Der Krieg im Nahen Osten wird zunehmend zum Prüfstand für Militärtechnologie der nächsten Generation. Im Konflikt rund um den Iran zeigt sich, wie schnell sich neue Systeme anpassen.
Angesichts wachsender Verwundbarkeit will die Europäische Union ihre Anstrengungen verstärken, um mit der sich wandelnden Kriegstechnologie Schritt zu halten. Brüssel drängt darauf, den Übergang von der Forschung in den praktischen Einsatz zu beschleunigen, und fordert schnellere, flexiblere Innovationen, um einer neuen Ära von Sicherheitsbedrohungen zu begegnen.
Der jüngste Vorschlag für das Programm "Agile und rasche Verteidigungsinnovationen" (AGILE) sieht Investitionen von 115 Millionen Euro in Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien und Drohnen vor. Sollte das Programm verabschiedet werden, würde es einen deutlichen Bruch mit dem bislang langsamen Finanzierungsmodell der EU im Verteidigungsbereich markieren, indem es Geschwindigkeit, Risikobereitschaft und die schnelle Einführung neuer Technologien stärker priorisiert.
Die EU hat bereits Mittel in den Europäischen Verteidigungsfonds sowie in Satellitensysteme für sichere Kommunikation und Erdbeobachtung investiert. Diese Bemühungen gelten jedoch als unzureichend, da sie für die Anforderungen moderner Kriegsführung als zu langsam und zu unflexibel bewertet werden.
Was ist AGILE?
Das im März 2026 von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Programm "AGILE" ist als Schnellfinanzierungsinstrument konzipiert. Ziel ist es, Verteidigungstechnologien deutlich schneller von der Entwicklung in den Einsatz zu bringen als mit bisherigen EU-Programmen.
In seiner aktuellen Ausgestaltung soll AGILE vor allem Projekte fördern, die bereits weit fortgeschritten sind. Im Fokus stehen Technologien, die innerhalb von ein bis drei Jahren getestet, validiert und von Streitkräften eingesetzt werden können. Dazu zählen etwa einsatznahe KI-Systeme für militärische Entscheidungsprozesse und Lagebilder, autonome Systeme sowie Anwendungen der Quanteninformatik. Auch Projekte aus den Bereichen Robotik und Drohnentechnologie sollen unterstützt werden.
Das Programm deckt sowohl die technische Entwicklung als auch den Übergang in die praktische Anwendung ab – von Prototypen über Feldtests bis hin zur Erstproduktion. Vorgesehen sind deutlich verkürzte Antrags- und Bewertungsverfahren: Förderentscheidungen sollen innerhalb von Monaten statt wie bisher oft erst nach Jahren fallen.
Im Unterschied zu klassischen EU-Förderprogrammen können sich auch einzelne Unternehmen bewerben, die Bildung großer multinationaler Konsortien ist keine Voraussetzung mehr. Die Förderung kann bis zu 100 Prozent der förderfähigen Kosten betragen und damit das finanzielle Risiko für Unternehmen erheblich senken. Zudem ist eine rückwirkende Finanzierung möglich, sodass auch bereits geleistete Arbeiten erstattet werden können.
Für die Pilotphase sind mindestens 115 Millionen Euro vorgesehen, die auf etwa 20 bis 30 Projekte verteilt werden sollen. Je nach Reifegrad und Umfang könnten einzelne Vorhaben mit ein bis fünf Millionen Euro gefördert werden. Die Mittel stammen direkt aus dem EU-Haushalt.
Zielgruppe sind vor allem Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen sowie Scale-ups, die an Dual-Use- oder Verteidigungstechnologien arbeiten. Für sie sollen kürzere Finanzierungszyklen, geringerer Verwaltungsaufwand und ein schnellerer Marktzugang geschaffen werden. Größere Rüstungsunternehmen könnten indirekt profitieren, etwa durch Kooperationen oder die Integration neuer Technologien in bestehende Systeme. Für die Streitkräfte der EU-Mitgliedstaaten würde dies einen früheren Zugang zu neuen Fähigkeiten bedeuten.
Für Bürger bleiben die Auswirkungen indirekt: Genannt werden mehr Sicherheit, stärkere technologische Souveränität und wirtschaftliche Impulse in Hightech-Sektoren wie KI, Robotik und Raumfahrt.
