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Nach 49 Jahren Kampf: Spanien wird Vorreiter der LGBTIQ+-Integration, so war die erste Demo

Erste LGBTI-Demonstration Spaniens, Barcelona, 26. Juni 1977
Erste LGBTI-Demonstration in Spanien, Barcelona, 26. Juni 1977 Copyright  Fotógrafa Isabel Steva (Colita) - x.com Museo Reina Sofía
Copyright Fotógrafa Isabel Steva (Colita) - x.com Museo Reina Sofía
Von Jesús Maturana
Zuerst veröffentlicht am
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Im Jahr 1977, zwei Jahre nach Francos Tod, setzte eine Gruppe von Aktivist:innen auf den Ramblas von Barcelona nach Jahren im Verborgenen ein Zeichen für Spaniens LGTBIQ+-Bewegung.

Mehr als 4 000 Menschen machten sich auf den Ramblas auf den Weg. Sie gingen langsam, sich des Gewichts jedes einzelnen Schritts bewusst. Sie wussten, dass das, was sie taten, neu, riskant und zugleich unausweichlich war.

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Sie hatten seit Jahren im Verborgenen gelebt und ihre Identities unter der Franco-Diktatur versteckt, unter Gesetzen, die sexuelle Dissidenz kriminalisierten. An jenem Junisonntag traten sie zum ersten Mal ins Licht. Ihr Motto war auf Katalanisch – eine schlichte, aber klare Existenzbehauptung:

  • „Nosaltres no tenim por, nosaltres som“, auf Deutsch: „Wir haben keine Angst. Wir sind.“

Es war, ohne dass sie es damals wussten, die erste LGTBIQ+-Pride-Demonstration in der Geschichte Spaniens. Die Welt, die sie hinter sich ließen, sollte nie wieder ganz dieselbe sein.

Raus aus der Illegalität

Um die Tragweite jenes 26. Juni zu begreifen, muss man den Kontext kennen. Vier Jahrzehnte lang verfolgte das Franco-Regime homosexuelle und trans Personen systematisch. Zunächst stützte es sich auf die Ley de Vagos y Maleantes (1954), später auf die Ley de Peligrosidad y Rehabilitación Social (1970).

Diese Normen erlaubten den Gewahrsam in speziellen Gefängnissen oder psychiatrischen Einrichtungen für jede Person, deren sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität als Bedrohung der „moralischen Ordnung“ galt. Homosexualität war nicht nur ein Tabu, sie war ein Verbrechen.

Franco starb im November 1975. Spanien holte vorsichtig Luft. Die ersten demokratischen Wahlen fanden nur zwei Wochen nach jenem Marsch statt, am 15. Juni 1977.

Das Land befand sich mitten in der Transición, einer Zeit fragiler Hoffnung und sich verschiebender Grenzen. In diesem Klima entschied der LGTBIQ+-Kollektiv, dass es Zeit war, die Straße zu besetzen.

Die Fotografin Colita Isabel Steva, eine der großen visuellen Chronistinnen des damaligen Barcelona, war dabei. Ihre Kamera hielt einen der ikonischsten Momente der spanischen Sozialgeschichte fest: eine Gruppe von Transfrauen an der Spitze des Zuges, mit erhobenem Arm und Stolz im Gesicht. Dieses Bild eröffnet diesen Artikel und bündelt in einem einzigen Augenblick Jahrzehnte der Repression und den Entschluss, nicht länger zu schweigen.

Ein Kampf, der auf den Ramblas begann

Die Demonstration von 1977 war ein Anfang, kein Zielpunkt. Die folgenden Jahre prägten ständige Mobilisierung und mühsam erkämpfte, oft langsame Erfolge.

1979 strich der Gesetzgeber Homosexualität aus der Ley de Peligrosidad y Rehabilitación Social. Ein grundlegender, wenn auch unvollständiger Schritt. Die gefestigte Demokratie und die Verfassung von 1978 eröffneten den juristischen Weg, doch gesellschaftliche Vorurteile hielten sich viel länger. Die HIV-/Aids-Epidemie, die Spanien in den achtziger Jahren hart traf, brachte zusätzliches Stigma und Schmerz. Zugleich stärkte sie die Selbstorganisation des Kollektivs und machte den Bedarf an Gesundheits- und Anerkennungspolitik noch sichtbarer.

