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Krypto statt Casino? Warum Experten Parallelen zur Glücksspielsucht sehen

Therapiesitzung.
Therapiesitzung. Copyright  Castle Craig.
Copyright Castle Craig.
Von Marcelina Burzec
Zuerst veröffentlicht am
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Jamie Giles ist Therapeut in Schottland und sagt offen, dass er selbst süchtig war. Im Gespräch mit Euronews erklärt er, woran man problematisches Verhalten rund um das Investieren in Krypto-Währung erkennt. Wer ist besonders gefährdet? Wer bietet Hilfe?

Die ersten Konzepte für Digitalwährungen entstanden in den achtziger und neunziger Jahren. Im Jahr 1982 stellte David Chaum ein kryptografisches Bezahlsystem mit sogenannten „blinden Signaturen“ vor. Im Jahr 1997 dann entwickelte Adam Back den Hashcash-Mechanismus, der später in Bitcoin zum Einsatz kam.

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Im Oktober 2008 wurde ein Manifest mit dem Titel „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ veröffentlicht, das ein dezentrales Zahlungssystem beschrieb. Bitcoin startete offiziell im Januar 2009, als die ersten Coins geschürft wurden. Der Handel begann im Mai 2010, als jemand für eine Pizza 10.000 Einheiten Bitcoin bezahlte.

Castle Craig in Schottland, eine der führenden Kliniken zur Behandlung von Suchterkrankungen, bietet spezielle Programme für Menschen an, die ihre Abhängigkeit von Kryptowährungen überwinden wollen. Im Gespräch mit Euronews Health erklärt Jamie Giles, Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group, was problematisches Investieren in Kryptowährungen bedeutet, wer besonders gefährdet ist und wie Betroffene sich selbst oder nahestehenden Personen helfen können.

Castle Craig
Castle Craig TIBERIU VICTOR TAMAS/ttvphoto 2018
Er versucht, seine Ausgaben zu begrenzen, schafft es aber nicht und investiert weiter, obwohl die Schäden für seine Finanzen, seine Beziehungen und sein Wohlbefinden offensichtlich sind.
Jamie Giles
Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group

Euronews Health: Wie würden Sie problematisches Investieren in Kryptowährungen beschreiben? Ähneln die Verhaltensmuster denen beim Glücksspiel?

Jamie Giles: Diese Formen der Abhängigkeit haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede. Eine süchtige Person, die sich zunächst mit Alkohol- oder Drogenproblemen identifiziert, merkt oft, dass sich das problematische Verhalten auf andere Lebensbereiche verlagern kann. Das Problem beim Investieren in Kryptowährungen definiere ich über das Verhalten, nicht über den Vermögenswert. Kryptowährungen an sich, so wie Alkohol, sind nicht das Problem. Viele Menschen investieren in Krypto. Es gibt Leute, die gehen am Freitagabend aus, trinken ein paar Bier mit Freunden und gehen wieder nach Hause. Aber für Menschen mit Sucht ist der Kontrollverlust das eigentliche Problem. Wir sprechen von jemandem, der sich ständig mit Kryptowährungen beschäftigt, sein Engagement immer weiter steigert und unbedingt Verluste wettmachen will. Er versucht, seine Ausgaben zu begrenzen, schafft es aber nicht und investiert weiter, obwohl die Schäden für seine Finanzen, seine Beziehungen und sein Wohlbefinden offensichtlich sind. Eine schlechte Anlageentscheidung ist für sich genommen kein Problem. Problematisch wird es, wenn jemand immer wieder gegen seine innere Stimme an den Bildschirm zurückkehrt, verschweigt, wie viele Trades er tätigt, und sein ganzes Gefühlsleben um den Kurs einer Kryptowährung oder um Gewinn und Verlust herum organisiert. Das liegt auf einem Spektrum zwischen normalem Investieren und zwanghaftem Verhalten. Kryptowährungen stehen wegen ihrer Konstruktion ziemlich genau in der Mitte dieses Spektrums. Sie sind rund um die Uhr verfügbar und nur unzureichend reguliert.

Wenn wir das klinisch als Verhaltenssucht, also als Form der Glücksspielstörung, einordnen, sehen wir, dass Therapien gute Ergebnisse bringen können.
Jamie Giles
Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group

Wurden bereits größere Studien zum Investieren in Kryptowährungen durchgeführt?

