Prof. Dr. Tobias Pflederer von der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie (BGfU) berichtet im Gespräch mit Euronews von der Entdeckung hölzerner Teile eines Schiffswracks im Bodensee und erklärt, was den Fund besonders macht.
Vor Lindau im Bodensee haben Unterwasser-Archäologen hölzerne Teile eines Schiffswracks entdeckt, die offenbar viel älter sind als zunächst angenommen.
"Der Hinweis kam von einem Sporttaucher, der die Gegend gut kennt. Er hatte bereits vermutet, dass es sich um ein Wrack handeln könnte", berichtet der archäologische Forschungstaucher Prof. Dr. Tobias Pflederer auf Nachfrage von Euronews. Er ist im Hauptberuf Kardiologe in Kaufbeuren und Professor an der Uni Erlangen, aber auch Ehrenpräsident der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie (BGfU).
"Spannend war vor allem, dass wir die Holzreste wirklich als Wrack identifizieren konnten. Das war von vornherein ja nicht klar. Es hätten auch andere Holzreste sein können. Nachdem aber mehrere Spanten und Bordwandreste oberflächlich aus dem Seegrund ragten, war die Interpretation schnell klar", erklärt Pflederer.
Ein Spant ist ein tragendes Bauteil eines Bootes, eines Schiffes oder eines Flugzeugs. Miteinander verbundene Spanten bilden - wie Rippen - den Schiffskörper. Die Unterwasser-Archäologen des BGfU hatten zuvor im Bodensee und auch im Chiemsee schon mehrere - deutlich schwerere - Einbaum-Boote gefunden, von denen einige im Deutschen Museum in München ausgestellt sind.
Das jetzt entdeckte mittelalterliche Schiff ist offenbar zwischen acht und zwölf Metern lang. Die Breite seiner Bordwand beträgt etwa drei Meter.
Die Spanten und anderen Holzteile im Bodensee, dem größten Binnengewässer Deutschlands, wurden vor Lindau in der Nähe der Grenze zu Österreich entdeckt. Das gegenüberliegende Ufer gehört zur Schweiz.
Schon im vergangenen Jahr und vor den aktuellen Hitzewellen war der Wasserstand des Bodensees historisch niedrig.
Ein Schiffswrack aus dem späten Mittelalter
Doch wirklich überrascht hat die Unterwasser-Archäologen das Alter des Schiffswracks. "Wir haben eigentlich mit einer neuzeitlichen Datierung gerechnet. Zwar gibt es am Bodensee schon einige Wracks aus dem späten Mittelalter, aber doch nur wenige - bislang 4 Stück. Das Wrack kann daher weitere Aussagen zur Schiffsbauweise und zur Seefahrt auf dem Bodensee im späten Mittelalter beitragen."
Die Analyse einer kleinen Holzprobe - in Abstimmung mit dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege - ergab, dass das Wrack aus der Zeit zwischen 1420 und 1450 n. Chr. stammt, wie auch die Schwäbische Zeitung berichtet.
Unterwasser-Archäologe Pflederer zeigt sich extrem bescheiden: "Bislang haben wir lediglich zwei Tauchgänge durchgeführt und auch nur eine erste Bestandsaufnahme gemacht, sprich Durchführung von Orthofotografien und die Entnahme einer Holzprobe an einem der Spanten. Mittels einer C14-Datierung konnte das Wrack dann eben in das 15. Jh. n. Chr. datiert werden."
Eine Bergung wäre extrem teuer
Anders als beim spektakulären Fund einer Schiffsladung aus der Römerzeit im Neuenburger See in der Schweiz ist eine Bergung des Wracks aus dem Bodensee bislang nicht vorgesehen.
Dazu sagt Tobias Pflederer: "Bergung heißt ja auch immer, dass man die Wrackteile fachgerecht konservieren und erhalten muss. Dies ist eine immens teure Maßnahme. Darüber hinaus ist nichts konservierender und schützender, als wenn man das Wrack unter Wasser und besser noch unter Sedimentabdeckung belässt. Diskutiert wird eventuell eine kleinflächige Grabung, um die Konstruktionweise des Schiffes und dessen genaue Dimensionen identifizieren zu können."
Weitere Informationen zu den Projekten des Vereins an mehreren Seen gibt es auf der Internet-Seite der Bayerischen Gesellschaft für Unterwasserarchäologie(BGfU). Zu dem Verein gehören etwa 100 vorwiegend ehrenamtliche Mitglieder. Darunter sind professionelle Archäologen und ausgebildete Forschungstaucher, aber auch Studierende, erfahrene Sporttaucher und Personen, die Unterwasserarchäologie als Hobby betreiben.