Gegen das Stigma: Berlins Sexarbeiterinnen gestalten Audioguide-App

Unter dem Alias Emma Pankhurst, bietet die Sexarbeiterin Touren durch Berlin-Schöneberg an.
Unter dem Alias Emma Pankhurst, bietet die Sexarbeiterin Touren durch Berlin-Schöneberg an.   -  Copyright  JOHN MACDOUGALL/AFP or licensors
Von Shafia Khawaja  & Euronews  mit AFP

Sexarbeiterinnen in Berlin haben eine Audioguide-App gestaltet, die die Geschichte der Prostitution in Berlin erzählt. Die Tour führt durch das Rotlichtviertel in Schöneberg. Die Sexarbeiterinnen kämpfen nicht nur mit Stigmatisierung, sondern auch mit den steigenden Immobilienpreisen.

Von der libertären Revolution der Roaring Twenties bis hin zu legalisierten Bordellen - die Geschichte der Prostitution in Berlin lässt sich nun mit einer Audioguide-Tour entdecken.

Der Audioguide ist als mobile App erhältlich und führt durch den Bezirk Schöneberg im Westen der Hauptstadt, der seit der Kaiserzeit als Rotlichtviertel Berlins gilt.

Mit dem Projekt „Wir waren schon immer überall“ wollen Sexarbeiterinnen ihren Beruf von seinem Stigma befreien.

Einer der Initatorinnen, die unter dem Pseudynom Emma Pankhurst auftritt, erklärt dass ein Teil der Tour und des Geschichtsprojekts darauf abzielt, die Darstellung von Sexarbeiterinnen zu ändern:

„Wir verärgern die Menschen, indem wir einfach nur arbeiten, um unsere Familien und unsere Kinder zu ernähren und zu überleben. Wir sind seit Generationen hier, wir gehören hierher und wir verdienen es, hier in Sicherheit zu arbeiten", so Pankhurst, dessen Name eine Hommage an die britische Suffragette Emmeline Pankhurst. Die 35-Jährige hat Tanz studiert, ihren Lebensunterhalt verdient sie jedoch mit der Arbeit in einem Bordell.

In Deutschland ist Prostitution seit 2002 legalisiert. Rund 24.000 sind offiziell als Sexarbeiterinnen registriert. Viele Aktivist*innen sind der Ansicht, dass die Registrierungspflicht einen großen Teil wieder in den Untergrund gedrängt hat. Insgesamt wird die Zahl der Sexarbeiterinnen auf 400.000 geschätzt. Darunter sind viele Migrantinnen aus Osteuropa und Nigeria, die Opfer des Menschenhandels und des organisierten Verbrechens sind.

Solidarität mit der queeren Community

In Schöneburg habe sich die Sexarbeiterinnen-Gemeinschaft zuerst niedergelassen, danach folgte die Schwulengemeinschaft, so Parkhurst. Heute gilt Schöneberg weltweit als eine der Hochburgen queerer Kultur.

Die Tour umfasst die Ära der Weimarer Republik und die Zeit des Nationalsozialismus, als "sexuell Abweichende" in Konzentrationslager geschickt wurden, wo Zwangsprostitution eine gängige Praxis war.

Das Schwule Museum in Schöneberg beteiligte sich an dem Audioguide-Projekt: Die homosexuelle Gemeinschaft "weiß, was es bedeutet, an den Rand gedrängt und aus der Geschichte ausgeschlossen zu werden", meint Birgit Bosold, eine der Leiterinnen des Museums.

"Es gibt eine sehr lange Solidarität zwischen Sex Arbeiterinnen und queeren Menschen insbesondere hier -- der Stadtteil hier ist sehr bekannt als queeres Mekka in der ganzen Welt", fügt Bosold hinzu.

Die AIDS-Epidemie der 1980er und 1990er Jahre erschütterte die Gemeinschaft, und der Fall der Berliner Mauer führte zu einem Zustrom von Prostituierten aus Osteuropa.

In ganz Deutschland hat der Menschenhandel bis 2021 um 10% zugenommen, wobei ein Drittel der Opfer von erzwungener Sexarbeit laut Polizei unter 21 Jahre alt ist.

Forderung nach Entkriminalisierung

Seit 2017 müssen sich alle Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter registrieren lassen, sich regelmäßigen Gesundheitschecks unterziehen und Kondome benutzen.

Viele Aktivistinnen und Aktivisten sind der Ansicht, dass die Registrierungspflicht einen großen Teil der Branche wieder in den Untergrund getrieben hat.

Emma Pankhurst berichtet, dass sie selbst zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, weil sie sich nicht ordnungsgemäß registriert hatte, als sie ihren ehemaligen Arbeitgeber, der sie zu bestimmten sexuellen Handlungen gezwungen hatte, bei der Polizei anzeigte.

Die Entkriminalisierung würde ihrer Meinung nach "die negativen Folgen für alle Opfer von Menschenhandel -- oder Kunden, die einen Verdacht auf Menschenhandel haben -- beseitigen, wenn sie bei der Polizei Anzeige erstatten".

Abigail Goldner-Morris, eine Tour-Teilnehmerin aus Washington D.C., stimmt der Sexarbeiterin zu: „Die Entkriminalisierung ist ganz klar die Antwort, denn dann muss man sich keine Sorgen mehr machen, dass man illegal ist, selbst an einem Ort, an dem Sexarbeit legalisiert ist. Das bedeutet das nicht, dass es keine Sicherheit am Arbeitsplatz gibt oder der Menschenhandel legalisiert wird. Es bedeutet, dass die Menschen autonom entscheiden können, was sie mit ihrem Körper machen“.

Die Sexarbeiterinnen werden durch die steigenden Immobilienpreisen aus ihren Vierteln gedrängt. 

Emma Pankhurst hofft aber, dass die Führung dazu beitragen wird, den Dialog mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zu fördern.