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66.000 Tote, Millionen Erkrankte – Wie Europas Verkehrslärm krank macht

Europa in Bewegung
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Von Alessio Dell'Anna & video by Maud Zaba
Zuerst veröffentlicht am
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Die EU wollte die chronische Lärmbelastung bis 2030 deutlich senken. Bislang sank die Zahl der Betroffenen um lediglich drei Prozent. Gleichzeitig warnen Experten vor massiven Folgen für Gesundheit, Kinder und Ökosysteme.

Es ist eine der schwersten Bedrohungen, denen man kaum entkommen kann.

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Man begegnet ihr auf der Straße. Sie liegt in der Luft. Manchmal dringt sie sogar in die Wohnung ein.

Übermäßiger Lärm setzt Europa unter Druck. Rund 112 Millionen Menschen sind betroffen – das sind 20 % der Bevölkerung des Kontinents.

Als "übermäßig" gilt ein durchschnittlicher Jahresschallpegel von mehr als 55 Dezibel tagsüber und am Abend sowie von mehr als 50 Dezibel in der Nacht.

Die Folgen können schwerwiegend sein. Nach Angaben der Europäischen Umweltagentur (Quelle auf Englisch)wird eine langfristige Verkehrslärmbelastung in Europa mit schätzungsweise 66.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr in Verbindung gebracht – ebenso mit 50.000 neuen Fällen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 22.000 Fällen von Typ-2-Diabetes.

Die Auswirkungen auf Kinder sind nicht weniger alarmierend. Allein im Jahr 2021 trug Verkehrslärm zu mehr als 560.000 Fällen von Lese-Rechtschreib-Schwäche, 63.000 Verhaltensstörungen und 272.000 Fällen von Fettleibigkeit bei Kindern bei.

Autos, Züge, Flugzeuge: Wo der Lärm am stärksten ist

Der Straßenverkehr – einschließlich Autos, Fahrrädern und Lieferwagen – ist die größte Lärmquelle. Rund 92 Millionen Menschen sind davon betroffen.

Die zweithäufigste Quelle übermäßigen Lärms ist der Eisenbahnverkehr mit 18 Millionen Betroffenen, gefolgt vom Flugverkehr, dessen Lärm 2,6 Millionen Menschen ausgesetzt sind.

In absoluten Zahlen sind die Menschen in Frankreich am stärksten betroffen: Mehr als 20 Millionen Einwohner sind Straßenlärm ausgesetzt, der die 55-Dezibel-Grenze überschreitet.

Korsika sowie große Teile der an Italien grenzenden Gebiete in den Regionen Provence-Alpes-Côte d'Azur und Rhône-Alpes zählen zu den am stärksten belasteten Regionen des Landes.

Auch Italien verzeichnet besonders hohe Belastungen durch den Bahnverkehr: Rund 5,3 Millionen Menschen sind übermäßigem Bahnlärm ausgesetzt – die höchste Zahl in Europa.

In Deutschland wiederum sind fast eine Million Menschen von Fluglärm betroffen.

In Prozent: Wo schläft man nachts am ruhigsten?

Abgesehen von den Kleinstaaten liegt Frankreich in Europa an der Spitze, wenn es um Lärmbelastung geht: 36 % der Bevölkerung sind Geräuschpegeln ausgesetzt, die über dem als sicher geltenden Grenzwert liegen – deutlich mehr als in vergleichbar großen Nachbarländern wie Italien und Spanien (jeweils 25 %) oder Deutschland (26 %).

Betrachtet man alle Länder, führen Luxemburg (62 %) und Zypern (58 %) die Statistik an.

Zu den vergleichsweise ruhigsten Ländern Europas zählen die Slowakei, Portugal und Estland, gefolgt von Griechenland.

Besonders ruhig ist es nachts in Estland: Dort sind lediglich 3 % der Bevölkerung gesundheitsschädlichen Lärmpegeln ausgesetzt.

Die Suche nach Ruhe erweist sich jedoch als schwierig. Nach Angaben der Agentur haben nur 34 % der Menschen Zugang zu grünen und ruhigen Flächen im Umkreis von 400 Metern um ihre Wohnung.

Meeres- und Landtiere sind gleichermaßen bedroht

Neben der menschlichen Gesundheit kann eine hohe Lärmbelastung auch der natürlichen Umwelt schaden.

Aus dem Bericht der Europäische Umweltagentur (EUA) geht hervor, dass mindestens 29 % der Schutzgebiete des Natura 2000-Netzes Lärmpegeln ausgesetzt sind, die sich nachteilig auf Tier- und Pflanzenwelt – einschließlich mariner Lebensräume – auswirken könnten.

Teile des Ärmelkanal, die Straße von Gibraltar, Bereiche der Adria, die Dardanellen sowie einzelne Regionen der Ostsee gelten dem Bericht zufolge als Meeresgebiete mit der höchsten Unterwasserlärmbelastung in Europa.

Rushhour in Brüssel
Rushhour in Brüssel AP/Ives Logghe

Welche Fortschritte wurden bei der Verringerung der Lärmbelastung erzielt?

"Bei der Verringerung der Zahl der Menschen, die schädlichen Lärmpegeln ausgesetzt sind, wurden nur geringe Fortschritte erzielt", so die EUA.

Der EU-Aktionsplan 2021 "Für saubere Luft, sauberes Wasser und sauberen Boden" setzte das Ziel, die Zahl der Menschen, die chronisch durch Verkehrslärm beeinträchtigt werden, bis 2030 um 30 % zu senken – im Vergleich zum Stand von 2017.

Tatsächlich zeigen Schätzungen, dass die Zahl der durch Verkehrslärm belasteten Menschen in der EU zwischen 2017 und 2022 lediglich um 3 % zurückgegangen ist.

Um dem Ziel näherzukommen, sollten die Mitgliedstaaten nach Ansicht der EUA vorrangig Maßnahmen an der Quelle ergreifen – also dort, wo der Lärm entsteht.

Dazu zählt etwa die strengere Regulierung von Lärmemissionen bei Straßenfahrzeugen, einschließlich der Wechselwirkung zwischen Reifen und Straßenbelag, sowie die Absenkung zulässiger Höchstgeschwindigkeiten in Städten.

Für den Bahnverkehr empfiehlt die Agentur regelmäßiges Schleifen und Instandhalten der Schienen, um die Gleise zu glätten und Rollgeräusche zu verringern. Im Flugverkehr schlägt sie optimierte An- und Abflugrouten vor, um dicht besiedelte Gebiete zu meiden, sowie die Förderung leiserer Flugzeugtypen.

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