Weltweiter Ausverkauf von Anleihen setzt Europas Schuldenmärkte unter Druck. Anleger fürchten steigende Inflation, höhere Defizite und Staatsverschuldung.
Die Finanzierungskosten in einigen der größten europäischen Volkswirtschaften sind auf den höchsten Stand seit mehr als fünfzehn Jahren gestiegen, denn ein erneuter Ausverkauf an den weltweiten Anleihemärkten nimmt Fahrt auf.
Die Turbulenzen an den Bondmärkten trieben die Referenzrendite deutscher Staatsanleihen am Dienstag auf ein Fünfzehn-Jahres-Hoch. Auch Frankreich, Italien und die Niederlande verzeichneten ähnlich starke Anstiege.
Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe kletterte laut Trading Economics am Dienstag über 3,36 %. Später gab sie etwas nach und lag bei rund 3,34 %.
Anleiherenditen bewegen sich entgegengesetzt zu den Kursen. Wenn Anleger Anleihen abstoßen, fallen die Preise. Da die fest vereinbarten Zinszahlungen im Verhältnis zu diesem niedrigeren Preis mehr wert sind, steigt die effektive Rendite.
Vereinfacht gesagt: Je mehr Anleihen verkauft werden, desto teurer wird es für Staaten, sich zu verschulden.
Staatsanleihen geraten erneut unter Druck. Höhere Ölpreise und zunehmend entschlossene Signale großer Zentralbanken nähren die Erwartung, dass die Zinsen länger hoch bleiben.
Die Rendite der dreißigjährigen Bundesanleihe sprang über 3,84 % und erreichte ebenfalls den höchsten Stand seit 2011. Die Rendite der französischen zehnjährigen OAT legte auf den höchsten Wert seit November 2008 zu und lag am Dienstag gegen 10.45 Uhr MESZ leicht über 4,215 %. Die entsprechende italienische Rendite lag zur gleichen Zeit etwas niedriger bei 4,188 %.
Zur selben Zeit stieg die Rendite der niederländischen zehnjährigen Staatsanleihe auf 3,43 %, den höchsten Stand seit Mai 2011. Die spanische zehnjährige Rendite kletterte über 3,80 % und markierte den höchsten Wert seit November 2023.
Anleger fürchten, dass steigende Energiepreise die Inflation weltweit weiter anheizen. Das könnte Zentralbanken in den USA, Japan und der Eurozone zu weiteren Zinserhöhungen veranlassen.
Im Euroraum bestätigten neue Schnellschätzungen diese Sorgen. Nach Daten von Eurostat lagen die Energiepreise im August 14,3 % höher als ein Jahr zuvor. Das trieb die Inflation im Euroraum auf 3,3 % im August, nach 2,9 % im Juli. Sie liegt damit deutlich über dem 2 %-Ziel der EZB.
Die Europäische Zentralbank kommt in der kommenden Woche zu ihrer nächsten Zinssitzung zusammen. Die meisten Investoren rechnen mit einem Zinsschritt um 25 Basispunkte.
Leo Barincou, leitender Ökonom bei Oxford Economics, sagte: „Da die Inflation weiterhin beschleunigt, ist ein Zinsschritt der EZB bei der Sitzung in der nächsten Woche so gut wie sicher, ganz im Einklang mit unseren Erwartungen.“
Mit Blick auf die größten Volkswirtschaften Europas sehen Analysten die Entwicklung der Bundesanleihe weitgehend im Einklang mit globalen Referenzwerten. Frankreich trägt dagegen einen zusätzlichen Risikoaufschlag, bedingt durch die politische Lage und die angespannte Haushaltslage.
Die französischen zehnjährigen Refinanzierungskosten lagen über weite Teile des Sommers über denen Italiens. Frankreich rückt damit zunehmend an die Stelle Italiens als Hauptsorge der Märkte für europäische Staatsverschuldung.
Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds dürfte die Bruttostaatsverschuldung Frankreichs in diesem Jahr auf 118,4 % des BIP steigen und 2027 120,5 % erreichen. Frankreich weist damit derzeit die dritthöchste Schuldenquote in der EU auf, nach Griechenland und Italien.
Die Banque de France erwartet, dass das Haushaltsdefizit in diesem Jahr 5,2 % des BIP erreicht. Schwierige Haushaltsverhandlungen im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2027 nähren Zweifel, ob die Regierung diesen Trend umkehren kann.
Robert Timper, Chefstratege für festverzinsliche Wertpapiere beim Analysehaus BCA, sagte bereits früher gegenüber Euronews Business: „Wir vertreten seit einiger Zeit die Auffassung, dass Frankreich im Euroraum das Land mit der am wenigsten tragfähigen Fiskalperspektive ist und dass sich dies in seinen Finanzierungskosten widerspiegeln sollte.“
„Um wieder auf einen tragfähigen fiskalischen Pfad zu kommen, muss Frankreich tiefgreifende Reformen angehen, die unpopulär sein werden, weil sie Sozialleistungen kürzen“, so Timper weiter. „Für solche Reformen ist eine breite politische Mehrheit nötig – oder ein Aufruhr an den Anleihemärkten wird die Reformen erzwingen.“
Weltweiter Anleihe-Ausverkauf
Die Erwartung dauerhaft hoher Inflation und steigender Finanzierungskosten trieb auch die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe auf den höchsten Stand seit Januar 2025. Am Dienstag lag sie bei rund 4,78 %.
In den USA verschärfen höhere Energiepreise eine ohnehin hartnäckige Inflation, die deutlich über dem 2 %-Ziel der Federal Reserve bleibt. Die Teuerung dämpft die Konsumausgaben und das Vertrauen der Verbraucher und erschwert der Notenbank ihre Zinsentscheidungen.
Nach Angaben von Bloomberg erhöhten Händler die Wahrscheinlichkeit einer US-Zinserhöhung im September auf etwa 70 %. Damit setzten sie eine Neubewertung fort, die bereits in der vergangenen Woche begann, als Fed-Chef Kevin Warsh seine Entschlossenheit bekräftigte, die Inflation zu bekämpfen.
Der Ausverkauf weitete sich auch auf Asien aus. In Japan stieg die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe erstmals seit 1996 auf 3,00 %.
Staatsanleihen galten lange als sicherer Hafen in unsicheren Zeiten.
Diese Rolle steht nun auf dem Prüfstand. Anleger sorgen sich, dass globale Konflikte und höhere Energiepreise eine längere Phase der Stagflation auslösen könnten – eine Kombination aus hoher Inflation und schwachem oder gar keinem Wirtschaftswachstum.