Eine neue Studie zeigt: Einsamkeit kann Binge-Watching in eine Sucht verwandeln. Was harmlos beginnt, endet oft im Zwang, immer weiterzuschauen.
Serien am Stück zu schauen wirkt oft harmlos. Doch wer bis zur Sucht Serien am Stück schaut, fühlt sich häufiger einsam, wie neue Forschung zeigt.
Die Studie im Fachjournal PLOS One zeigt einen Zusammenhang zwischen Einsamkeitund einer Binge-Watching-Sucht. Manche Menschen greifen offenbar zu Serien, um soziale Abkopplung zu kompensieren.
Die Forschenden Xiaofan Yue und Xin Cui von der Huangshan-Universität in China werteten die Antworten von 551 Erwachsenen aus, die sehr viel fernsehen. Alle Teilnehmenden sahen mindestens dreieinhalb Stunden pro Tag und mehr als vier Folgen pro Woche.
Mehr als sechs von zehn Teilnehmenden (334 Personen) erfüllten die Kriterien für eine Binge-Watching-Sucht. Dazu zählten „Fixierung, zunehmender TV-Konsum und negative Folgen für den Alltag“, etwa für Arbeit oder Beziehungen.
In dieser Gruppe korrelierte ausgeprägte Einsamkeit deutlich mit schwererer Sucht. Bei Vielseherinnen und Vielsehern ohne Suchtkriterien zeigte sich dieser Zusammenhang nicht. Das spricht dafür, dass süchtiges Binge-Watching von anderen psychologischen Faktoren getrieben wird.
Warum Menschen Serien am Stück schauen und was das mit Einsamkeit zu tun hat
Die Forschenden untersuchten auch, warum Menschen solche Gewohnheiten entwickeln. Einsamkeit hing eng mit zwei zentralen Faktoren zusammen: Eskapismus und „emotionale Verstärkung“. Das deutet darauf hin, dass einsame Menschen zu Serien greifen, um negative Gefühle zu vermeiden und Trost oder Freude zu finden.
Frühere Studien bringen Einsamkeit mit seelischer Belastung, schlechterem psychischem Wohlbefinden, schwächerer körperlicher Gesundheit und geringerer Lebensqualität in Verbindung.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass Einsamkeit weltweit 16 Prozent der Menschen betrifft und sieht soziale Abkopplung als „ernste Bedrohung für die globale Gesundheit“.
Soziale Isolation und Einsamkeit stehen laut WHO auch mit einem höheren Risiko für Herzkrankheiten, Typ-2-Diabetes, Depression und Angststörungen in Zusammenhang.
Grenzen der Studie
Die Untersuchung zum Binge-Watching hat Grenzen. Sie zeigt einen Zusammenhang, keine direkte Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie kann daher nicht belegen, dass Einsamkeit zu süchtigem Serienschauen führt.
Die Forschenden betrachteten zudem nur Fernsehkonsum. Andere Bildschirmnutzung, etwa Kurzformate wie YouTube oder TikTok, blieb außen vor.
Trotzdem zeigt die Studie, wie übermäßiger Medienkonsum als Bewältigungsstrategie für Menschen dienen kann, die mit sozialer Isolation ringen.
„Diese Studie erweitert das Verständnis von Binge-Watching, indem sie süchtige und nicht-süchtige Formen unterscheidet. Sie zeigt, dass Einsamkeit die Binge-Watching-Sucht deutlich vorhersagt, während Eskapismus und emotionale Verstärkung als doppelte Pfade der Emotionsregulation wirken“, schreiben die Autorinnen und Autoren.
Die Forschenden betonen, es brauche weitere Studien. Sie sollen klären, ob weniger Einsamkeit problematisches Binge-Watching vorbeugen oder lindern kann.