1995 strich das Strafgesetzbuch Homosexualität als strafverschärfenden Umstand aus sämtlichen Delikten. Ein Jahr zuvor, 1994, hatte in Madrid der erste große Pride-Marsch stattgefunden, der sich mit der Zeit zu einem der größten der Welt entwickeln sollte. 1998 erkannte die Comunidad de Madrid eingetragene Partnerschaften unabhängig vom Geschlecht der Partnerinnen und Partner an – ein Schritt, dem andere Autonomieregionen nach und nach folgten.

Meilenstein 2005: Spanien übernimmt die Vorreiterrolle

Am 30. Juni 2005 wurde Spanien zum dritten Land der Welt nach den Niederlanden und Belgien, das die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnete, inklusive Adoptionsrecht. Das vom damaligen Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero vorangetriebene Gesetz 13/2005 markierte einen historischen Wandel und katapultierte Spanien an die Spitze der LGTBIQ+-Rechte weltweit.

Der Weg verlief nicht ohne Widerstände. Die politische Rechte und Institutionen wie die katholische Kirche zogen vor das Verfassungsgericht, das erst 2012 entschied und die vollständige Verfassungsmäßigkeit bestätigte. In der Zwischenzeit hatten sich bereits Tausende gleichgeschlechtliche Paare das Ja-Wort gegeben, Familien gegründet und Leben aufgebaut, die der Staat vollständig anerkannte.

Jüngste Fortschritte: Identität, Vielfalt und neue Rechte

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich ein immer dichteres Schutznetz aus Gesetzen entwickelt. 2023 trat das sogenannte Trans-Gesetz in Kraft. Es erlaubt jeder Person ab 16 Jahren, den im Personalausweis eingetragenen Geschlechtseintrag in einem einfachen Verwaltungsverfahren zu ändern – ohne medizinische Diagnose und ohne Operation. Es zählt zu den fortschrittlichsten Regelungen Europas zur Geschlechtsidentität.

Spanien verfügt heute über Gesetze gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität im Arbeitsleben. Mehrere Autonomieregionen haben eigene Schutzgesetze verabschiedet. Der Pride in Madrid, der jedes Jahr rund um das letzte Juniwochenende stattfindet, zieht regelmäßig mehr als eineinhalb Millionen Menschen aus aller Welt an und zählt zu den größten Events des Planeten.

Ein verändertes Land, eine bleibende Schuld

Europäische Umfragen zur gesellschaftlichen Akzeptanz sehen Spanien konstant unter den tolerantesten Ländern des Kontinents, was sexuelle und geschlechtliche Vielfalt betrifft. Laut Eurobarometer sind mehr als 80 % der spanischen Bevölkerung der Meinung, dass Homosexualität in der Gesellschaft frei akzeptiert werden sollte – einer der höchsten Werte in der Europäischen Union.

Trotzdem ist die Arbeit nicht abgeschlossen. LGTBIfobische Übergriffe passieren weiter. Trans Personen erleben weiterhin Diskriminierung bei Arbeitssuche und Gesundheitsversorgung. LGTBI+-Jugendliche bleiben eine besonders verletzliche Gruppe, die häufig Schulmobbing und Konflikte im familiären Umfeld erleiden. Rechtliche Gleichstellung bedeutet noch keine reale Gleichheit.

Darum feiert jede Person, die im Juni auf die Straße geht – in Barcelona, Madrid, Sevilla, Bilbao und in Hunderten Städten und Dörfern dieses Landes – nicht nur das Erreichte. Sie erinnert auch daran, woher dieser Kampf kommt: von jenen 4 000 Menschen, die an einem Sommer-Sonntag 1977 ohne Angst mit erhobenem Arm über die Ramblas gingen und einfach sagten, dass sie existierten:

„Nosaltres no tenim por. Nosaltres som.“

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