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Euronews Culture: Filmtipp der Woche: Orwell: 2+2=5 – beklemmend, unverzichtbar

Orwell: zwei plus zwei sind fünf
Orwell: Zwei plus zwei ergibt fünf. Copyright  Le Pacte - Velvet Film
Copyright Le Pacte - Velvet Film
Von David Mouriquand
Zuerst veröffentlicht am
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Raoul Peck verknüpft George Orwells Tagebuchnotizen mit heutigen totalitären Regimen und schafft so einen der drängendsten Dokumentarfilme dieses Jahrhunderts.

„Big Brother sieht dich.“

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Wer die letzten Jahre nicht selig im Koma lag, hat gemerkt, dass der allgegenwärtige Satz aus George Orwells dystopischem Roman „1984“ ebenso wie seine Begriffe „Neusprech“ und „Doppeldenk“ längst über den Status von Popkultur-Referenzen hinausgewachsen sind. Sie werden in unserer Realität immer bedeutsamer.

Mit seinem neuen Dokumentarfilm Orwell: 2+2=5 verknüpft der renommierte Regisseur Raoul Peck Orwells Leben und Texte mit Archivmaterial und aktuellen Nachrichtenbildern. So führt er dem Publikum vor Augen, dass die orwellschen Begriffe zwar längst zum Alltag gehören, wir aber noch immer nicht ganz begreifen, wie sehr der Albtraum von „1984“ Wirklichkeit geworden ist.

Ähnlich wie vor zehn Jahren, als er aus den Worten des verstorbenen James Baldwin eine vielschichtige Chronik der Geschichte des Rassismus in den USA schuf (I Am Not Your Negro), spielt Peck hier mit der Chronologie. So unterstreicht er Zeitlosigkeit und Weitsicht von Orwells Prosa. Eine Stimme aus der Vergangenheit, die heute nachhallt. Der Regisseur verbindet Tagebucheinträge, Essays und Briefe Orwells – gesprochen von „Homeland“-Star Damian Lewis – mit Fotos, Filmaufnahmen und aktuellen Nachrichtenschnipseln. So zeigt er, wie die Vergangenheit die Gegenwart erhellen kann. Noch beunruhigender legt Peck offen, dass uns das Handbuch des Totalitarismus längst vorliegt. Es dient seit Jahrzehnten Regierungen weltweit als Bauplan – und wir lassen uns weiter täuschen.

Haiti. Myanmar. Russland. Israel. Die Vereinigten Staaten von Amerika. Orwell: 2+2=5 macht sichtbar, dass Geschichte sich nicht nur wiederholt. Es zeigt auch, wie Staats- und Regierungschefs wie Donald Trump, Wladimir Putin, Viktor Orbán und Benjamin Netanjahu ähnliche Methoden nutzen, um Unterdrückung zu organisieren.

Orwell: 2+2=5
Orwell: 2+2=5 Le Pacte - Velvet Film

Pecks Film deckt enorm viel ab und verschränkt Vergangenheit und Gegenwart, Fiktion und Wirklichkeit. Die Dichte des Materials macht den Dokumentarfilm stellenweise schwindelerregend.

Zweiter Weltkrieg und der Abbau von Institutionen; die zerbombten Straßen der Ukraine; Bücherverbote im Lauf der Geschichte; MAGA-Indoktrination; die Rolle klassischer Medien und sozialer Netzwerke, die Lügen schneller verbreiten als Fakten; unregulierte KI, die den Begriff von objektiver Wahrheit bedroht; Überwachungskapitalismus... All das verschwimmt bewusst zu einem irritierenden Bild. Die Botschaft ist klar und zugleich erschreckend: Orwell spricht zu unseren zerrissenen Zeiten genauso deutlich wie zu der Epoche, in der er schrieb.

Zu den stärksten Momenten des Films gehören brillant montierte Sequenzen, die nichts beschönigen.

