Was verbindet Tiësto, Troye Sivan und The Strokes? Ein dänischer Musikwissenschaftler glaubt, die Antwort zu kennen.
Sie haben sie gehört. Diese Melodie ist so allgegenwärtig, man kann ihr kaum entkommen. Sie besteht aus vier Tönen und taucht in Hit nach Hit wieder auf, bleibt im Ohr kleben wie Honig.
Der dänische Musikwissenschaftler Carl Martin hat sie „Gen-Alpha-Melodie“ getauft – benannt nach der Generation, deren Songs in den 2010er-Jahren besonders häufig auf dieses Muster zurückgreifen.
„APT.“ von Rosé und Bruno Mars, „One of Your Girls“ von Troye Sivan, „Ode to the Mets“ von The Strokes: Künstlerinnen und Künstler aus Rock, Pop und EDM, aus Spanien, Indien, Norwegen und vielen anderen Ländern nutzen sie.
Martin fiel das Muster auf, als er Popsongs aus aller Welt hörte. Er erkannte immer wieder dieselbe melodische Struktur und begann, Beispiele für ein YouTube-Video zu sammeln.
Am Ende fand er rund 500 Titel und reduzierte die Liste auf 72 Songs, die seiner Meinung nach dasselbe Muster teilen. Hintereinander abgespielt wirken die Ähnlichkeiten verblüffend. Plötzlich hört man diese Melodie überall.
„Ich habe noch nie erlebt, dass eine konkrete Melodie in der Popmusik so weit verbreitet ist“, sagt Martin in seinem 14-minütigen Erklärvideo (Quelle auf Englisch).
Warum taucht die „Gen-Alpha-Melodie“ immer wieder auf?
Nach Martins Analyse basiert die Melodie auf vier „Pfeiler“-Tönen, verteilt auf zwei kurze musikalische Phrasen – gewissermaßen zwei Sätze.
„Alle anderen Töne kreisen um diese, weil sie auf starken Zählzeiten liegen oder weil die Melodiezeile auf ihnen endet“, erklärt er.
Songwriterinnen und Songwriter füllen die Zwischenräume unterschiedlich, doch sie orientieren sich immer an denselben vier Pfeilern.
Martin glaubt, dass die Melodie so gut funktioniert, weil sie einem Muster aus „Frage und Antwort“ folgt: Sie beginnt mit einem offenen, spannungsvollen Teil und endet auf einer „schön konsonanten“ Auflösung.
„Sie klingt für sich genommen großartig und hat etwas bittersüßes“, sagt Martin.
Das erklärt, warum sie so oft in Songs über Herzschmerz und Melancholie auftaucht – zwei der zeitlosesten Themen der Popmusik.
Die Struktur ist zugleich so flexibel, dass dieselbe Melodie in Songs auftauchen kann, die sonst völlig unterschiedlich klingen – von Yungbluds Pop-Rock-Hits bis zu EDM-Tracks von Zedd und Tiesto.
Warum klagt niemand?
Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Doch Martin ist überzeugt, dass es sich nicht um den größten Fall von Urheberrechtsverletzung der Musikgeschichte handelt.
Er bezeichnet das Phänomen als „Interpolation“ – also das Übernehmen einer vorhandenen Melodie statt das Sampeln einer Aufnahme – und betont, dass dies oft unbewusst geschieht. Viele Songschreibende haben die Melodie seiner Meinung nach so oft in der Popmusik gehört, dass sie sie verinnerlicht und später reproduziert haben, ohne es zu merken.
Die Melodie ist zudem deutlich älter als die Generation Alpha, deren Namen sie trägt. Zu den frühesten Beispielen gehört der Beatles-Hit „It’s Only Love“ aus dem Jahr 1965. Doch die Wurzeln reichen wohl noch weiter zurück.
Seit der Veröffentlichung von Martins Video haben einige Musikfans ähnliche Muster bis zu Beethoven (Quelle auf Englisch) zurückverfolgt. Die Gen-Alpha-Melodie könnte also seit Jahrhunderten offen vor unseren Ohren verborgen gewesen sein.