91 Prozent der Teilnehmer nahmen Testosteron, 79 Prozent Wachstumshormon. Doch die erhoffene Flut neuer Weltrekorde blieb aus – so lief der Wettkampf wirklich.
Las Vegas ist berühmt für seine Inszenierungen, die immer noch eine Spur größer ausfallen. Schwergewichtskämpfe, Megakonzerte, die Formel 1.
Doch die Enhanced Games am Sonntagabend könnten alles bisher Dagewesene übertroffen haben – mit einer eigens gebauten Arena am Strip, Athletinnen und Athleten auf einem Cocktail verbotener Substanzen und dem Versprechen einer Flut gebrochener Weltrekorde. So umstritten und waghalsig war wohl noch keine Show in dieser Stadt.
Die von Milliardären wie Peter Thiel und Donald Trump Jr. finanzierte Veranstaltung inszenierte sich als neues Sportmodell: leistungssteigernde Mittel sollen erlaubt, reguliert und gefeiert werden. Ziel ist es, den menschlichen Körper an seine äußerste Grenze zu treiben.
Die Athletinnen und Athleten kämpften um 250.000 Dollar pro Sieg und um einen Bonus von 1 Million Dollar für einen Weltrekord.
„Wir sind im Mainstream angekommen“, behauptete der Geschäftsführer der Enhanced Games, Maximilian Martin. „Wir bleiben. Wir haben heute Nacht die Welt verändert.“
Für ein Event, das sich selbst an Weltrekorden misst, war das ein gewagter Satz. Denn die Rekorde blieben größtenteils aus.
Was ist passiert?
Die Wettkämpfe des Abends umfassten Schwimmen, Gewichtheben und Leichtathletik. Für den stärksten Auftritt sorgte der griechische Schwimmer Kristian Gkolomeev: Er gewann den 50-Meter-Freistil in 20,81 Sekunden, nur 0,07 Sekunden schneller als der reguläre Weltrekord des Australiers Cameron McEvoy aus dem März dieses Jahres. Gkolomeev strich dafür den Weltrekord-Bonus von 1 Million Dollar ein.
„Das wird mein Leben auf jeden Fall zum Guten verändern“, sagte er.
Offiziell wird diese Bestmarke jedoch nicht anerkannt. Gkolomeev nutzte von der Welt Anti-Doping-Agentur WADA verbotene Mittel und einen untersagten Polyurethan-Anzug. Beides gilt als Leistungsplus von rund zwei Prozent.
Im Netz folgte prompt Widerspruch: Hobby-Ermittlerinnen und -Ermittler auf Instagram behaupteten, Gkolomeev habe die Wand erst berührt, nachdem die 20,81 bereits auf der Anzeigetafel aufgeleuchtet war. Sie zweifelten die Zeitmessung an.
Die Enhanced Games wiesen die Vorwürfe als „völlig haltlosen Internet-Quatsch“ zurück. Die Zeitmessung sei vom Unternehmen Primetime Timing betrieben worden – „ein anerkanntes, seriöses, ISO-zertifiziertes System, das bei zahllosen anderen internationalen Wettkämpfen eingesetzt wird und noch nie infrage gestellt wurde“.
Auf der Bahn lief der US-Sprinter Fred Kerley, der im Vorfeld angekündigt hatte, er werde Usain Bolts Weltrekord von 9,58 Sekunden „zerstören“, die 100 Meter in 9,97 Sekunden. Zum Vergleich: Bei den Olympischen Spielen in Paris vor zwei Jahren lief Kerley 9,81 Sekunden und holte Bronze. Mit 9,97 wäre er damals Letzter im Finale geworden.
Der Lauf wurde allerdings viermal wegen Fehlstarts und eines offenen Schnürsenkels unterbrochen. Kerley, der angab, ohne leistungssteigernde Mittel gestartet zu sein, kassierte trotzdem 250.000 Dollar für seinen Sieg. Für 9,97 Sekunden Arbeit ist das kein schlechter Lohn.
Die Sprinterin Tristan Evelyn aus Barbados, die ebenfalls nach eigenen Angaben ohne Doping antrat, gewann die 100 Meter der Frauen in eher bescheidenen 11,25 Sekunden und sagte danach: „Das zeigt, dass Siegen mehr erfordert als Chemie.“
Der britische Schwimmer und Olympia-Zweite Ben Proud, der mehrere Substanzen einnahm, gewann die 50 Meter Schmetterling in 22,32 Sekunden – nur 0,05 Sekunden über dem Weltrekord. „Wir wissen alle, warum wir hier sind. Und das sind Weltrekorde. So knapp daran vorbeizuschrammen, ist frustrierend“, sagte er.
