Polens junge Generation zweifelt zunehmend an der Zukunft und immer mehr Männer lassen sich sterilisieren. Für Frauen bleibt ein vergleichbarer Eingriff dagegen praktisch unerreichbar, oft führt der Weg nur ins Ausland. Warum ist dauerhafte Verhütung in Polen so ungleich geregelt?
UN-Prognosen zufolge könnte Polens Bevölkerung bis zum Jahr 2100 stark schrumpfen, möglicherweise auf weniger als 15 Millionen Einwohner. Viele junge Erwachsene gelten deshalb als besonders verunsichert. Sie werden teils als "Weltuntergangsgeneration" oder "Klimakatastrophengeneration" bezeichnet.
Der Bericht "State of the Young 2025" zeigt, dass 15 Prozent der zwischen 1995 und 2006 Geborenen keine Kinder haben und auch nicht planen, jemals Kinder zu bekommen. Dauerhafte Verhütungsmethoden werden deshalb immer beliebter. Besonders die Vasektomie bei Männern gewinnt an Bedeutung. Für Frauen ist ein vergleichbarer Eingriff jedoch nur begrenzt möglich. Eine Sterilisation auf Wunsch ist in Polen verboten.
Fünftausend Vasektomien pro Jahr
Genaue Statistiken gibt es nicht. Die meisten Vasektomien werden privat durchgeführt und tauchen deshalb nicht in den Daten des Nationalen Gesundheitsfonds auf. Schätzungen zufolge werden landesweit dennoch jedes Jahr etwa 5.000 Vasektomien vorgenommen. Der Eingriff wird kommerziell angeboten. Werbung dafür findet sich im Internet und sogar auf Plakatwänden am Straßenrand.
Mateusz Siwik, Inhaber einer Warschauer Vasektomie-Klinik, bestätigt den Trend in einem Interview mit Euronews. "In den letzten Jahren haben wir einen systematischen Anstieg des Interesses an der Vasektomie festgestellt", sagt er. "Die Dynamik liegt bei etwa 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr." Aus seiner Sicht ist das ein schrittweiser Prozess. Er führt ihn vor allem auf bessere Informationen und den Abbau gesellschaftlicher Stereotype zurück.
Nach Siwiks Beobachtung ist das Profil der Patienten sozial vielfältig. Häufig seien es Männer in stabilen Beziehungen. Oft hätten sie bereits zwei oder mehr Kinder und wollten ihre Familienplanung abschließen. "Es sind meist Männer, die sich bewusst gegen eine weitere Familienerweiterung entschieden haben", sagt Siwik.
"Exclusive Menel": eine Entscheidung aus Verantwortung
Ein Beispiel ist Kamil Pawelski, online bekannt als "Exclusive Menel". Der Psychologe und Influencer zum Thema Männlichkeit ließ 2020, zwei Jahre nach der Geburt seines zweiten Kindes, eine Vasektomie durchführen.
"Das war eine Entscheidung, weil ich wusste, dass ich nicht wollte, dass meine Frau eine Hormontherapie macht", sagt Pawelski. Das Paar habe festgestellt, dass sich Hormone negativ auf ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit auswirkten. Gleichzeitig sei beiden klar gewesen, dass sie keine weiteren Kinder wollten.
Pawelski ist in Polen eine bekannte Persönlichkeit. Als er den Eingriff öffentlich machte, stieß er nicht überall auf Verständnis. "Paradoxerweise kam der größte Ärger von der männlichen Seite", sagt er. "Von Frauen habe ich sehr viel Unterstützung bekommen."
Für Pawelski hat der Eingriff auch mit Verantwortung zu tun. "Ich denke, dass das eine sehr männliche Entscheidung ist", sagt er. Gleichzeitig betont er, dass er diesen Schritt niemandem empfehlen würde, der später noch Kinder haben möchte.
Medizintourismus
Im Gegensatz zur Vasektomie ist die Sterilisation bei Frauen "auf Antrag" in Polen verboten. Der Hintergrund ist das Strafrecht. Eine dauerhafte Unfruchtbarmachung kann als schwere Körperverletzung gewertet werden und ist entsprechend strafbar. Erlaubt ist der Eingriff nur aus medizinischen Gründen, etwa wenn eine Schwangerschaft Leben oder Gesundheit der Frau gefährden würde.
Rafał Zadykowicz, Facharzt für Geburtshilfe und Gynäkologie und Berater von WHO und polnischem Gesundheitsministerium, hält die polnische Regelung im europäischen Vergleich für ungewöhnlich streng. "In den meisten westeuropäischen Ländern ist das Verschließen der Eileiter legal", sagt er. Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland seien oft überrascht, wie stark der Zugang in Polen eingeschränkt sei.
Zadykowicz betont, dass es sich um einen medizinisch etablierten Eingriff handelt. Er könne minimalinvasiv durchgeführt werden und sei in vielen Ländern Routine. "In westeuropäischen Ländern wird das oft früh in der Facharztausbildung gelernt", sagt er.
Der eingeschränkte Zugang hat in Polen einen sogenannten Medizintourismus befördert. Viele Patientinnen weichen ins Ausland aus. "Die Patientinnen wissen, dass es schwierig ist, und fragen oft gar nicht mehr", sagt Zadykowicz. Stattdessen suchten sie direkt Kliniken in anderen Ländern.
Polnische Frauen reisen dafür in Nachbarländer wie Deutschland, Tschechien oder die Slowakei. Dort werben Kliniken gezielt auf Polnisch. Teilweise bieten sie Komplettpakete an, inklusive Transport und Unterkunft.
Westeuropa: beides legal, aber Vasektomie häufiger
In Westeuropa sind beide Methoden der Sterilisation legal. Trotzdem wird die Vasektomie häufiger gewählt. Sie gilt als weniger invasiv als eine Eileiterunterbindung. In Frankreich ist die Zahl der Vasektomien nach offiziellen Angaben stark gestiegen. Auch in anderen Ländern nimmt das Interesse zu, wenn auch in unterschiedlichem Tempo. In Italien ist die Nachfrage dagegen weiterhin niedrig.
Laut Daten aus Fachpublikationen ist die Vasektomie in Nordamerika verbreitet. Auch in Ozeanien und Teilen Nordeuropas ist sie häufiger. In einigen Ländern, etwa Kanada, ist sie besonders populär. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern bleibt sie dagegen selten. Für Polen gibt es keine vergleichbaren offiziellen Raten.
Polen im unteren Feld
Die Debatte über Sterilisation hängt in Polen eng mit den niedrigen Geburtenzahlen zusammen. Das Land zählt zu den Staaten mit besonders niedriger Fruchtbarkeitsrate. Nach Angaben des Statistischen Zentralamts sinkt die Bevölkerung weiter. Gleichzeitig geht die Zahl der Kinder und Jugendlichen zurück.
Die Fruchtbarkeitsrate erreichte zuletzt einen historischen Tiefstand. Polen lag 2024 im OECD-Vergleich fast am Ende. In der EU liegt der Durchschnitt ebenfalls niedrig, mit großen Unterschieden zwischen den Mitgliedstaaten.
In Polen gibt es seit Jahren Programme zur finanziellen Unterstützung von Familien, etwa monatliche Zahlungen pro Kind. Dennoch wird kontrovers diskutiert, wie sich die Entwicklung drehen lässt. Eine zentrale Frage bleibt dabei oft unbeantwortet: Warum entscheiden sich Menschen, die grundsätzlich Kinder bekommen könnten, am Ende dagegen?