Der Claude-Entwickler bereitet sich nach Umsatzwachstum auf rekordverdächtigen Börsengang vor. Doch hohe Verluste und Konflikt mit der Trump-Regierung könnten Anleger verunsichern.
Anthropic, das KI-Unternehmen hinter dem Chatbot Claude, will in den kommenden Wochen an die Börse gehenin einem Börsengang, der den Rekord übertreffen könnte, den SpaceX mit seinem Wall-Street-Debüt im Juni aufgestellt hat.
Das sollten Sie über das Unternehmen wissen, fünf Punkte im Überblick:
Gegründet von früheren OpenAI-Spitzenkräften
Anthropic entstand 2021. Ehemalige Führungskräfte von OpenAI gründeten das Unternehmen, weil sie der Ansicht waren, dass die möglichen Risiken künstlicher Intelligenz nicht ernst genug genommen werden.
Der Name des Unternehmens bedeutet, etwas paradox, „den Menschen betreffend“. An der Spitze steht Mitgründer und CEO Dario Amodei. Er stammt aus San Francisco und promovierte in Biophysik an der Princeton University, ein eher ungewöhnlicher Lebenslauf für einen Tech-Chef, der nicht Informatik studiert hat.
Seine Schwester Daniela ist ebenfalls Mitgründerin und Präsidentin des Unternehmens. Laut PitchBook beschäftigt Anthropic rund 5.000 Menschen.
Vom Außenseiter zum Top-Konkurrenten
Bis zu diesem Jahr galt Anthropic weithin als klar hinter OpenAI. OpenAI hatte im November 2022 mit ChatGPT die Tech-Branche aufgemischt und ein KI-Wettrüsten ausgelöst.
OpenAI weitete sein Angebot auf viele Bereiche aus, von der Videogenerierung bis zu Browsern. Anthropic wählte stattdessen eine engere Strategie und konzentrierte sich auf KI-Werkzeuge für Softwareentwickler und Unternehmen.
Diese Strategie zahlte sich deutlich aus. Programmierhilfen gehören zu den wenigen KI-Diensten, für die Kundinnen und Kunden bereit sind, hohe Summen zu zahlen.
Der Entwicklerassistent Claude Code ist zu einem der gefragtesten Produkte geworden. Er trug mit dazu bei, dass Anthropic auf eine annualisierte Umsatzzahl von mehr als 65 Mrd. Dollar (55,6 Mrd. Euro) kommt.
Nur ein kleiner Teil der ChatGPT-Nutzenden zahlt hingegen ein Abo. OpenAI hat Berichten zufolge zudem die Arbeit an Videogenerierung und anderen Projekten zurückgefahren.
Trump-Regierung gerät mit Anthropic aneinander
Der Aufwärtstrend hält trotz heftiger politischer Gegenwinde an. Anthropic liegt im Streit mit der Regierung Trump, ein Konflikt, der Investoren verunsichern könnte.
Im März kündigte die Regierung ihre Verträge mit Anthropic und stufte das Unternehmen als Risiko für die Lieferkette ein. Auslöser war, dass Anthropic dem Militär keinen uneingeschränkten Zugriff auf seine KI-Modelle gewähren wollte.
Anthropic bezeichnete den Schritt als verfassungswidrige Vergeltungsmaßnahme und zog vor Gericht gegen die US-Regierung. Der Rechtsstreit könnte sich über Jahre hinziehen.
Das Weiße Haus stößt sich zudem an Amodeis wiederholten Warnungen vor den Gefahren von KI, etwa für Arbeitsplätze, und an seinem Ruf nach einer Regulierung ähnlich wie bei Fluggesellschaften oder Banken.
Amodei wird außerdem der Bewegung des „effektiven Altruismus“ zugerechnet, einer Philosophie des gezielten Spendens, die viele Konservative im Silicon Valley und in Washington ablehnen.
Anthropic braucht weiter enorme Mittel
Wie OpenAI benötigt auch Anthropic enorme Rechenleistung und Infrastruktur, um Spitzenmodelle der KI zu entwickeln und der Konkurrenz voraus zu bleiben. Zugleich gibt es die Sorge, dass China aufholen könnte.
Beide Unternehmen haben in nie dagewesenem Umfang Geld eingesammelt. Anthropic wurde nach einer Finanzierungsrunde im Mai über 65 Mrd. Dollar (55,8 Mrd. Euro) mit 965 Mrd. Dollar (829 Mrd. Euro) bewertet.
Die Summen übersteigen inzwischen die Möglichkeiten vieler Wagniskapitalgeber und Staatsfonds. Ein Börsengang würde Anthropic Zugang zu einem deutlich größeren Kapitalmarkt verschaffen. Gleichzeitig stiege der Druck, zu zeigen, ob sich die Vision einer KI-Revolution in ein dauerhaft tragfähiges Geschäftsmodell übersetzen lässt.
OpenAI hatte zunächst einen Börsengang noch für dieses Jahr geprüft, erwägt nun laut Berichten jedoch, bis 2027 zu warten.
Investoren müssen hohe Verluste verkraften
Bloomberg zufolge will Anthropic mehr als die 75 Mrd. Dollar (64,3 Mrd. Euro) einsammeln, die SpaceX bei seinem Rekord-Börsengang im Juni erzielte, ohne die später gezogene Mehrzuteilungsoption.
SpaceX hatte vor dem Börsengang Musks KI-Start-up xAI geschluckt und machte die Emission damit auch zu einer Wette auf künstliche Intelligenz, nicht nur auf Raumfahrttechnologie. Die Aktie schoss zunächst in die Höhe, fiel dann aber wieder und notiert inzwischen etwa auf ihrem Ausgabepreis von 135 Dollar.
Auch die Anleger von Anthropic müssen auf absehbare Zeit mit hohen Verlusten leben.
Das Unternehmen machte laut US-Medien 2025 einen Verlust von fast 42 Mrd. Dollar (36 Mrd. Euro) und dürfte noch jahrelang viel Geld verbrennen.
Um Investoren zu gewinnen, will Anthropic nach Angaben des „Wall Street Journal“ mit einem sogenannten „Total Addressable Market“ von mehr als 30 Bio. Dollar (25,7 Bio. Euro) werben. Gemeint ist damit die geschätzte Gesamtgröße des Marktes, den das Unternehmen theoretisch adressieren kann, nicht der Umsatz, den Anthropic selbst erwartet.