Angesichts dessen, dass drei Athletinnen und Athleten, die nach eigenen Angaben sauber blieben, ihre Wettkämpfe gewannen, stellen die Resultate das Kernversprechen der Enhanced Games infrage: dass pharmakologische Freiheit übermenschliche Leistungen freisetzt.
Welche Mittel kamen zum Einsatz – und wie?
Die Organisatoren veröffentlichten eine Übersicht über die Substanzen, die die Teilnehmenden in den acht Wochen Vorbereitung einnahmen.
Unter den dopenden Athletinnen und Athleten nutzten 91 Prozent Testosteron oder Testosteron-Ester, 79 Prozent Wachstumshormon, 62 Prozent Stimulanzien wie Adderall und 41 Prozent EPO – jenes Ausdauerpräparat, das seit Jahren mit Doping-Skandalen im Radsport verbunden ist.
Nach Angaben der Veranstalter waren alle Präparate von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen.
Die Muttergesellschaft der Enhanced Games vertreibt viele dieser Mittel auch an die Öffentlichkeit und argumentiert, Verbote würden das Potenzial der Sportlerinnen und Sportler ausbremsen.
Das Internationale Olympische Komitee IOC und die WADA erklärten die Resultate jedoch für unzulässig. Der Schwimm-Weltverband World Aquatics sprach von einem „Zirkus, der auf Abkürzungen beruht“.
Was sagen Gesundheitsexpertinnen und -experten?
Die Fachwelt verfolgt das Geschehen mit einer Mischung aus Alarmiertheit und, mancherorts, widerwilliger Neugier.
Professor Rob Aughey, Leiter des Fachbereichs Sport- und Bewegungswissenschaft an der Federation University Australia, bezeichnete die Veranstaltung als „gefährlichen Stunt, der im Sport keinen Platz hat“. Er warnte vor Risiken wie „Bluthochdruck, gefährlich vergrößertem Herzmuskel, Schäden bis hin zum Versagen von Nieren und Leber, Muskelzerrungen und -rissen“ – sowie vor psychischen Folgen wie „Abhängigkeit, Psychosen, Aggressionen, Stimmungsschwankungen“.
Die Ernährungswissenschaftlerin Dr. Catherine Norton, außerordentliche Professorin für Sport- und Ernährungswissenschaft an der University of Limerick, verwies auf die besondere Gefahr, wenn mehrere Wirkstoffe in hoher Dosierung kombiniert werden. „Das Risiko steigt, wenn Substanzen im Mix eingesetzt werden, oft in Dosen weit jenseits der therapeutischen Empfehlungen – und in einem Umfeld, in dem der Druck, Grenzen ständig zu verschieben, im System selbst angelegt ist.“
Dennoch fordern nicht alle, die Spiele einfach abzubrechen. Der Sportwissenschaftler Kagan Ducker, Programmleiter für Exercise Science an der Curtin University, spricht eine unbequeme Wahrheit an.
„Die Enhanced Games bieten eine einzigartige Gelegenheit zu beobachten, wie illegale Methoden und Substanzen die sportliche Leistung beeinflussen. In Wirklichkeit kennen wir die Effekte vieler dieser verbotenen Mittel und Verfahren auf die Leistungsfähigkeit kaum, weil sie im Sport untersagt sind und dadurch das Forschungsinteresse sowie die Möglichkeit, sie zu untersuchen, eingeschränkt sind.“
Zugleich betont er ein klares ethisches Problem: „Athletinnen und Athleten, von denen viele nur wenig mit ihrem Sport verdienen, mit solchen Angeboten zu locken, gleicht dem Versuch, Menschen aus sozial schwächeren Gruppen mit Geld in riskante Studien zu ziehen – das ist nach jedem Maßstab zutiefst unethisch.“
Wird die Spritze zur Normalität?
Die vielleicht wichtigste Frage nach diesem Sonntagabend lautet: Wie geht es jetzt weiter? Nicht in Las Vegas, sondern in Fitnessstudios, Umkleiden und Feeds in sozialen Netzwerken überall auf der Welt.
Dr. Norton beschreibt die Entwicklung, die ihr am meisten Sorgen bereitet. „Soziale Medien und Fitnesskultur erzeugen schon heute enormen Druck auf Aussehen und Leistung. Wenn körperliche Erscheinungen und Leistungen, die nur mit Hilfe von Substanzen möglich sind, weiter normalisiert oder vermarktet werden, kann das bei jungen Menschen und Freizeitsportlerinnen und -sportlern völlig unrealistische Erwartungen wecken.“
Sie fügt hinzu: „Wir sollten sehr vorsichtig sein, wenn wir Umfelder schaffen, in denen Gesundheit hinter Ästhetik, Viralität oder kurzfristigen Erfolgen zurücksteht. Es besteht ein reales Risiko, dass das Streben nach ‚Optimierung‘ das Wohlbefinden zunehmend verdrängt.“