diversifizieren“, sagte ESMA-Chefin Verena Ross im exklusiven Gespräch mit Euronews-Business-Redakteurin Angela Barnes.

Fehlt diese Diversifizierung, weichen Unternehmen auf andere Märkte aus, in denen Geld leichter zu bekommen ist – etwa in die USA.

„Der US-Kapitalmarkt profitiert von einer stärker gebündelten Aufsicht. Es gibt weniger Ebenen von Bürokratie und Vorschriften, weil die USA nur eine Währung haben“, sagte Rebecca Christie, Senior Fellow beim Brüsseler Thinktank Bruegel, zu Euronews.

Christie sagte außerdem, die USA profitierten von ihrem gewachsenen föderalen System und davon, dass der Dollar die dominierende Reservewährung der Welt ist. Beides senkt Hürden und erhöht die Attraktivität des Marktes.

„Jede Akteurin und jeder Akteur, der Finanzierung braucht, hat einen Anreiz, an die US-Märkte zu gehen, weil dort das Geld ist“, sagte sie.

Ein weniger zersplitterter europäischer Kapitalmarkt hätte weitreichende Folgen. Mehr Kapital stünde für strategische Investitionen bereit. Zugleich könnte der Euro seine Rolle als internationale Währung stärken – ein weiteres großes Ziel der aktuellen EU-Spitze in einer Zeit, in der die Dominanz des Dollars schwindet.

„Wir leben in einer globalisierten Welt, und Kapitalmärkte sind ihrem Wesen nach global. Wir müssen auch für Anleger aus Übersee attraktiv sein – ob aus Amerika, Asien oder anderen Regionen – und dafür sorgen, dass Europa ein Ziel für dieses Investitionskapital ist“, sagte Ross zu Euronews.

Kapitalmarktunion: Warum der Durchbruch so schwer fällt

Obwohl alle sich einig sind, dass die Kapitalmärkte stärker integriert werden müssen, herrscht großer Streit darüber, wie das gelingen soll.

Die Gesetzgebung zur Kapitalmarktunion ist Teil der Spar- und Investitionsunion (SIU), eines Gesetzespakets, über das derzeit verhandelt wird.

Ein zentrales Vorhaben zur Harmonisierung der Kapitalmärkte ist das Paket zur Marktintegration und Aufsicht, kurz MISP.

Trotz intensiver Gespräche über MISP in den vergangenen Monaten haben die Mitgliedstaaten noch keine gemeinsame Linie gefunden – vor allem bei der Frage, wie die Aufsicht über die Kapitalmärkte vereinheitlicht werden soll.

Im vergangenen Frühjahr legten die sechs größten Volkswirtschaften Europas – Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Polen und die Niederlande – einen Vorschlag vor, wie sich Aufsichtsrechte bündeln lassen.

Sie wollen insbesondere bestimmte Kompetenzen auf die ESMA übertragen. Doch ob dieser Weg richtig ist, ist umstritten, sagte ein EU-Diplomat Euronews unter der Bedingung der Anonymität. Selbst unter den Befürwortern gehen die Vorstellungen auseinander, wie und in welchem Zeitrahmen das umgesetzt werden soll.

„Das Problem bei der Integration der Kapitalmärkte ist nicht einmal in erster Linie politisch, sondern vor allem national“, sagte Aurore Lalucq, Vorsitzende des Wirtschafts- und Währungsausschusses des Europäischen Parlaments, die an der Ausarbeitung der Gesetzgebung maßgeblich beteiligt war, zu Euronews.

„Ich glaube, bei der Aufsicht wird es Fortschritte geben. Aber viele Details werden sehr schwer zu verhandeln sein, weil die Perspektiven stark auseinandergehen“, fügte Lalucq hinzu. „Die Mitgliedstaaten haben sehr unterschiedliche Kapitalmarktkulturen.“

Klarna, das für tiefere Kapitalmärkte über den Atlantik blickt, macht das Dilemma deutlich. Alle sind sich einig, dass der Block mehr privates Kapital mobilisieren muss. Nationale Interessen bremsen jedoch weiter den Weg zu einem wirklich einheitlichen Kapitalmarkt.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare Euronews bei Google hinzufügen

Zum selben Thema

Rekord-Börsengang lenkt Fokus von Finanzierung auf Ausbau der Kapitalmärkte

Lagarde: Kapitalmarktunion entscheidend für Euro als globale Reservewährung

Die größten Volkswirtschaften der EU drängen auf gemeinsamen europäischen Kapitalmarkt