Westliche Sanktionen treffen Russlands Wirtschaft hart, doch Putins Kurs bleibt laut lettischem Verfassungsschutz vorerst unverändert. Eine Aufweichung der Maßnahmen könnte die Bedrohung durch Moskau sogar noch vergrößern.
Sanktionen gegen Russland bleiben eines der wirksamsten Instrumente, um die russische Bedrohung langfristig einzudämmen. Kurzfristig werden sie Moskaus Konfrontationskurs jedoch nicht verändern. Zu diesem Schluss kommt ein Bericht des lettischen Verfassungsschutzes.
Zwar behauptet Russland öffentlich weiterhin, die Folgen der westlichen Sanktionen erfolgreich zu bewältigen. Dem Bericht zufolge haben die restriktiven Maßnahmen dem Land jedoch erheblichen Schaden zugefügt - und werden dies auch weiterhin tun.
Nach eigenen Schätzungen musste Russland zwischen 2022 und 2025 zusätzlich 130 Milliarden Dollar für den Kauf von Waren ausgeben, die auf westlichen Sanktionslisten stehen. Bis 2030 könnten sich die Verluste demnach auf weitere mindestens 136 Milliarden Dollar belaufen.
Die Sanktionen verteuern die Logistikketten für russische Exporte und Importe und erhöhen die Kosten für Produkte. Das schmälert die Rentabilität russischer Unternehmen und belastet zugleich die Staatseinnahmen.
Einige russische Branchen haben durch die Sanktionen wichtige Absatzmärkte im Westen verloren, die bislang nicht durch alternative Märkte ersetzt werden konnten. Im Vergleich zu 2021 sanken die russischen Exporte von Eisenerz um 40 Prozent, von Eisenmetallen um 20 Prozent, von chemischen Erzeugnissen um 35 Prozent sowie von Holz und Zellstoff um 50 Prozent.
Nach Prognosen russischer Agenturen, die in dem Bericht nicht namentlich genannt werden, werden diese Branchen in den kommenden fünf Jahren nicht in der Lage sein, ihre verlorenen Positionen zurückzugewinnen.
Besonders besorgt ist Moskau dem Bericht zufolge über den wachsenden Druck des Westens auf Russlands Handelspartner — etwa durch Sekundärsanktionen, Zölle und andere Beschränkungen, die es Russland erschweren, seinen Handel auf alternative Märkte umzulenken.
Nach Einschätzung des lettischen Verfassungsschutzes würde eine Lockerung der Sanktionen die von Russland ausgehende Bedrohung nicht nur für die Ukraine und Europa, sondern auch weltweit deutlich erhöhen.
Die Autoren des Berichts warnen, Russland würde dadurch zusätzliche finanzielle Spielräume erhalten, um seine Aufrüstung zu beschleunigen und westlich gesinnte Gegner wie den Iran, Nordkorea, Venezuela und Kuba sowie paramilitärische Gruppen in Afrika zu unterstützen. Das könnte die Sicherheitslage in mehreren Weltregionen weiter destabilisieren.
Russland will Sanktionen entgegentreten
Russland werde sich den restriktiven Maßnahmen westlicher Staaten energisch widersetzen, erklärte der stellvertretende Außenminister Dmitri Ljubinski auf der internationalen Konferenz "Humanitäre Hilfe, Rechtsmittel und Rechenschaftspflicht bei einseitigen Sanktionen", die am 9. und 10. April in Genf stattfand.
Moskau betrachtet einseitige Zwangsmaßnahmen als illegitimes Instrument und bezeichnet deren Anwendung als Form des Neokolonialismus. Damit versuchten westliche Staaten aus russischer Sicht, souveräne Länder zu bestrafen, die einen unabhängigen außenpolitischen Kurs verfolgen.
Auch Präsident Wladimir Putin bezeichnete die Sanktionen Ende März auf einem Kongress der Russischen Union der Industriellen und Unternehmer als "illegal". Zugleich erklärte er, Russland gelinge es trotz des äußeren Drucks, Stabilität und stabile makroökonomische Kennzahlen aufrechtzuerhalten.
"Negative Trends in der Wirtschaft"
Das Institut für volkswirtschaftliche Prognosen der Russischen Akademie der Wissenschaften erwartet, dass das russische BIP-Wachstum im Jahr 2026 bei null oder sogar im negativen Bereich liegen könnte.
"Nach Berechnungen auf Grundlage der Anfang April verfügbaren statistischen Daten wird die BIP-Wachstumsrate für 2026 auf -0,6 Prozent geschätzt", heißt es in einer kurzfristigen Analyse zur Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts.
Die deutliche Verschlechterung der Prognose um 2,6 Prozentpunkte sei darauf zurückzuführen, dass in die Berechnungen Rosstat-Daten für die ersten beiden Monate des Jahres eingeflossen seien. Diese deuteten auf eine Zunahme negativer wirtschaftlicher Trends hin.
"Die Wirtschaft hat sich stark verlangsamt, und der Staatshaushalt ist dazu übergegangen, sie nicht mehr zu stimulieren, sondern ihr Geld zu entziehen", zitierte die Zeitung "Expert" den Ökonomen Anton Tabakh.
Seiner Einschätzung nach befindet sich die russische Wirtschaft in einer Art Kältestarre. "Sie atmet kaum, bewegt sich nicht, die Temperatur sinkt, aber sie lebt", sagte Tabakh der Zeitung "Expert".
Auch Analysten des Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen warnen, dass die russische Wirtschaft nur noch "einen Schritt" von einer Stagflation entfernt sei.