Wir hören Trump, wie er die Ereignisse des sechsten Januar umdeutet. Peck legt seine Lüge („so much love in the air“) über die Bilder der tatsächlichen Gewalt. Damit verleiht er Orwells Satz Gewicht: „Aus totalitärer Sicht ist Geschichte etwas, das geschaffen werden soll, nicht etwas, das man lernt.“

Wir erleben Orwells Warnungen vor politischer Sprache in Clips des „Neusprech“: allgegenwärtige Euphemismen, die entkernte Wörter in ihr Gegenteil verkehren. „Collateral damage“ über Bildern des zerstörten Berlin von 1945; „Clearance operation“ in Myanmar im Jahr 2017; „Peacekeeping operations“ über Aufnahmen aus Mariupol 2022; „Admirable profits“ über Szenen aus Animal Farm; „Antisemitism 2024“ – zu verstehen als: „als Waffe eingesetzter Begriff, um Kritiker des israelischen Militäreinsatzes zum Schweigen zu bringen“.

Weitere Warnsignale kommen aus dem Kino. Wie schon in I Am Not Your Negro, wo Peck mit Hollywood-Bildern zeigte, wie das Selbstbild der Traumfabrik mit der sozialen Realität kollidiert, nutzt er auch hier Filmgeschichte. Ausschnitte aus 1984-Verfilmungen und aus Werken von Terry Gilliam, Steven Spielberg, Lauren Greenfield und Ken Loach machen deutlich, dass Kunst ihre Gegenwart spiegelt – und zugleich als Warnsystem dienen kann.

Orwell: 2+2=5
Orwell: 2+2=5 Le Pacte - Velvet Film

Orwell: 2+2=5 klingt nach schwerer Lehrstunde, doch Pecks Regie hebt den Film darüber hinaus und macht ihn persönlich. Indem er sich auf die letzten Lebensjahre Orwells konzentriert und keine andere Stimme als seine zulässt, entzieht er dem Film jede trockene Belehrung.

Im Kern erzählt dieser Dokumentarfilm von dem Menschen, der Orwell war – angedeutet schon in der Eröffnungsanimation von Tuberkulosebakterien. Das wiederkehrende Motiv steht einerseits für die wachsende Verseuchung der politischen Blutbahnen durch Autokraten. Zugleich erinnert es an die fortschreitende Krankheit der Zentralfigur. Peck rückt den Autor immer in den Mittelpunkt und macht ihn nie zum Propheten. Er zeigt einen Menschen mit all seinen Widersprüchen. Von Orwells Zeit als Kolonialpolizist in Birma über sein Ringen mit dem britischen Klassensystem bis zu den Sünden des Empires und seiner eigenen Verstrickung in ein System, das er zu hassen lernte, legt der Film emotional aufgeladene Schichten frei.

So wie Orwell in „Animal Farm“ politische Anliegen mit künstlerischer und damit emotionaler Wucht verknüpfte, verbindet auch Peck seine politischen Sorgen mit einem klaren ästhetischen Anspruch – und genau das macht den Film so stark.

Orwell: 2+2=5
Orwell: 2+2=5 Le Pacte - Velvet Film

Orwell: 2+2=5 wirkt vielleicht weniger aufrüttelnd als I Am Not Your Negro, ist aber nicht minder unverzichtbar.

Als Porträt eines Mannes im Spannungsfeld zwischen persönlichem und politischem Kampf zieht der Film die Zuschauerinnen und Zuschauer tief hinein. Er ist beunruhigend und dringlich, weil er sich jederzeit mit neuen Bildern ergänzen ließe, die Orwells Worte noch direkter mit der heutigen Welt verbinden würden („Board of Peace“, irgendwer?). Er ist faszinierend, weil er daran erinnert, dass wir längst alles haben, um die Werkzeuge des Autoritarismus zu erkennen.

Sechsundsiebzig Jahre nach Orwells Tod lässt Raoul Peck den Schriftsteller noch einmal zu uns sprechen – in einem der wichtigsten Dokumentarfilme des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Wir sollten hinhören. Besser sechsundsiebzig Jahre zu spät als nie.

„Je weiter sich eine Gesellschaft von der Wahrheit entfernt, desto mehr hasst sie jene, die sie aussprechen.“ – George Orwell –

Hier geht es zum exklusiven Interview von Euronews Culture mit Regisseur Raoul Peck .

Orwell: 2+2=5 feierte im vergangenen Jahr in Cannes Premiere und läuft bereits in den USA, in Dänemark und in Portugal. Im Laufe dieses Monats kommt der Film zudem in weiteren europäischen Kinos heraus, darunter in Frankreich und Spanien.

Cutter • Amber Louise Bryce

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