China: Billiger Animationsfilm wird zum überraschenden Sommerhit. „Niu Lai“ verwandelt Spott im Netz in Kassenknüller und virales Phänomen.
Es gibt Filme, die in die Kategorie „so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ fallen … Und dann gibt es noch „hässlich“, „unheimlich“, „grottenschlecht“ und „katastrophal“.
Mit solchen Begriffen beschreiben Kritiker Niu Lai („Here Comes The Cow“), einen neuen chinesischen Animationsfilm. Regie führte Xin Yumeng, produziert wurde er von Dalian Jingyuan Culture Film and Television Media – einem Unternehmen, das früher Innenräume gestaltete und dekorierte.
Der Film wird wegen seiner schlampigen Animation und billigen Effekte verspottet. Einige fordern sogar, dass Kinos ihn gar nicht mehr zeigen.
Doch dann nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung: Der Film gewinnt schlagartig an Bekanntheit.
Niu Lai startete mit mageren Einspielergebnissen und vernichtenden Kritiken. Die steifen Bewegungen, die schwache Synchronisation und eine abstrakte Handlung über ein neugeborenes Kalb, das aufwächst und sich mit Liebe und Opferbereitschaft auseinandersetzt, standen im Zentrum der Kritik. Doch Mundpropaganda und Spott machten den Film schnell zum viralen Hit in den chinesischen sozialen Medien.
Zu Beginn spielte Niu Lai in den ersten zehn Tagen nach dem Kinostart am 5. August nur rund 10.000 Yuan (etwa 1.281 Euro) ein. An manchen Tagen lagen die Einnahmen laut der Tracking-Plattform Maoyan sogar nur bei 200 Yuan (25 Euro). Inzwischen ist der Umsatz jedoch auf 8,2 Millionen Yuan (mehr als 1 Million Euro) nach oben geschnellt. Insgesamt steht der Film nun bei 17,1 Millionen Yuan (2,1 Millionen Euro).
Damit konkurriert der Film inzwischen mit Christopher Nolans The Odyssey und gehört zu den zehn erfolgreichsten Animationsfilmen in China im Jahr 2026.
Was steckt dahinter?
Trotz der Flut an Kritik und Memes gibt es Zuschauer, die gerade die rudimentäre Animation schätzen. Manche empfehlen den Film als Streich, andere als ernstgemeintes Gegengift zu KI-Massenware, die die Algorithmen sozialer Netzwerke überflutet. Die handgemachte Ästhetik scheint beim Publikum anzukommen: Viele feiern Niu Lai als willkommene Alternative zu überpolierten Studioproduktionen.
Wo genau der Spaß aufhört und der Ernst beginnt, darüber lässt sich streiten …
Unabhängig davon teilen zahllose Fans Ausschnitte von Niu Lai. Sie loben die Energie trotz Mini-Budget und bedanken sich bei Xin Yumeng und Sun Lifang, einem mutmaßlichen Mutter-Sohn-Team, das Niu Lai über fünf Jahre hinweg entwickelt hat und zugleich als Drehbuchautoren, Sprecher und Kerncrew fungiert.
Andere geben offen zu, dass sie den Film nur sehen wollen, um herauszufinden, „wie schlimm er wirklich sein kann“, und witzeln, Christopher Nolan müsse fassungslos zusehen, wie Niu Lai zum unwahrscheinlichen Konkurrenten von The Odyssey wird – Nolans Film startete in China am 14. August.
Die Nachfrage ist inzwischen so groß, dass Kinos zusätzliche Vorstellungen einplanen. Der Fall zeigt, dass ein wenig Aufmerksamkeit in sozialen Medien reicht, um einen Film zum veritablen Kassenschlager zu machen.
Wie erwartet sind nicht alle begeistert über diesen überraschenden Kassenerfolg. Kritiker monieren, dass der Hype um Niu Lai zulasten deutlich besser gemachter Produktionen gehe.
So warnt etwa die staatliche Zeitung Beijing News, Kinos könnten „das Vertrauen“ der Zuschauer verlieren, wenn sie „ihren Standard weiter senken“ und immer mehr Vorführungen von Niu Lai anbieten.
Das Medium fordert die Lichtspielhäuser zudem auf, „als Gatekeeper für das Publikum aufzutreten und Filme, die offensichtlich nicht dem Standard entsprechen, klar abzulehnen, statt Werke wie Niu Lai ungebremst laufen zu lassen“.
Spielverderber. Ob die Zuschauer nun über den Film lachen oder mit ihm: Niu Lai hat Spott in eine Erfolgsgeschichte an der Kinokasse verwandelt – und in eine der höchsten Renditen, die ein chinesischer Film je erzielte. Jetzt ist Odysseus am Zug.