Jamie Giles: Es gibt bislang keine klare Diagnose „Kryptoabhängigkeit“ in den internationalen Klassifikationen. Das heißt aber nicht, dass es sie nicht gibt. Die regulatorischen Rahmenbedingungen, die solche Phänomene oft erfassen und so beschreiben, dass Genesung oder zumindest mehr Wissen möglich wird, greifen hier noch nicht richtig. Es gibt jedoch zahlreiche Studien, die auf einen engen Zusammenhang mit Glücksspielstörungen hinweisen. In den USA wurden mehr als 4.000 Personen befragt. Es zeigte sich, dass rund zwei Drittel der Kryptotrader riskantes oder problematisches Glücksspielverhalten aufwiesen. Andere Arbeiten legen nahe, dass problematisches Investieren mit hoher Wahrscheinlichkeit gemeinsam mit Glücksspielstörungen oder einem riskanten Konsum psychoaktiver Substanzen auftritt. Der Stand der Forschung ist: Die Datenlage ist noch nicht eindeutig, das Signal ist aber konsistent. Wenn wir das klinisch und als Verhaltenssucht, also als Form der Glücksspielstörung, behandeln, lassen sich positive Therapieergebnisse erzielen.

Wer ist besonders gefährdet, eine Abhängigkeit zu entwickeln?

Jamie Giles: Menschen, die Kryptowährungen riskant nutzen, sind in der Regel jünger und männlich. Das spiegelt im Grunde das allgemeine Muster im Bereich Krypto und Trading wider. Ein typischer Patient könnte über sich sagen: Schaut, ich bin ein junger Typ, ich bin 25, ich hatte einen guten Job. Am Wochenende habe ich angefangen, Alkohol und Kokain zu nehmen, um einen Weg zu finden, abzuschalten und den Druck der Arbeit loszuwerden. Dieses Verhalten kann ziemlich teuer werden – Kokain ist nicht billig, Alkohol auch nicht –, und die Folgen können erheblich sein. Aber ich arbeite im Finanzbereich und kenne mich etwas mit Kryptowährungen aus. Also kann ich meine Einkünfte vielleicht halten oder Verluste begrenzen, indem ich tagsüber trade, und genau das wird dann selbst zum Problem.

Wenn ich an meine eigene Geschichte denke, würde ich sagen: Meine Hauptsucht ist der Alkohol, aber ich habe auch Schwierigkeiten mit Stimulanzien und dämpfenden Substanzen, um eine vermeintliche Balance zu finden. Und so erleben wir es häufig auch bei anderen Verhaltenssüchten.

Es hei´ßt sehr oft: „Er arbeitet extrem hart, schläft kaum, aber ist sehr erfolgreich“.
Jamie Giles
Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group

Ab wann haben Sie in Castle Craig bemerkt, dass Investitionen in Kryptowährungen zum Problem werden können?

Jamie Giles: Kryptowährungen gibt es seit gut einem Dutzend Jahren, und Satoshi Nakamoto hat Bitcoin im Jahr 2009 geschaffen. Seit einiger Zeit kommen daher Menschen mit solchen Problemen zu uns, aber oft sind sie gut maskiert. Da es eine starke Korrelation zwischen problematischer, schädlicher Nutzung von Krypto und Glücksspiel gibt, hören wir häufig: Ich habe ein Glücksspielproblem, ich gebe Tausende, manchmal Hunderttausende Pfund für Wetten auf Fußball und Pferderennen aus. Ja, ich habe auch in Krypto investiert, aber das ist doch nicht schlimm, denn meine Anlage ist von 10 Pfund pro Coin auf 1.000 Pfund pro Punkt gestiegen, das ist Gewinn, also kein Problem.

Daran müssen wir bei Suchterkrankungen denken. Bei manchen Suchtformen – meist Alkohol oder harte Substanzen wie Kokain oder Heroin – sind die Folgen des Konsums und des problematischen Verhaltens sehr offensichtlich. Bei subtileren Verhaltensweisen wie Krypto-Investments, Glücksspiel oder Arbeit, die Teil des Alltags und des sozialen Umfelds sind, heißt es über Betroffene dagegen oft: Er arbeitet wahnsinnig hart, schläft fast gar nicht, aber ist extrem erfolgreich.