Das Programm muss noch vom Europäischen Parlament und vom Rat verabschiedet werden. Im Falle einer Zustimmung könnten erste Ausschreibungen ab 2027 starten, die geförderten Projekte kurz darauf folgen.
AGILE knüpft an bestehende Initiativen wie den Europäischen Verteidigungsfonds und andere EU-Innovationsprogramme im Verteidigungsbereich an. Diese haben zwar Forschungs- und Kooperationsprojekte ermöglicht, gelten jedoch als zu langsam und zu komplex, um schnelle und risikoreiche Innovationen effektiv zu fördern.
Dringender Bedarf an agilen KMU
Zwischen der Geschwindigkeit technologischer Entwicklungen und dem Tempo europäischer Verteidigungssysteme klafft eine wachsende Lücke. In aktuellen Konflikten – etwa im Zusammenhang mit Spannungen zwischen dem Iran und den USA – werden kostengünstige Drohnen innerhalb weniger Wochen angepasst und erneut eingesetzt. Parallel dazu werden KI-gestützte Aufklärungs-, Ziel- und Cyberfähigkeiten kontinuierlich weiterentwickelt und im Einsatz aktualisiert.
Im Gegensatz dazu dauern klassische europäische Beschaffungs- und Finanzierungsprozesse oft mehrere Jahre – von der Genehmigung bis zur Einsatzreife. Das führt dazu, dass vorhandene Technologien zu spät verfügbar sind, um operativ wirksam zu werden.
Viele Innovationen entstehen zudem in Start-ups und kleinen sowie mittleren Unternehmen, die häufig nicht über die Ressourcen oder administrativen Kapazitäten verfügen, um komplexe EU-Förderverfahren zu durchlaufen. In der Folge verzögern sich Projekte, werden außerhalb Europas vermarktet oder erreichen militärische Anwender gar nicht erst.
Als Beispiel gilt das Eurodrone-Programm (MALE RPAS), ein Gemeinschaftsprojekt von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Das Vorhaben wurde 2014 angestoßen und sollte eine Drohne mit mittlerer Flughöhe und langer Flugdauer hervorbringen. Wiederholte Verzögerungen haben jedoch dazu geführt, dass die Einführung inzwischen erst für 2031 vorgesehen ist.
Der damalige Stabschef der französischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte kritisierte das Projekt sinngemäß als "Technologie von gestern, die erst morgen verfügbar ist". Frankreich signalisierte zudem im Oktober 2025 seine Absicht, aus dem Programm auszusteigen.
Aufgrund solcher Verzögerungen greifen europäische Staaten weiterhin auf Systeme wie die MQ-9 Reaper oder die IAI Heron zurück. Kritiker sehen darin ein Zeichen anhaltender Abhängigkeit und verweisen darauf, dass andere Akteure – insbesondere die USA und China – in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Cyberfähigkeiten und autonome Systeme das Innovationstempo vorgeben.
Wie hat die EU die Innovation im Verteidigungsbereich bisher gefördert?
"ReArm Europe" und die EU-Roadmap zur Transformation der Verteidigungsindustrie gelten als zentrale Projekte für 2025 auf dem Weg zu mehr Innovation und strategischer Autonomie bis 2030. Insgesamt sollen mehr als 800 Milliarden Euro mobilisiert werden, um Markteinführungen zu beschleunigen, Scale-ups zu fördern und neue Akteure in einen stärker integrierten und reaktionsfähigeren europäischen Verteidigungsmarkt einzubinden.
Der Europäische Verteidigungsfonds (EEF) bildet dabei das Kerninstrument der EU für Verteidigungsinnovation. Für den Zeitraum 2021 bis 2027 stehen rund 7,3 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon entfallen etwa 2,7 Milliarden Euro auf Forschung und Entwicklung sowie rund 5,3 Milliarden Euro auf die Entwicklung konkreter Fähigkeiten.
Die Förderung konzentriert sich auf Schlüsselbereiche wie Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Weltraumverteidigung und Drohnensysteme. Für 2026 plant die Europäische Kommission rund eine Milliarde Euro für die Entwicklung spezifischer militärischer Fähigkeiten, darunter Abfangsysteme innerhalb der Atmosphäre, Kampfpanzer, Mehrfachraketenwerfer und teilautonome maritime Systeme.
