Dieser Inhalt ist in Ihrer Region nicht verfügbar

Beziehungen zu Russland: "Auf lange Zeit" massiv beschädigt

Access to the comments Kommentare
Von Stefan Grobe
NATO-Gipfel in Madrid
NATO-Gipfel in Madrid   -   Copyright  Kenny Holston/AP

Die Ukraine warf auch in den bayerischen Alpen einen langen Schatten, wie fast überall auf der Welt in den letzten Monaten.

Die Botschaft auf dem G7-Gipfel war klar: Die westlichen Verbündeten sehen den Konflikt in der Ukraine noch länger dauern und man werde die Menschen in ihrem Kampf gegen den Agressor Russland weiter unterstützen.

Beziehungen zu Russland sind massiv beschädigt - auf lange Zeit

Die G7-Staaten versprachen auch "gezielte Sanktionen anzugleichen und auszuweiten, um Russlands Zugang zu wichtigen Industriegütern, Dienstleistungen und Technologien weiter einzuschränken".

Es geht dabei nicht nur weitere und härtere Strafen des Westens für Russland wegen des Krieges in der Ukraine.  Es sind die Beziehungen zu Russland selbst, die auf absehbare Zeit – auch wenn der Krieg längst vorbei sein wird - beschädigt sein werden.

Wir sind uns als G-7 einig in der Einschätzung, dass es hier um sehr nachhaltige Veränderungen geht, die auch die internationalen Beziehungen für eine sehr, sehr lange Zeit prägen werden. Es kann in unseren Beziehungen zu Russland kein Zurück mehr geben in die Zeit vor dem Angriff auf die Ukraine.
Olaf Scholz
Bundeskanzler

Die Entschlossenheit, sich Russland entgegenzustellen und die Ukraine zu unterstützen, scheint zur Zeit noch ungebrochen. Aber die Unterstützung in der Bevölkerung für ein Vorgehen gegen Moskau könnte bröckeln, je länger der Krieg dauert, und je mehr die Volkswirtschaften darunter leiden.

Mit dem Fortschreiten des Konflikts sind seine Auswirkungen weit über die Ukraine hinaus zu spüren. Die Inflation bei Lebensmitteln und Brennstoffen steigt weiter und trifft überall Haushalte und Unternehmen.

Die ukrainische Führung befürchtet, dass die Öffentlichkeit irgendwann des Krieges überdrüssig werden könnte und die westliche Unterstützung dann in Frage stellt. Das aber wurde auf dem NATO-Gipfel energisch zurückgewiesen.

Präsident Selenskyj hat deutlich gemacht, dass die Ukraine auf unsere weitere Unterstützung angewiesen ist, und unsere Botschaft an ihn war ebenso klar. Die Ukraine kann so lange auf uns zählen, wie nötig.
Jens Stoltenberg
NATO-Generalsekretär

Unterstützung für die Ukraine: "Solange es nötig ist"

Der NATO-Gipfel war ein bedeutendes Treffen für das Bündnis, Schweden und Finnland haben ihre offizielle Einladung zum Beitritt bekommen. Warum die Erweiterung in Skandinavien für die NATO so wichtig ist, darüber haben  wir mit Rafael Loss gesprochen, Projektkoordinator beim European Council on Foreign Relations. 

**Rafael Loss:**Ihr Beitritt wird die NATO sicherer machen, und sie wird Schweden und Finnland sicherer machen. Beide Länder werden dem Bündnis bedeutende militärische Fähigkeiten hinzufügen, und beide werden die Positionen der NATO und den Dialog innerhalb des Bündnisses unterstützen. 

Einfach war die Aufnahme Finnlands und Schwedens nicht, erst musste das türkische Veto überwunden werden, dank proaktiver Diplomatie des Generalsekretärs der NATO und von finnischer, schwedischer und türkischer Seite.

euronews: Das neue Strategische Konzept der NATO enthält klare Aussagen zu Russland, erklärt aber auch China zum ersten Mal zu einer strategischen Herausforderung. Werden wir eine neue Ära des Wettbewerbs der Großmächte erleben?

Rafael Loss: Das neue strategische Konzept der NATO, das erste seit 12 Jahren, erkennt Russland als bedeutendste und unmittelbarste Bedrohung für die Sicherheit der Allianz, für Frieden und Stabilität in Europa an - und sieht China als Herausforderung. Es benennt die enge Zusammenarbeit und strategische Annäherung zwischen Russland und China insbesondere der letzten Jahre - z.B. gemeinsame Marinemanöver und Übungen in der Ostsee, es benennt diese Annäherung zwischen Russland und China jetzt als gemeinsame Herausforderung nicht nur für Frieden und Sicherheit in Europa, sondern auch für die auf Regeln basierende internationale Ordnung, für die die NATO klar eintritt. 

euronews: Wird dieser robustere Ansatz der NATO Wladimir Putin beeindrucken?

Rafael Loss: Genau darum geht es bei der Ankündigung der NATO, ein neues Streitkräftemodell zu entwickeln, um den Umfang und die Fähigkeiten ihrer Kräfte mit sehr hoher Einsatzbereitschaft zu erhöhen, um auf entstehende Krisen in der Eurozone reagieren können. 

Diese Streitkräfte werden auf etwa 300.000 Mann aufgestockt, aber das wird für die Verbündeten nicht leicht. Viele Mitgliedsstaaten kündigen an, ihre Verteidigungsausgaben zu erhöhen. Aber bis es soweit ist, wird es noch einige Kämpfe und politische Hürden geben. 

Nichtsdestotrotz besteht das Ziel darin, Wladimir Putin zu beeindrucken und ihn davon abzuhalten, einen Angriff auf die NATO zu erwägen. dass er bereit ist, groß angelegte Militäroperationen durchzuführen, hat er ja bereits gezeigt.

euronews: Können all die Entwicklungen dieser Woche der Ukraine helfen, das Blatt zu wenden?

Rafael Loss: Die NATO auf ihrem Gipfeltreffen, aber auch die Staats- und Regierungschefs der G7 haben vor einigen Tagen starke Unterstützungsmaßnahmen für die Ukraine beschlossen. Und zwar nicht nur wirtschaftlich und politisch, sondern auch militärisch. 

Der Generalsekretär der NATO hat angekündigt, dass man der Ukraine bei der Umstellung von sowjetischem auf westliches Militärmaterial helfen wird. Das ist eine echte Herausforderung, und es wird einige Zeit brauchen. 

Die nordamerikanischen und europäischen NATO-Staaten, ihre Partner in der Europäischen Union und in anderswo werden sich dafür einsetzen müssen. Aber die NATO ist dabei, und die Mitgliedsländer auf lange Sicht auch. Sie sehen, dass Russlands Aggression hartnäckig und anhaltend ist, und sie haben in den letzten Tagen immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass sie die Ukraine so lange wie nötig unterstützen werden.

Krementschuk - mehr tote Zivilisten in einem Einkaufszentrum

Diese Woche gab es einen der weiteren, schrecklichen Militärschlag in der Ukraine - den russischen Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum in der Stadt Krementschuk. Eine zweite Rakete traf kurz darauf eine Fabrik für Straßenbaumaschinen. 

Direkt neben dem Werk ist ein öffentlicher Park, die Überwachungskameras dort hielten den Einschlag aus verschiedenen Blickwinkeln fest. Das eigentliche Ziel sieht man nicht, nur verängstigte Menschen, die Deckung suchen.

Die Einwohner von Krementschuk konnten nicht glauben, dass der Krieg je in ihre Stadt kommt. Aber er kam - und 18 Menschen starben allein bei diesem Angriff.