Immer mehr Fragmente des Twannberg-Meteoriten werden derzeit im Berner Jura entdeckt. Ingesamt sind nun mehr als 2.200 Fundstücke bekannt. Für die Forschung sind die Überreste des seltenen Eisenmeteoriten aus mehreren Gründen wertvoll.
Im Kanton Bern, oberhalb des Bielersees, am Twannberg und auf dem Mont Sujet, befindet sich eines der bedeutendsten Meteoriten-Streufelder Europas. Seit Jahrzehnten werden dort immer wieder Fragmente eines außergewöhnlichen Himmelskörpers entdeckt.
Die Zahl der bekannten Fundstücke ist inzwischen auf mehr als 2.200 gestiegen. Damit ist das Ausmaß des Meteoritenfundes deutlich größer als zunächst angenommen.
Der Twannberg-Meteorit fiel nicht als einzelner großer Brocken auf die Erde, sondern explodierte beim Eintritt in die Atmosphäre. Seine Trümmer verteilten sich über ein rund sechs Kilometer umfassendes Gebiet im heutigen Berner Jura.
Wissenschaftler schätzen, dass der Himmelskörper vor rund 175.000 Jahren auf der Erde einschlug. Ursprünglich dürfte er zwischen vier und 20 Meter groß gewesen sein und mindestens 250 Tonnen gewogen haben.
Erste Entdeckung im Jahr 1984
Die Geschichte des Meteoritenfundes begann am 9. Mai 1984. Damals entdeckte eine Schweizer Bäuerin auf einem Feld einen ungewöhnlichen, rund 15 Kilogramm schweren Brocken. Zunächst war nicht klar, worum es sich handelte. Untersuchungen zeigten später, dass der Fund aus Eisen bestand und tatsächlich aus dem Weltall stammte.
In den folgenden Jahrzehnten wurden weitere Fragmente entdeckt. Vor allem die systematische Suche mit Metalldetektoren führte dazu, dass die Zahl der bekannten Stücke deutlich anstieg.
"Vor zehn Jahren waren es 400 Fragmente, jetzt sind es über 2200 Fragmente", erklärte der Geologe Beda Hofmann vom Naturhistorischen Museum Bern dem Schweizer Rundfunk (SRF).
Äußerst seltener Meteorit
Der Twannberg-Meteorit gehört zur Gruppe der Eisenmeteoriten und wird der äußerst seltenen Klasse IIG zugeordnet. Er ist der bislang einzige bekannte IIG-Eisenmeteorit in Europa. Diese Art von Meteoriten zeichnet sich unter anderem durch einen ungewöhnlich niedrigen Nickel- und einen hohen Phosphorgehalt aus. Weltweit sind nur wenige Vertreter dieser Klasse bekannt.
Für die Wissenschaft sind die Fragmente besonders wertvoll: Sie können Hinweise auf die Zusammensetzung und Entwicklung von Himmelskörpern geben und auch einen Blick in die Frühgeschichte unseres Sonnensystems ermöglichen.
Gletscher halfen bei der Verteilung
Die Fundstücke sind zudem für die Erforschung der Schweizer Landschaftsgeschichte interessant.
Nach Angaben von Experten wurden einige der neu entdeckten Fragmente durch Gletscher bewegt. Vor rund 175.000 Jahren bedeckten gewaltige Gletscher weite Teile des Schweizer Mittellands – stellenweise war die Eisschicht mehr als einen Kilometer hoch. Weil die neuen Fundstücke in höheren Lagen entdeckt wurden als bisherige Fragmente, können sie neue Rückschlüsse auf die gewaltigen Eismassen während der vorletzten Eiszeit ermöglichen.
Damit sind die Fundstücke gewissermaßen doppelte Zeitzeugen: Sie stammen ursprünglich aus dem Weltall, wurden später aber Teil der Erdgeschichte und von den eiszeitlichen Landschaftsprozessen beeinflusst.
Suche geht weiter
Die Suche am Twannberg und am Mont Sujet ist noch lange nicht abgeschlossen, Forscher und Meteoritenjäger suchen weiterhin mit Metalldetektoren nach neuen Überresten.
Das ist allerdings schwieriger, als es zunächst klingt, denn im Boden befinden sich auch Metallstücke, die mit einem Meteoriten nichts zu tun haben, wie Alufolie oder Nägel. Übrigens: Für eine Suche braucht es eine Bewilligung des zuständigen Archäologischen Dienstes.
Die Entdeckungen zeigen, welches Potenzial das Schweizer Meteoritenfeld noch hat: Mit jedem weiteren Fragment entdecken Forscher mehr über den ursprünglichen Himmelskörper und die Geschichte seines Einschlags.