Wie groß ist der Anteil der Menschen, die sich bei Ihnen wegen problematischer Krypto-Investitionen melden?

Jamie Giles: Ich kann keine genauen Zahlen nennen, wie viele Patientinnen und Patienten wir mit einer Kryptoabhängigkeit identifiziert haben, aber es ist kein großer Ausschnitt unserer gesamten Klientel. Unser Schwerpunkt liegt weiterhin auf Abhängigkeiten von psychoaktiven Substanzen – Alkohol, Opiate, Stimulanzien –, doch wir sehen zunehmend auch andere Verhaltenssüchte.

Wie beginnen Sie die Behandlung, wenn jemand mit vielen Problemen kommt?

Jamie Giles: Offenheit und Verständnis sind der erste Schritt. Unser Behandlungsprogramm basiert auf den zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker, die bekannt sind und auf viele andere Formen von Substanzabhängigkeiten und Verhaltenssüchten übertragen wurden. Der erste Schritt besteht darin zu erkennen, dass unser Leben unkontrollierbar geworden ist und dass wir unserer Sucht gegenüber machtlos sind. Das ist ein sehr kraftvoller Anfang. Viele Menschen, die in unsere Klinik kommen, haben sich das insgeheim bereits eingestanden, sonst wären sie nicht in der Entgiftung. Solange wir unsere Probleme aber nicht klar benennen und akzeptieren, dass wir sie nicht allein lösen können, bleiben wir in einer Schleife gefangen: Mein Problem ist, dass ich das Bewusstsein verliere, also muss ich einfach Kokain nehmen.

Eine Person mit problematischem Kryptogebrauch denkt: Mein Problem sind nicht Krypto und mein Verhalten, sondern die Verluste. Ich muss nur beim nächsten Dip kaufen und beim nächsten Hoch verkaufen, dann wird alles gut.

Das Problem eines Alkoholikers ist nicht die Flasche. Das Problem eines Abhängigen ist, dass er Alkohol oder Kryptowährungen benutzt, um eine innere Leere zu füllen. Er versucht, mit etwas Äußerem ein inneres Loch zu stopfen.

Geht diese Form der Abhängigkeit mit seelischem Leid einher?

Jamie Giles: Ja, unbedingt. Wir würden von einer komorbiden Erkrankung oder Doppeldiagnose sprechen, und wir sehen sehr häufig begleitende Angststörungen, Depressionen, Schlafstörungen, extremen Zeitdruck und im schlimmsten Fall akute Krisen – bei Kryptowährungen nach katastrophalen Verlusten bis hin zu Suizidgedanken. Trading kann durch finanzielle Verluste Leid verursachen, es kann aber auch ein Versuch sein, mit bereits vorhandenem Stress umzugehen. Eine Flucht, die Gefühle betäuben soll. Grundsätzlich würde ich nicht sagen, dass Kryptowährungen an sich psychische Erkrankungen verursachen. Ich würde sagen: Zwanghaftes Trading und psychischer Stress verstärken sich gegenseitig, und der finanzielle Aspekt kann die Schäden plötzlich und extrem gravierend machen.

Promi-Empfehlungen, Versprechen vom schnellen Reichwerden, die Angst, etwas zu verpassen … Wir dürfen nicht zulassen, dass Krypto still und leise das Glücksspiel ersetzt. In denselben Stadien und Foren tun wir so, als wäre es etwas völlig anderes.
Jamie Giles
Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group

Sie haben erwähnt, dass der Kryptomarkt nur schwach reguliert ist. Welche präventiven Strategien würden Sie aus Expertensicht vorschlagen?

Jamie Giles: Kryptowährungen könnten grundsätzlich in ähnliche Regelwerke eingebettet werden wie das Glücksspiel. Der Sportbereich ist ein Feld, in dem sich das kaum übersehen lässt. In Großbritannien verschwinden in der Premier-League-Saison 2026/2027 die Logos von Wettanbietern von den Fußballtrikots und hinterlassen eine Lücke von rund 80 Millionen Pfund. Und natürlich drängen Krypto-Firmen sofort in diese Lücke. Rund 70 Prozent der Premier-League-Klubs haben inzwischen einen Krypto- oder Trading-Partner, einige von ihnen verfügen über eine FCA-Autorisierung, stehen im Aufsichtsregister, manche stehen sogar auf der Liste der voll regulierten Anbieter.