Mit einem Budget von 1,5 Milliarden Euro für den Zeitraum 2025 bis 2027 soll das Europäische Innovationsprogramm für den Verteidigungssektor (EUDIS) insbesondere kleineren Unternehmen den Zugang zum Verteidigungsmarkt erleichtern. Ziel ist es, neue Akteure entlang ihres gesamten Entwicklungszyklus zu unterstützen – von der frühen Phase bis zur Etablierung am Markt.
Für die Jahre 2026 und 2027 sind im Rahmen des Europäischen Programms für die Verteidigungsindustrie (EDIP) weitere 1,5 Milliarden Euro vorgesehen. Gefördert werden sollen vor allem die gemeinsame Beschaffung durch Mitgliedstaaten, industrielle Produktionskapazitäten sowie das Schließen bestehender Fertigungslücken. Zudem sind zusätzliche Mittel in Höhe von 300 Millionen Euro zur Unterstützung der ukrainischen Verteidigungsindustrie eingeplant.
Ergänzend dazu stellt die Defence Equity Facility (DEF) 500 Millionen Euro bereit, um private Investitionen in europäische Verteidigungsinnovationen zu mobilisieren. Die Mittel richten sich an Risikokapital-, Private-Equity- und Kreditfonds.
Im Rahmen der Sicherheitsinitiative "SAFE" sollen zudem Darlehen in Höhe von bis zu 150 Milliarden Euro bereitgestellt werden, um die Verteidigungsfähigkeit der Mitgliedstaaten kurzfristig zu stärken. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Ausweitung gemeinsamer Beschaffungsprojekte.
Die Europäische Verteidigungsagentur unterstützt diese Ziele unter anderem über ihr Innovationszentrum HEDI. Dieses soll dazu beitragen, neue Technologien schneller aus der Entwicklung in die praktische Anwendung zu überführen und die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten zu intensivieren.
Die Investitionen steigen, aber die EU hinkt noch hinterher
Die Ausgaben der EU-Mitgliedstaaten für Forschung und Entwicklung (FuE) im Verteidigungsbereich sind deutlich gestiegen: Ihr Anteil erhöhte sich von 6 Prozent im Jahr 2023 auf 20 Prozent im Jahr 2024 und erreichte ein Volumen von rund 13 Milliarden Euro. Nach Schätzungen der Europäische Verteidigungsagentur (EDA) könnten die Investitionen bis 2025 um weitere vier Milliarden Euro wachsen.
Auch die Ausgaben für Forschung und Technologie (F&T) legten zu – von drei Milliarden Euro im Jahr 2023 auf fünf Milliarden Euro im Jahr 2024.
Daten der Europäischen Kommission zufolge hat der Europäische Verteidigungsfonds (EEF) zwischen 2021 und 2024 im Schnitt rund 60 Forschungs- und Entwicklungsprojekte pro Jahr gefördert, mit einem Höchstwert von 62 Projekten im Jahr 2024.
Innerhalb des Fonds entfällt der größte Anteil der Mittel auf die Kategorie "Innovation und KMU". Gleichzeitig dominieren bei den geförderten Projekten vor allem Mitgliedstaaten mit großen Verteidigungsmärkten.
Besonders stark profitieren große Forschungseinrichtungen, Universitäten, staatliche Akteure und etablierte Rüstungsunternehmen. Frankreich liegt mit 167 beteiligten Einrichtungen vorn, gefolgt von Deutschland (144), Italien (139) und Spanien (130). Deutlich weniger vertreten sind kleinere Länder wie die Slowakei und Kroatien mit jeweils neun Einrichtungen. Die meisten Projekte werden von Frankreich, Spanien, Griechenland und Italien koordiniert.
Trotz dieser Dynamik bleibt Europa im internationalen Vergleich zurück. In den USA entfallen rund 16 Prozent des Verteidigungshaushalts auf Forschung, Entwicklung, Test und Evaluierung (FTE&E), in der EU sind es lediglich etwa vier Prozent.
Für 2024 werden die entsprechenden Ausgaben der USA auf rund 138 Milliarden Euro geschätzt, mit einem erwarteten nominalen Rückgang von etwa zwei Prozent im Jahr 2025. Chinas Verteidigungs-F&E-Ausgaben lagen zwischen 2023 und 2024 Schätzungen zufolge bei rund 44 Milliarden US-Dollar, mit Schwerpunkten in Bereichen wie Künstliche Intelligenz, Hyperschalltechnologie und Quantentechnologie.