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Europa braucht keine einheitliche Erinnerung, sondern ein gemeinsames Narrativ

Federico Gallardo denkt über Zusammenhalt und gemeinsame Geschichte der EU nach.
Federico Gallardo beleuchtet Zusammenhalt und gemeinsame Geschichte der EU. Copyright  Fede Gallardo/Canva
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Von Federico Gallardo
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Seit Jahrzehnten ringt Europa mit einer scheinbar einfachen Frage: Was heißt es, Europäer zu sein? Eine wirklich stimmige Antwort gibt es bis heute nicht.

Europa ist kein aufgeblähter Nationalstaat und auch keine Gemeinschaft, die sich auf eine einzige Sprache, ein einziges Gedächtnis oder eine einzige historische Erfahrung stützt. Ihre Besonderheit liegt gerade darin, ein gemeinsames politisches Projekt aus sehr unterschiedlichen Geschichten gebaut zu haben – Geschichten, die manchmal verletzt, widersprüchlich oder sogar gegeneinander gerichtet sind.

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Vielleicht lag der Fehler darin anzunehmen, dass sich eine europäische Identität nur aus dem bilden kann, was alle gleichermaßen teilen. Politische Identitäten entstehen jedoch nicht nur aus Übereinstimmungen. Sie wachsen auch aus der Fähigkeit, sich das anzueignen, was andere in das gemeinsame Ganze einbringen.

Europa teilt eine gemeinsame Geschichte, aber nicht immer dieselbe Erinnerung an diese Geschichte. Was für die einen Befreiung war, konnte für andere Niederlage bedeuten; was für die einen Expansion war, bedeutete für andere Verlust; was die einen als nationalen Stolz empfinden, bleibt für andere vielleicht eine unbequeme Frage.

Das spanische Paradox: zu europäisch für Amerika, zu amerikanisch für Europa

Die eigentliche europäische Aufgabe besteht daher nicht darin, ein einziges Gedächtnis zu erzeugen. Entscheidend ist, eine gemeinsame Erzählung zu entwickeln.

Hier kann die transatlantische Erfahrung einen wichtigen Schlüssel liefern. Lange Zeit haben Spanien, Portugal, Frankreich, die Niederlande oder das Vereinigte Königreich ihre amerikanische Dimension vor allem als Verlängerung ihrer nationalen Erzählungen verstanden. Im spanischen Fall prägten diese Beziehung deutliche Spannungen: Stolz, Schuld, Erinnerung, Kritik, Zugehörigkeit, Wunde und Chance. Spanien erschien oft zugleich als südliches, mediterranes, atlantisches und amerikanisches Europa; für Amerika zu europäisch und für ein enges Europa-Bild zu amerikanisch. Diese Unbequemlichkeit muss jedoch kein Schwachpunkt sein, sie kann sogar ein Vorteil sein.

Die atlantische Dimension Spaniens stellt keine Ausnahme seiner Europäizität dar, sondern gehört zu seinen wertvollsten Beiträgen zum gemeinsamen Projekt. Darüber erinnert Europa nicht nur einen schwierigen Teil seiner Vergangenheit, sondern gewinnt auch eine eigene Art, mit der Welt in Beziehung zu treten. Ähnliches gilt für andere nationale Erfahrungen, sobald sie nicht länger als bloße Besonderheiten gelten, sondern als geteilte Fähigkeiten.

Herausforderung für die EU: eine gemeinsame europäische Erzählung finden

Die Europäische Union hat einen Binnenmarkt, gemeinsame Institutionen und in Teilen eine gemeinsame Außenpolitik geschaffen. Eine schwierigere Aufgabe steht jedoch noch aus: ihre historischen Unterschiede in eine gemeinsame Grammatik zu übersetzen. Die Formel „Einheit in Vielfalt“ sollte nicht als freundlicher Slogan gelten, sondern als politischer Auftrag: Unterschiede nicht zu löschen, sondern in gemeinsame Handlungsfähigkeit zu verwandeln.

Aus dieser Perspektive verschiebt sich die Frage. Es geht nicht mehr nur darum, was Europa seiner transatlantischen Geschichte verdankt, sondern darum, was diese Geschichte für Europa im 21. Jahrhundert leisten kann.

Europa teilt eine Geschichte, aber nicht immer dieselbe Erinnerung an diese Geschichte

Die europäische Geschichte sollte nicht nur als Museum nationaler Identitäten funktionieren, sondern als gemeinsamer Werkzeugkasten. Jede atlantische, mediterrane, mitteleuropäische, baltische oder balkanische Erfahrung kann das europäische Projekt erweitern, sobald sie nicht mehr als ausschließliches Eigentum eines Staates gilt, sondern als Ressource für das Ganze.