Was die Prävention betrifft, würde ich sagen: Entscheidend ist eine klare Botschaft, dass Investieren zwanghaft werden kann.
Jamie Giles
Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group

Diese Produkte werden jungen Zielgruppen verkauft und nutzen Methoden, für die eigentlich eine ausdrückliche Zustimmung nötig wäre – das macht Werbung für Glücksspiel so umstritten. Promi-Testimonials, Versprechen vom schnellen Reichtum, die Angst, etwas zu verpassen … Wir sollten nicht zulassen, dass Kryptowährungen still und leise das Glücksspiel ersetzen. In denselben Stadien und Foren tun wir so, als sei es etwas anderes. Aus Sicht des Verbraucherschutzes, vor allem für eine verletzliche Minderheit, sind Verhalten und Schäden jedoch gleich. Die FCA geht bereits gegen Werbung für Kryptowährungen vor, setzt Regeln gegenüber lizenzierten Sponsoren durch, schränkt junge Zielgruppen ein, verlangt klare Risikohinweise und überträgt bewährte Instrumente aus dem Glücksspiel wie Limits für Einzahlungen oder Verluste sowie Überprüfungen.

In der Prävention wäre aus meiner Sicht eine einfache Botschaft wichtig: Investieren kann zwanghaft werden. Diese Botschaft sollte sich gezielt an junge Männer richten, die wir sonst nicht als besonders gefährdet wahrnehmen.

Früher war Sucht sehr gefährlich und leider von der Erzählung geprägt, sie sei eine Lifestyle-Entscheidung oder Ausdruck moralischer Schwäche. In Wahrheit ist sie eine behandelbare Krankheit.
Jamie Giles
Direktor für Kundenservice bei Castle Craig und der Border Castle Health Group

Was soll ich tun, wenn ich bei mir selbst eine Abhängigkeit von Kryptowährungen bemerke?

Jamie Giles: Wenn Sie das bei sich erkennen, ist das schon die halbe Miete, denn Sucht ist oft von Verleugnung geprägt. Sobald Ihnen bewusst wird, dass Sie ein Problem haben, sollten Sie wissen: Sie sind nicht allein, Sie sind nicht anders, und das macht Sie nicht zu einem schlechten Menschen. Früher war Sucht sehr gefährlich und bedauerlicherweise von der Erzählung umgeben, sie sei eine Lifestyle-Entscheidung oder Ausdruck moralischer Schwäche. In Wirklichkeit ist sie eine Krankheit, die behandelt werden kann. Wir empfehlen immer Ehrlichkeit und die Suche nach Unterstützung. Der erste Schritt ist Ehrlichkeit und die Übernahme von Verantwortung für sich selbst.

Und was, wenn ich den Eindruck habe, dass jemand in meinem direkten Umfeld süchtig nach Krypto-Investments ist?

Jamie Giles: Sucht ist in hohem Maß eine systemische Erkrankung der Familie; sie betrifft nicht nur die abhängige Person, sondern alle um sie herum. Sehr wichtig ist, dass Familien sich nicht allein oder verantwortlich fühlen oder glauben, die Sucht der nahestehenden Person sei der einzige Grund für ihr eigenes Leiden und ihre Gefühle seien nicht wichtig. Es gibt viele Formen der Unterstützung für Familienmitglieder, die mit Sucht konfrontiert sind. Sie sind nicht allein. Wenn es darum geht, einen nahestehenden Menschen zu unterstützen, sind Mitgefühl und Verständnis entscheidend, aber auch gesunde Grenzen. Es geht darum, Betroffenen zu helfen, die Konsequenzen ihres Verhaltens zu verstehen – nicht nur für sie selbst, sondern auch für ihr Umfeld. Vor allem müssen Sie zuerst für sich selbst sorgen. Es gilt dieselbe Regel wie in den Sicherheitsanweisungen der Fluggesellschaften: Setzen Sie zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf und helfen Sie erst dann anderen.

Wenn Sie sofort Unterstützung brauchen und sich in Deutschland befinden, rufen Sie die bundesweite Sucht- & Drogen-Hotline unter 01806 313031 an, täglich erreichbar von 8 bis 24 Uhr für 20 Cent pro Anruf. Oder wenden sich sich an die kostenlose Telefonseelsorge unter 0800 1110111.

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