Patti Smith stellte bei der offiziellen Eröffnung des Pavillons des Heiligen Stuhls Texte und Hymnen der Benediktinerin Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert vor.
BERICHT AUS VENEDIG: Giorgos Mitropoulos
Eine beinahe mystische Performance in der Kirche Santa Maria di Nazareth boten Patti Smith und das Soundwalk Collective (Quelle auf Griechisch), zur offiziellen Eröffnung des Pavillons des Heiligen Stuhls des Vatikans bei der 61. Biennale von Venedig.
Die rund halbstündige Veranstaltung, entstanden in Zusammenarbeit mit Onassis Culture, umfasste drei eigens für diesen Anlass geschaffene Werke. Die Texte und Hymnen, die die große US-Songpoetin sang, stammen von der heiligen Hildegard von Bingen, einer Benediktinerin des zwölften Jahrhunderts, Dichterin, Heilkundigen und Komponistin.
Ihr Kloster liegt in Deutschland und ist bis heute aktiv. 30 Nonnen folgen ihren Lehren, singen und pflegen die Gärten. Hildegard von Bingen und ihr Werk haben viele Komponistinnen und Komponisten, Musikerinnen und Musiker inspiriert. Sie gilt als eine der bekanntesten Schöpferinnen geistlicher einstimmiger Musik und als die am häufigsten aufgenommene Komponistin der modernen Geschichte.
Die Veranstaltung fand im Rahmen der Ausstellung des Pavillons des Heiligen Stuhls des Vatikans statt, die den Titel „Das Ohr ist das Auge der Seele“ (The Ear is the Eye of the Soul) trägt. Das Konzept dieser Ausstellung passt perfekt zur kuratorischen Vision von Koyo Kouoh für die diesjährige Biennale, die auf Entschleunigung und eine abgestimmte Hinwendung zu leiseren Tönen setzt.
Im Pavillon nimmt diese Idee die Form eines Hörgebets an. Es ist eine Einladung zu einem kontemplativen Akt des Zuhörens, der sich vom Leben und vom Erbe der heiligen Hildegard von Bingen inspirieren lässt.
Die Ausstellung im Pavillon des Vatikan wurde von Hans Ulrich Obrist und Ben Vickers kuratiert und entstand in Zusammenarbeit mit dem Soundwalk Collective. Sie ist in zwei Räumen in Venedig zu sehen: im geheimen Garten der Unbeschuhten Karmeliten in Cannaregio und im Komplex Santa Maria Ausiliatrice in Castello.
Sie umfasst insgesamt 24 neue, eigens in Auftrag gegebene Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern. Unter ihnen sind Jim Jarmusch, Brian Eno, FKA twigs, Kali Malone und Meredith Monk.
21 der Arbeiten im Vatikan-Pavillon bestehen aus Klang. Im geheimen Garten erleben die Besucherinnen und Besucher eine nachdenkliche Hörerfahrung. Sie durchqueren den wunderschönen Garten mit Kopfhörern und hören die neuen Stücke, die das Soundwalk Collective zu einem gemeinsamen Klangteppich verwoben hat.
Unmittelbar nach der musikalischen Darbietung mit Patti Smith konnten wir mit Stephan Crasneanscki sprechen, dem kreativen Kopf des Soundwalk Collective:
„Wir wollten ein Hörgebet zur Einweihung des Pavillons des Vatikans schaffen – als Hommage an Hildegard von Bingen. Wir haben hier eine Klangausstellung eingerichtet, die ein Kloster in einen Park verlegt. Hier gibt es noch immer die Heilmittel und Pflanzen Hildegards. Deshalb wollten wir in der Klosterkapelle eine Widmung an Hildegard gestalten und zugleich den Vatikan-Pavillon eröffnen. Im Rahmen des Pavillons und der Biennale von Venedig bieten wir einen Raum für Besinnung.“
„Ich komme aus der Welt des Klangs. Ich beschäftige mich seit 30 Jahren damit. Deshalb herrscht um diesen Pavillon ein unglaublicher Enthusiasmus. Es ist so großartig, denn der Klang stand bislang immer im Schatten. Er diente dem Bild oder spielte eine zweite Rolle neben etwas anderem. Klangkunst und Sound sind nie wirklich so gewürdigt worden, wie sie es verdienen. Und hier, in diesem Garten, gibt es plötzlich nichts anderes als Klang. Und der Klang ermöglicht eine völlig neue Erfahrung. Man sieht kein Kunstwerk, kein Gemälde, nichts dergleichen, es gibt nur die Natur – und sie trägt den Klang. Er entfaltet seine volle Kraft und wird selbst zum eigentlichen Gegenstand der Hommage.“
„Hildegard von Bingen richtet den Blick vor allem auf Musik, Gesang und Natur. Dafür verwendete sie das Wort Viriditas. Es beschreibt die Idee der grünen Kraft, der Lebendigkeit und des gegenwärtigen Seins, durch das sich die Welt vor uns entfaltet. Sie nutzte Gesang, Gärten und Natur, um uns zu erden und uns in die Gegenwart zu holen.
Und mit dem Hörgebet, das wir mit Patti Smith geschaffen haben, wollten wir diese kontemplative Stimmung ausweiten und ein Öffnen des Herzens ermöglichen.“
Soundwalk Collective ist ein internationales, experimentelles Klangkunstkollektiv, das 2001 von Stephan Crasneanscki gegründet wurde; 2008 kam Simone Merli dazu. Die Gruppe hat ihren Sitz in Berlin und New York. Sie hat bereits mehrfach mit Patti Smith zusammengearbeitet:
„Mit Patti Smith verbindet uns eine langjährige Zusammenarbeit, die nun seit fast 15 Jahren besteht. Wir haben uns zufällig in einem Flugzeug getroffen und empfanden das als Fügung. Seitdem haben wir viele Male zusammengearbeitet. Als sich die Möglichkeit ergab, für den Vatikan zu arbeiten, habe ich Patti sofort angerufen, ihr dieses Projekt vorgeschlagen und sie eingeladen, Teil der Künstlergruppe zu werden, die daran mitwirkt.
Als wir in diesen Garten kamen und am Ende dieses kleine Santa-Maria-Kapellchen sahen, rief ich Patti an und sagte zu ihr: ‚Das ist deine Kapelle. Hier müssen wir deine Stimme aufnehmen und dein Werk entwickeln.‘ Wir haben dann in New York aufgenommen und eine Hommage an die Jungfrau Maria geschaffen, in der Patti zu Maria wird. Sie verkörpert diese Gestalt als Frau, als Mutter.“
Was bleibt den Besucherinnen und Besuchern des Pavillons?
„Der Geist Hildegards. Das ist unsere Idee, darauf basiert die gesamte Gestaltung des Rundgangs durch den geheimen Garten. Es ist, als würde man in eine andere Zeit und einen anderen Raum eintreten, in Klang und Musik. Doch Klang kennt keine Zeit. Klang ist immer da. Das Geräusch des Meeres war lange vor uns hier und wird auch lange nach uns da sein. Klang folgt nicht unserer Zeit. Wir haben die Zeit erfunden, der Klang kennt sie nicht.“
Die Performance von Patti Smith mit dem Soundwalk Collective fand am Freitag, dem 8. Mai, in der Kirche Santa Maria di Nazareth in Venedig statt.
Am 26. Oktober werden sie auch in Athen zu erleben sein: Gemeinsam mit Jim Jarmusch bereiten sie dort ein besonderes Projekt vor, organisiert vom Kulturzentrum „Stegi“ der Onassis-Stiftung.