Anthropic liegt im Rennen um den Börsengang offenbar vor OpenAI. Der Prospekt deutet darauf hin, dass ein Schwergewicht der Branche als erstes großes KI-Unternehmen an die Börse gehen könnte.
Das KI-Unternehmen Anthropic steuert auf sein Börsendebüt an der Wall Street zu. Das markiert das nächste Kapitel in seinem Aufstieg von einem kaum bekannten Forschungslabor zu einem der weltweit höchstbewerteten KI-Konzerne mit einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar (840 Milliarden Euro).
Anthropic teilte am Montag mit, es habe bei der US-Börsenaufsicht SEC einen vertraulichen Antrag auf einen Börsengang seiner Stammaktien eingereicht.
„Damit haben wir die Option, nach Abschluss der SEC-Prüfung an die Börse zu gehen“, erklärte Anthropic in einer kurzen Mitteilung. „Der geplante Börsengang hängt von den Marktbedingungen und anderen Faktoren ab.“
Das Unternehmen betonte, die Anzahl der auszugebenden Aktien und deren Preis stünden noch nicht fest.
Hier sind fünf Punkte, die Anleger über den möglichen Börsengang und die Wettbewerber des Unternehmens wissen sollten.
1. Anthropic hat Chance, OpenAI zuvorzukommen
„Ich glaube, wir sind alle davon ausgegangen, dass OpenAI zuerst geht. Deshalb kam das ein wenig überraschend“, sagte Patrick Corrigan, Jura-Professor an der University of Notre Dame, der Börsengänge erforscht.
„Börsenanleger werden die beiden ungefähr zur selben Zeit vergleichen. Das verschafft Anthropic einen gewissen Vorteil als Erster am Markt“, so Corrigan.
Anthropic entstand 2021, gegründet von früheren Führungskräften von OpenAI. Sowohl Anthropic als auch OpenAI und Elon Musks Raketen- und KI-Konzern SpaceX gelten nun als heiße Kandidaten für einen Börsengang.
OpenAI gab zuletzt im März an, nach einer Finanzierungsrunde über 122 Milliarden Dollar auf eine Bewertung von 852 Milliarden Dollar zuzusteuern. Pläne für einen Börsengang hat das Unternehmen bisher nicht öffentlich gemacht.
SpaceX wurde im vergangenen Jahr noch mit 800 Milliarden Dollar bewertet. Nach der Fusion des Raumfahrtunternehmens mit Musks KI-Firma xAI im Februar stieg der Wert jedoch auf 1,25 Billionen Dollar. Musk hat kürzlich einen der größten Aktienverkäufe der Geschichte angekündigt und kann das Paket schon in dieser Woche Investoren anbieten.
2. Bewertung des Unternehmens
Anthropic erklärte vergangene Woche, es habe in privaten Finanzierungsrunden 65 Milliarden Dollar eingesammelt. Das entspricht einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar und macht den erst fünf Jahre alten Entwickler des Chatbots Claude zu einem der wertvollsten Start-ups der Welt.
Mit dieser Runde liegt Anthropic nach den bislang bekannten Zahlen höher bewertet als OpenAI – und führt damit das Rennen um den ersten Börsengang an.
3. Was Anleger kaufen
Anthropic gibt an, auf hochgerechnete Jahresumsätze von 47 Milliarden Dollar zu kommen. Das Geld stammt aus dem Verkauf seiner Technologie an Privatkunden und Unternehmen, die Claude zum Programmieren und für andere berufliche oder private Aufgaben einsetzen.
Die wachsende Beliebtheit von Claude setzt OpenAI unter Zugzwang. Dabei hatte OpenAI mit ChatGPT früh einen Namen geschaffen, der den kommerziellen KI-Boom überhaupt erst auslöste.
Vergangene Woche brachte Anthropic zudem sein neuestes KI-Modell Claude Opus 4.8 auf den Markt. Das Unternehmen wirbt damit, dass es beim Programmieren und bei anderen professionellen Aufgaben noch leistungsfähiger ist als die Vorgängerversionen.
IDC-Analyst Tim Law meint, es sei „gesund“ für die KI-Branche, wenn diese Unternehmen künftig Quartalszahlen vorlegen und zumindest einen Teil ihrer Investitionen in neue Technologien offenlegen müssen.
„Wir halten sie für sehr gereifte Organisationen, aber sie mussten in extrem kurzer Zeit erwachsen werden“, sagte er.
4. Globaler IPO-Markt zieht an
Der Schritt von Anthropic kommt zu einem Zeitpunkt, an dem der weltweite Markt für Börsengänge wieder deutlich anzieht und das Interesse der Anleger an Technologiewerten hoch bleibt.
Laut einem aktuellen Bericht von KPMG nahmen Unternehmen im ersten Quartal 2026 weltweit 42,6 Milliarden Dollar über 251 Börsengänge ein. Das sind 45 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, obwohl die Zahl der Transaktionen um 15 Prozent zurückging. Die Zahlen deuten darauf hin, dass Investoren auf weniger, dafür deutlich größere Börsengänge setzen.
KPMG rechnet damit, dass vor allem Unternehmen aus den Bereichen Künstliche Intelligenz und Raumfahrttechnologie zu den wichtigsten Treibern der IPO-Aktivität im weiteren Jahresverlauf gehören.
Wedbush-Securities-Analyst Dan Ives sprach von einem wichtigen Schritt für Anthropic, um OpenAI zu überholen, und von einer „Öffnung der Schleusen für den IPO-Markt, der in den vergangenen Jahren relativ stillstand und nun mit diesen drei großen Konglomeraten, die noch in diesem Jahr an die Börse gehen sollen, wieder in Fahrt kommt“.
Corrigan sieht im Wettlauf zwischen Anthropic, OpenAI und SpaceX Parallelen zum Ansturm der Start-ups auf die Börse in den frühen Jahren des Internets.
Einige dieser Firmen – etwa Amazon – entwickelten sich prächtig. Andere scheiterten im Dotcom-Crash spektakulär, hinterließen aber dennoch Technologien, die Gesellschaft und Arbeitswelt veränderten.
„Wo es Spekulation gibt, gibt es meist auch Substanz und tragfähige Geschäftsmodelle“, sagte Corrigan.
„Die Frage ist, ob die Preise, die Anleger am Ende zahlen, noch zur Substanz und zu den Fundamentaldaten dessen passen, was KI in der realen Wirtschaft und als Geschäftsmodell leisten kann.“
5. Börsengang als Test für mögliche KI-Blase
Anthropic, OpenAI und xAI investieren enorme Summen und haben nachhaltige Gewinne bisher nicht nachgewiesen. Das schürt Sorgen vor einer möglichen KI-Blase.
Zu diesen Sorgen sagt Law, der zu Beginn des Jahrhunderts beim Internetunternehmen VerticalNet die Dotcom-IPO-Welle miterlebt hat: Es gebe genügend Belege in den heutigen Produkten der KI-Start-ups, dass sie nicht nur in Richtung Profitabilität unterwegs seien, sondern auch in Richtung „Artificial General Intelligence“ – also einer KI, die Aufgaben so gut oder besser erledigt als Menschen.
„Es gibt einige Skeptiker, was die Nachfrage angeht. Ich bin überzeugt, dass die Nachfrage da ist und weiter wachsen wird“, sagte Law. „Diese Finanzierungsrunde könnte der Baustein sein, der uns den letzten Sprint in Richtung AGI ermöglicht.“