Dieser Wandel geschieht nicht von allein. Er verlangt eine kulturelle und politische Entscheidung: nationale Geschichten nicht länger wie abgeschottete Abteile zu behandeln, sondern sie in die gemeinsame europäische Erzählung aufzunehmen. Im atlantischen Fall heißt das, ein schwieriges Gedächtnis in konkrete Zusammenarbeit zu überführen: Bildung, Kulturerbe, Hochschulen, Kulturindustrien, kulturelle Diplomatie und Dialogräume mit Lateinamerika. So erinnert Europa nicht nur besser, es handelt auch besser.

Die Frage lautet daher nicht, ob ganz Europa im gleichen Maß eine atlantische Geschichte teilt. Das tut es nicht. Entscheidend ist, ob Europa es schafft, diese Geschichte, die in einigen Mitgliedstaaten entstand, zu einer Ressource für das gesamte europäische Projekt zu machen. Die atlantische Verbindung sollte weder als nostalgischer Rückblick noch als peinliches Erbe gelten, das der Kontinent von außen betrachtet. Sie ist eine der Möglichkeiten, mit denen Europa sein Gespräch mit der Welt ausweiten kann.

In einer fragmentierten Welt, in der Einfluss nicht mehr nur an militärischer oder wirtschaftlicher Macht hängt, sondern auch an Vertrauen, Legitimität und Verbindungsfähigkeit, ist Kultur kein Schmuckstück mehr. Sie wird zur Infrastruktur. Deshalb dürfen Kulturerbe, Bildung, Hochschulen und kreative Branchen im europäischen Projekt keinen dekorativen Platz einnehmen, sondern einen strategischen: Sie helfen, Europa zu erklären, es sichtbar zu machen und es innerhalb wie außerhalb seiner Grenzen erkennbar zu halten.

Nur ein Europa, das seine Geschichte offen anschaut, kann ehrlich mit ihr umgehen

Dafür braucht es einen erwachsenen Blick. Den strategischen Wert der transatlantischen Verbindung anzuerkennen, heißt nicht, ihre Schatten zu übertünchen oder die Vergangenheit zur Propaganda zu machen. Im Gegenteil: Nur ein Europa, das seine Geschichte offen anschaut, kann sie ehrlich nutzen. Doch offen hinzusehen bedeutet nicht, stehen zu bleiben. Erinnerung darf nicht nur als Schuldlast verstanden werden; sie muss sich auch in Verantwortung, Wissen und Zusammenarbeit verwandeln.

Darin könnte eine der Schlüsselchancen für Europas Zukunft liegen: zu lernen, komplexe Vermächtnisse in gemeinsame Werkzeuge zu verwandeln. Es geht nicht darum, Wunden zu tilgen oder von der Vergangenheit zu verlangen, nicht länger zu stören. Es geht darum zu verhindern, dass Geschichte zwischen zwei gleich sterilen Extremen stecken bleibt: Nostalgie und Schuld. Dazwischen gibt es eine dritte Möglichkeit: gestalten.

Diese Logik berührt, wenn auch indirekt, eine der großen aktuellen Debatten Europas: die Integration. Europa ringt seit Jahren damit, wie es Menschen integrieren kann, die neu ankommen. Doch niemand kann sich in ein Projekt einfügen, das sich selbst nicht erklären kann. Bevor Europa nur noch fragt, wie es neue Gemeinschaften aufnehmen soll, muss es klären, welche gemeinsame Erzählung es anbietet: nicht eine abgeschlossene, ausschließende oder uniforme, sondern eine, die klar genug ist, um verstanden zu werden, und weit genug, um darin Platz zu finden.

Die Herausforderung für Europa besteht nicht darin, sich so lange zu verkleinern, bis nur noch ein harmloser kleinster gemeinsamer Nenner übrig bleibt. Europa muss sich trauen, nach einem vervielfachenden Prinzip zu leben: einer Identität, die Unterschied nicht auflöst, sondern ihn in Stärke verwandelt. Atlantik, Mittelmeer, Osten, Norden und Mitte sollten nicht länger als Ränder einer Karte erscheinen, sondern als Kräfte derselben politischen Zivilisation. Europa wird nicht stärker, indem es eine verkleinerte Version seiner selbst verwaltet, sondern indem es lernt, mit allem zu wachsen, was es ausmacht. Europa wird nicht europäischer, wenn sich alle an dasselbe erinnern; es wird europäischer, wenn es jede Erinnerung in ein Zukunftsversprechen verwandeln kann.

Federico Gallardo ist ein spanischer Schauspieler mit einer Karriere in Kino, Fernsehen und audiovisuellen Plattformen, die er in Spanien, Mexiko und den Vereinigten Staaten aufgebaut hat. Parallel dazu stößt er Kulturprojekte an, die sich mit Erinnerung, Kulturerbe und transatlantischen Beziehungen befassen. Er ist Initiator des Archivo Indiano de Identidades Transatlánticas, einer Initiative, die historische, kulturelle und menschliche Verbindungen zwischen Europa und Amerika untersucht. Seine Arbeit verbindet künstlerische Praxis, Kulturmanagement sowie Reflexion über europäische Identität und kulturelle Diplomatie.

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